
Mit Blick auf die Landtagswahl 2026 sprachen wir mit Christian Holzer, Kandidat der SPD für den Wahlkreis 29 Bruchsal. Die Fragen an den Kandidaten kreisen sowohl um die Analyse der aktuellen Lage als auch um konkrete Ideen und Maßnahmen, mit denen der Kandidat Herausforderungen angehen möchte.
Christian Holzer wohnt in Forst und ist tätig als Geschäftsbereichsleitung/Prokurist. Der SPD gehört er seit 15 Jahren an. Holzer ist seit zwölf Jahren Gemeinderat und seit 2024 Kreisrat sowie stellvertretender Bürgermeister. Die Fragen stellte Ulrike Wolter.
NUSSBAUM.de: Die Energie- und Lebensmittelpreise belasten viele Haushalte stark. Welche Instrumente halten Sie für wirksam, um Bürgerinnen und Bürger konkret zu entlasten?
Christian Holzer: Der starke Kostenanstieg bei Energie, Lebensmitteln und Wohnen trifft viele Menschen spürbar. Eine Deckelung der Mieten und der Energiekosten, verbunden mit einer Senkung von Abgaben und Netzentgelten, kann kurzfristig einen weiteren Preisanstieg verhindern. Gleichzeitig muss durch eine neue Steuergerechtigkeit und eine Deckelung der Sozialabgaben erreicht werden, dass die Menschen mehr Netto vom Brutto erhalten. Staatliche Mittel müssen dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden – bei Familien, Alleinerziehenden, Rentnerinnen und Rentnern sowie Menschen mit geringem Einkommen. Langfristig müssen wir Bürokratie abbauen, um Betriebskosten zu senken, regionale Landwirtschaft und Erzeugung stärker fördern und nutzen, massiv in den Wohnraum investieren in einem Dreiklang der privaten Bauwirtschaft, gemeinnützigen Trägern und Genossenschaften sowie der öffentlichen Hand, sodass die Wohnkosten spürbar sinken und auch hier die Menschen am Ende des Monats mehr Geld übrig haben.
NUSSBAUM.de: Das Förderprogramm „Junges Wohnen“ soll Auszubildenden und Studierenden den Einstieg in den Wohnungsmarkt erleichtern. Halten Sie eine Ausweitung der Landesmittel hierfür für notwendig?
Christian Holzer: Angesichts steigender Mieten und knapper Wohnungsangebote halte ich eine Ausweitung der Landesmittel ausdrücklich für notwendig. Der Bedarf ist vielerorts größer als das aktuelle Angebot, insbesondere in Hochschul- und Ausbildungsstandorten.
NUSSBAUM.de: Wie sollte das Land Ihrer Meinung nach mit Leerstand und Umnutzung von Bestandsimmobilien umgehen, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?
Christian Holzer: Wir müssen Leerstand und ungenutzte Bestandsimmobilien konsequenter in den Blick nehmen. Bezahlbarer Wohnraum entsteht nicht nur durch Neubau, sondern auch durch intelligente Nutzung vorhandener Gebäude. Das Land sollte Kommunen stärker dabei unterstützen, Leerstände systematisch zu erfassen und zu aktivieren, Umnutzungen – etwa von Büro-, Handels- oder Verwaltungsflächen zu Wohnraum – finanziell und rechtlich zu erleichtern (Bau-Turbo nutzen!), Sanierungen energetisch zu fördern, damit die Mieten dauerhaft bezahlbar bleiben. Wichtig ist dabei, bürokratische Hürden abzubauen und Förderprogramme so auszugestalten, dass sie auch für kommunale Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und gemeinwohlorientierte Träger attraktiv sind.
NUSSBAUM.de: Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf im Bildungsbereich, und welche konkreten Maßnahmen würden Sie in der kommenden Legislaturperiode priorisieren?
Christian Holzer: Priorität hat im Bildungsbereich aktuell die Sicherung von verlässlichem Unterricht und Betreuungszeiten. Fachkräftemangel und Unterrichts-Betreuungszeitenausfall belasten die Schülerschaft und Eltern ebenso wie Lehrkräfte. Priorität hat daher, mehr qualifiziertes Personal zu gewinnen und im System zu halten – durch bessere Arbeitsbedingungen, Entlastung von Verwaltungsaufgaben, dem Ausbau multiprofessioneller Teams sowie gezielte Programme für Quer- und Seiteneinstieg bei gleichzeitiger Qualitätssicherung. Zudem dürfen wir den Sanierungsstau an Bildungseinrichtungen nicht länger hinnehmen. Investitionen in moderne, sichere, digitale und klimaneutrale Einrichtungen sind Investitionen in Bildungsgerechtigkeit und in eine erfolgreiche Zukunft für jeden Einzelnen und die gesamte Gesellschaft. Mit einer Bildungs-Milliarde wollen wir die Kommunen finanziell und organisatorisch unterstützen, um diese wichtigen Investitionen zu tätigen. Bildung muss kostenfrei sein. Daher werden wir Landesmittel umschichten, um Eltern bei Kitabeiträgen zu entlasten.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, und auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche Versorgung sicherzustellen?
Gesundheit darf kein Privileg des Wohnorts sein. Sie ist ein Versprechen, das wir allen Menschen geben müssen – in der Stadt wie auf dem Land. Unsere Antwort ist klar: Wir wollen die medizinische Versorgung dort stärken, wo sie gebraucht wird. Wir wollen in Ärzte und Pflegekräfte investieren – mit besseren Arbeitsbedingungen, verlässlichen Strukturen, Bürokratieabbau und echten Perspektiven, gerade im ländlichen Raum. Kommunale und gemeinwohlorientierte medizinische Versorgungszentren (MVZ) können dabei ein starkes Fundament bilden, zusammen mit geförderten und genossenschaftlichen Ärztehäusern. Entscheidungen über Notfallpraxen dürfen nicht nur auf dem Papier getroffen werden. Sie müssen sich am Versorgungsbedarf der Menschen orientieren. Mit Telemedizin und mobilen Angeboten können wir neue Wege gehen. Ebenso brauchen wir einen Strategieplan, der ganzheitlich die Gesundheitsversorgung betrachtet, inklusive Fach- und Zahnärzte, Kliniken, Notfallpraxen, Psychologen etc.
NUSSBAUM.de: Welchen landespolitischen Hebel sehen Sie als realistisch, um Pflegekräfte dazuzugewinnen und Einrichtungen zu stabilisieren – jenseits von Appellen an den Bund?
Christian Holzer: Pflegekräfte gewinnen wir nicht durch Appelle, sondern durch konkrete Verbesserungen im Arbeitsalltag – und hier hat das Land durchaus wirksame Hebel. Entscheidend sind vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Das Land kann gezielt Programme zur Entlastung der Pflege auflegen, etwa durch die Förderung zusätzlicher Stellen für Assistenz- und Verwaltungskräfte, damit Pflegefachkräfte mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit haben. Ein weiterer zentraler Hebel ist die Ausbildung. Das Land sollte die Ausbildungskapazitäten weiter ausbauen, Pflegeschulen verlässlich finanzieren und Auszubildende durch kostenfreie Ausbildung unterstützen. Auch die Anerkennung ausländischer Abschlüsse muss schneller und unbürokratischer erfolgen – mit landesweit einheitlichen Verfahren.
NUSSBAUM.de: Das Land Baden-Württemberg hat sich der „Vision Zero“ verschrieben, also die Reduzierung der Verkehrstoten auf null. Welche konkreten Maßnahmen – etwa Infrastruktur, Sanktionen oder Bildungsprogramme – würden Sie prioritär unterstützen, um dieses Ziel im Land zu erreichen?
Christian Holzer: Es braucht ein entschlossenes Maßnahmenbündel, denn kein Verkehrstoter ist hinnehmbar. Priorität hat eine sichere Infrastruktur. Dazu gehören der gezielte Ausbau von Rad- und Fußwegen, sichere Querungen, Tempo-30-Zonen insbesondere vor Kitas und Schulen, Förderung von Geschwindigkeitsanzeigetafeln sowie eine konsequente Entschärfung von Unfall- und Gefahrenstellen. Ebenso wichtig ist eine schnellere und besser koordinierte Umsetzung von Baustellen. Lange Baustellenzeiten und unübersichtliche Verkehrsführungen erhöhen das Unfallrisiko und führen zu Stauenden, an denen es immer wieder zu schweren Unfällen und Todesfällen kommt. Hier muss das Land Planungs- und Genehmigungsprozesse beschleunigen, digitale Verkehrsführung ausbauen und Bauzeiten verkürzen. Ergänzend braucht es wirksame Kontrollen und schärfere Sanktionen gegen überhöhte Geschwindigkeit, Ablenkung und Alkohol am Steuer sowie präventive Bildungsprogramme für alle Altersgruppen.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Christian Holzer: Ein zentraler Schritt ist der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien mit regionaler Wertschöpfung. Bürgerenergiegenossenschaften, kommunale Stadtwerke und lokale Initiativen müssen gestärkt werden, damit Menschen vor Ort von der Energiewende profitieren – durch bezahlbaren Strom, Mitbestimmung und Einnahmen in der Region statt für profitorientierte Großkonzerne. Gleichzeitig gehören eine starke regionale Landwirtschaft und nachhaltige Forstwirtschaft zum Klimaschutz. Wer regional produziert, schont Klima und Umwelt, stärkt ländliche Räume und sichert Arbeitsplätze. Das Land sollte gezielt Betriebe fördern, die nachhaltig wirtschaften und Verantwortung für Boden, Wasser und Wälder übernehmen. Investitionen in Radwege, einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr, E-Ladesäulen und klimafreundliche Antriebe entlasten Klima und Geldbeutel zugleich. Wir wollen: Klimaschutz von unten, mit Beteiligung der Menschen, regionaler Wertschöpfung und einer Politik, die ökologische Verantwortung mit sozialer Sicherheit verbindet.
NUSSBAUM.de: Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um die Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen, ohne die Freiheitsrechte einzuschränken?
Christian Holzer: Ein handlungsfähiger Staat ist das Ziel. Prioritäten haben Investitionen in Polizei und Justiz. Es braucht Prävention, Präsenz und Konsequenz. Dazu gehört eine gut ausgestattete und bürgernahe Polizei, die sichtbar präsent ist, schnell eingreifen kann und personell wie technisch auf der Höhe der Zeit arbeitet. Gleichzeitig müssen Justiz und Verwaltung so aufgestellt sein, dass Straftaten zügig verfolgt und sanktioniert werden – das schafft Vertrauen und wirkt abschreckend. Mindestens ebenso wichtig ist starke Präventionsarbeit: Jugend- und Sozialarbeit, Gewalt- und Suchtprävention sowie Hilfsangebote für gefährdete Gruppen. Sicherheit im öffentlichen Raum entsteht zudem durch kluge Stadtplanung – gute Beleuchtung, übersichtliche Plätze, funktionierende Infrastruktur und belebte Quartiere. Wir wollen keinen Abbau von Freiheitsrechten, sondern einen Staat, der handlungsfähig ist und Sicherheit durch soziale Stärke, Rechtsstaatlichkeit und Präsenz gewährleistet.
NUSSBAUM.de: Blicken wir einmal ganz gezielt auf Bad Schönborn. Das ehemalige ophelis-Werksgelände in Langenbrücken wird derzeit umgenutzt. Welche Erwartungen und Bedenken verbinden Sie mit der geplanten Neuausrichtung dieses Standorts, speziell mit der Ansiedlung neuer Unternehmen – und welche landespolitischen Rahmenbedingungen wären dafür wichtig?
Christian Holzer: Der Verlust des Büromöbelspezialisten Ophelis war und ist ein Verlust für die Region. Er zeigt, dass wir Produktion und damit Arbeitsplätze in Deutschland sichern und zu den Prioritäten machen müssen. Für das ehemalige Werksgelände in Langenbrücken erwarte ich, dass neue Ansiedlungen vor allem dauerhafte, gute Arbeitsplätze schaffen – idealerweise auch in der Produktion und nicht nur im reinen Handel oder der Logistik. Gleichzeitig müssen Verkehr und Infrastruktur mitgedacht werden: Wir dürfen keine Nutzungen zulassen, die vor allem mehr Lkw-Verkehr erzeugen, ohne lokale Beschäftigung zu schaffen. Das Gelände soll in die Gewerbestruktur von Bad Schönborn passen und den Standort langfristig stärken, nicht nur kurzfristig Flächen füllen. Landespolitisch braucht es klare Vorgaben zur Flächensteuerung, zu Verkehrs- und Lärmschutz sowie Anreize für industrielle Wertschöpfung und Ausbildung vor Ort.
NUSSBAUM.de: Als Kur- und Wohnort ist Bad Schönborn auf eine funktionierende Infrastruktur und attraktive öffentliche Angebote angewiesen. Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für entscheidend, um Orte wie Bad Schönborn langfristig zu stärken – wirtschaftlich, infrastrukturell und in ihrer Lebensqualität?
Christian Holzer: Bad Schönborn ist als Kur-, Wohn- und Arbeitsort auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Wir brauchen eine kommunalfreundliche Landesregierung, die Konnexität lebt, Kosten für übertragene Aufgaben nahezu 100% erstattet und zugesagte Erstattungen schnell auszahlt, damit Verwaltung und Gemeinderat vor Ort die finanziellen Möglichkeiten haben, in eine moderne und nachhaltige kommunale Daseinsvorsorge zu investieren – Straßen, Radwege, öffentliche Gebäude, Bildungseinrichtungen, Wassersysteme, Begegnungsstätten, moderne Verwaltung, Vereine etc. Das Thermarium ist ein wichtiger Gesundheitsstandort, leidet aber massiv unter hohen Energiepreisen und muss zugleich beständig in Unterhalt und Modernisierung investieren. Baden-Württemberg will Bäderland Nummer 1 sein, doch andere Länder unterstützen ihre Kurorte deutlich stärker. Hier muss die Landespolitik handeln: Die SPD setzt einen Schwerpunkt auf ein Förderprogramm zur Stärkung der Kurorte – zur Deckelung der Energiekosten und für Investitionen.
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