
Zur bevorstehenden Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg hat NUSSBAUM.de einen Fragenkatalog an fünf Kandidat:innen des Wahlkreises Ettlingen verschickt. Wir wollten wissen, wie sie zu viel diskutierten Themen stehen und welche Lösungsansätze sie verfolgen.
Kai Keune ist Landtagskandidat für die Grünen im Wahlkreis Ettlingen. Der 43-Jährige wohnt in Ettlingen und ist seit 2022 bei den Grünen, inzwischen sogar Vorsitzender des Ortsverbands. Beruftstätig ist er bei der AfB gGmbH, ein IT-Refurbisher, im Sustainable Business-Development.
NUSSBAUM.de: Die Energie- und Lebensmittelpreise belasten viele Haushalte stark, auch im Landkreis Karlsruhe wird für dieses Jahr ein starker Anstieg der Heizkosten prognostiziert. Welche Instrumente halten Sie für wirksam, um Bürgerinnen und Bürger konkret zu entlasten?
Keune: Die stark gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise treffen viele Haushalte. Kurzfristig brauchen wir daher gezielte Entlastungen, etwa durch soziale Ausgleichsmechanismen bei Energiepreisen.
Gleichzeitig können wir dauerhafte Entlastung und Preissicherheit nur erreichen, wenn wir die Abhängigkeit von fossilen Energien beenden. Die größten Preissprünge entstanden nicht durch Klimaschutz, sondern durch die Abhängigkeit von importiertem Gas und Öl, deren Preise stark schwanken und politisch missbraucht werden können.
Die CO₂-Abgabe verteuert fossile Energie zwar, ihr Anteil an den Gesamtkosten ist jedoch deutlich geringer als die Effekte der internationalen Märkte. Damit Klimaschutz niemanden überfordert, müssen CO₂-Preise sozial abgefedert werden.
Wir müssen beides zusammen denken – akute Hilfe für die nächste Heizkostenabrechnung und Investitionen in eine verlässlichere, regionale Energieversorgung. Strom und Wärme aus Sonne, Wind und Umweltwärme werden nicht durch Krisen teurer, sondern bleiben planbarer. Wer stabile Preise will, muss heute in Energie-Unabhängigkeit investieren.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche Versorgung sicherzustellen?
Keune: Viele Menschen erleben gerade, dass medizinische Versorgung unsicherer wird. Termine sind schwer zu bekommen und Notfallpraxen wie in Ettlingen schließen. Für alle, die dringend Hilfe brauchen, ist das katastrophal.
Was mich dabei besonders ärgert, ist das Gefühl, dass Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Genau das bringt niemandem etwas.
Deshalb setze ich mich dafür ein, dass medizinische Versorgungszentren gezielt ausgebaut und finanziell abgesichert werden. Mobile medizinische Angebote und Telemedizin müssen landesweit gefördert werden, um Versorgung wohnortnah zu sichern.
Gleichzeitig braucht es eine stärkere Rolle des Landes bei der Vernetzung von Kliniken, Rettungsdiensten und niedergelassenen Arztpraxen, damit Zuständigkeitsgrenzen nicht länger zu Versorgungslücken führen. Dazu gehört auch, die Kommunen bei Planung und Koordination spürbar zu entlasten.
Ein weiterer Hebel sind die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen. Ich unterstütze den Abbau unnötiger Bürokratie, den Ausbau multiprofessioneller Teams und landesweite Programme zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, damit Fachkräfte sich bewusst für Baden-Württemberg entscheiden.
MAZ: Viele Schulen in Baden-Württemberg stehen vor großen Herausforderungen – vom Lehrkräftemangel über Unterrichtsausfall bis hin zu maroden Schulgebäuden und der Umsetzung von Digitalisierung. Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf im Bildungsbereich, und welche konkreten Maßnahmen würden Sie in der kommenden Legislaturperiode priorisieren?
Keune: Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall und psychisch belastete Schülerinnen prägen den Schulalltag – auch im Landkreis Karlsruhe. Dabei zeigt sich vielerorts, wie wichtig gute Schulen sind.
Entscheidend ist für mich, dass Schule ihrem Kernauftrag gerecht werden kann: Bildung, Förderung und Chancengleichheit. Schulen dürfen nicht auf bloße Betreuung reduziert werden, sondern brauchen die Voraussetzungen, um junge Menschen bestmöglich zu bilden.
Dafür müssen wir Schulen personell, organisatorisch und baulich stärken. Vorrang hat die personelle Absicherung: mehr Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Schulpsychologinnen. Zugleich gilt es, Sanierungen und Digitalisierung voranzubringen. Bildung ist unsere wichtigste Zukunftsinvestition und braucht dauerhaft ausreichende Mittel.
NUSSBAUM.de: Laut Pestel-Institut gibt es in Deutschland, vor allem in Baden-Württemberg, einen massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der sich in den nächsten Jahren verschärfen soll. Mit welchen Maßnahmen möchten Sie den Bau von neuen Wohnungen unterstützen, sodass langfristig auch die Mietpreise nicht durch die Decke gehen?
Keune: Bezahlbarer Wohnraum fehlt inzwischen überall – besonders in Baden-Württemberg. Um das zu ändern, brauchen wir mehr Wohnungen, die dauerhaft bezahlbar bleiben.
Deshalb setze ich mich dafür ein, dass der soziale und gemeinwohlorientierte Wohnungsbau deutlich gestärkt wird. Das Land muss Kommunen und Wohnungsbaugesellschaften verlässlich unterstützen – mit langfristigen Förderprogrammen.
Auch wenn einige Gemeinden meist nicht selbst bauen, haben sie über ihre Planungshoheit großen Einfluss darauf, ob und für wen gebaut wird. Das Land muss sie dabei stärken: mit Beratung, Förderung und klaren rechtlichen Möglichkeiten, etwa für Sozialwohnungsquoten.
Ein großes Problem sind die hohen Grundstückspreise. Deshalb setzen wir auf eine aktive Bodenpolitik, mehr Vorkaufsrechte für Kommunen und Maßnahmen gegen Bodenspekulation.
Und wir wollen besser nutzen, was schon da ist: durch Aufstockung, Nachverdichtung, die Umnutzung leerstehender Gebäude und neue Wohnformen wie Mehrgenerationenwohnen. So entsteht Wohnraum, ohne immer neue Flächen zu verbrauchen – sozial gerecht und ökologisch sinnvoll.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Keune: Klimaschutz darf kein Projekt für wenige sein, sondern muss für alle bezahlbar bleiben. Sozial gerecht wird die Energiewende deshalb nur, wenn wir Menschen entlasten, die wenig Spielraum haben. Das heißt: gezielte Unterstützung bei hohen Energiekosten, Förderprogramme, die auch Mieter:innen und kleine Eigenheime erreichen, und Investitionen in effiziente Heizsysteme und Gebäude, damit die laufenden Kosten dauerhaft sinken.
Wirtschaftlich tragfähig wird die Energiewende, wenn wir auf das setzen, was langfristig verfügbar ist. Erneuerbare Energien wie Sonne und Wind machen uns unabhängig von teuren Importen und schwankenden Weltmärkten. Sie sorgen für niedrige Preise und stärken regionale Wertschöpfung.
Technisch machbar wird die Energiewende durch klare Planung und gute Umsetzung: moderne Netze, Speicher, eine verlässliche Wärmeplanung in den Kommunen sowie weniger Bürokratie. Mein Ziel ist eine Energiewende, die bezahlbar ist, funktioniert und Vertrauen schafft.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen fühlen sich bei Migration und Integration überfordert. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche Ansätze halten Sie für besonders geeignet, um Städte und Gemeinden zu unterstützen?
Keune: Viele Städte und Gemeinden leisten seit Jahren Großartiges bei der Aufnahme und Integration von Geflüchteten – auch im Landkreis Karlsruhe mit viel ehrenamtlichem Engagement. Dieses verdient Anerkennung.
Gleichzeitig stoßen viele Kommunen an ihre Grenzen, und Frust vor Ort ist verständlich, wenn Unterstützung fehlt. Aus meiner Sicht liegt das Problem weniger im „Ob“ von Migration, sondern im „Wie“ ihrer Organisation.
Kommunen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, planbare Finanzierung und klare Zuständigkeiten. Das Land und der Bund müssen hier stärker entlasten, statt Aufgaben einfach weiterzureichen. Dazu gehören eine faire Verteilung, schnelle Verwaltungsverfahren und eine auskömmliche Finanzierung.
Entscheidend ist, Integration pragmatisch zu organisieren: Sprachförderung von Anfang an, schnelle Zugänge zu Schule, Ausbildung und Arbeit sowie Unterstützung der Kommunen bei Kitas, Schulen und Wohnraum.
Migration ist Realität. Wir brauchen sie, um den Fachkräftemangel abzufedern. Leere „Die müssen alle weg“ Rufe, wie sie in rechtskonservativen Kreisen zu hören sind, bringen uns nicht weiter. Integration muss funktionieren, denn ohne sie folgt der Abstieg. Ob der politische Wille da ist, entscheiden die Wähler am 8. März!
NUSSBAUM.de: Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) für Baden-Württemberg, die im März 2025 für das Jahr 2024 veröffentlicht wurde, zeichnet ein differenziertes Bild: Während die Gesamtzahl der Straftaten leicht gesunken ist, gibt es einen besorgniserregenden Anstieg bei bestimmten Gewalt- und Kriminalitätsformen. Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen, ohne Freiheitsrechte einzuschränken?
Keune: Die Statistik zeigt für Baden-Württemberg ein differenziertes Bild: Die Zahl der Straftaten ist leicht gesunken. Gleichzeitig gibt es deutliche Anstiege bei einzelnen Delikten, etwa Gewaltkriminalität, häuslicher Gewalt und Straftaten durch junge Tatverdächtige. Ursachen sind unter anderem soziale Belastungen, Nachwirkungen der Pandemie, psychische Krisen sowie Alkohol- und Drogenkonsum.
Entgegen vielen Behauptungen lässt sich aus der Statistik keine pauschale Zunahme „migrantischer Kriminalität“ ableiten. Solche Vereinfachungen ignorieren soziale Faktoren und helfen weder der Prävention noch der Sicherheit. Sie schüren Ängste, ohne Probleme zu lösen.
Um Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen, setze ich auf konkrete Maßnahmen:
NUSSBAUM.de: Die Situation in der Pflege wird als dramatisch beschrieben. Welchen landespolitischen Hebel sehen Sie realistisch, um Pflegekräfte dazuzugewinnen und Einrichtungen zu stabilisieren – jenseits von Appellen an den Bund?
Keune: Ein zentraler Hebel liegt in den Arbeitsbedingungen. Das Land kann Pflegeeinrichtungen gezielt dabei unterstützen, verlässlichere Dienstpläne, mehr Mitbestimmung und bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie umzusetzen. Wichtig ist außerdem, Ausbildungsplätze abzusichern, Ausbildungskapazitäten auszubauen und Pflegeauszubildende besser zu begleiten, damit sie den Beruf nicht frühzeitig wieder verlassen.
Wichtig ist auch der Quereinstieg in die Pflege. Der Berufswechsel darf bei Wechslern nicht in die finanzielle Unsicherheit führen.
Quereinsteiger*innen sollten während der Ausbildung finanziell abgesichert werden. Modelle, bei denen ein Großteil des bisherigen Einkommens während der Ausbildung erhalten bleibt oder durch Landeszuschüsse ergänzt wird, können den Einstieg realistisch machen – gerade für Menschen mit Familie.
Gerade im Verdichtungsraum rund um Karlsruhe entscheidet sich, ob Pflegeeinrichtungen im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen können – hier braucht es gezielte Unterstützung durch das Land. Am wichtigsten aber ist der Abbau von Bürokratie. Pflegekräfte verbringen zu viel Zeit mit Dokumentation statt mit Menschen. Das muss sich ändern!
NUSSBAUM.de: Der öffentliche Nahverkehr ist in vielen Regionen unzuverlässig, auf dem Land oft unzureichend. Welche konkreten Schritte halten Sie für notwendig, um Mobilität für Stadt und Land sicherzustellen?
Keune: Mobilität muss für alle verlässlich funktionieren – auch außerhalb größerer Städte. Dafür braucht es einen öffentlichen Nahverkehr, der einfach nutzbar, bezahlbar und zuverlässig ist. Das Deutschlandticket macht den ÖPNV übersichtlich und attraktiver. Entscheidend ist nun, dass Bund und Länder ihre Finanzierung dauerhaft absichern und das Ticket bezahlbar bleibt.
Gleichzeitig merken viele Menschen im Alltag: Es hakt noch zu oft bei Zuverlässigkeit, Anschlüssen oder schnellen Verbindungen. Auch die Erreichbarkeit der Haltestellen ist vielerorts ein Problem. Genau da müssen wir weiter ansetzen.
Mein Fokus liegt darauf, den bestehenden Verkehr stabil zu machen: mit ausreichend Personal, guten Arbeitsbedingungen und einer langfristig gesicherten Finanzierung. Dabei setze ich auch auf flexible Lösungen wie Ruf- und On-Demand-Verkehre. Ein gutes Beispiel ist das „MyShuttle“-Angebot in Malsch.
Zudem müssen Anschlüsse besser abgestimmt und die Schiene weiter ausgebaut werden.
NUSSBAUM.de: Baden-Württemberg gilt als starker Wirtschaftsstandort, kämpft aber gleichzeitig mit Fachkräftemangel. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage, und welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um Fachkräfte zu gewinnen und Unternehmen zu stärken?
Keune: Wir müssen junge Menschen und vor allem Mädchen besser auf technische und handwerkliche Berufe vorbereiten, sie für sie begeistern, Ausbildungsplätze sichern und Übergänge von Schule in Beruf stärken. Duale Ausbildung, Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen und regionale Qualifizierungsprogramme sind dafür entscheidend.
Gleichzeitig braucht es Weiterbildung, damit Beschäftigte mit schnellen technologischen Veränderungen Schritt halten können. Hier kann das Land Programme fördern, etwa Weiterbildungsbudgets und Bildungsurlaube.
Ein weiterer Hebel ist die Integrationskraft des Arbeitsmarktes: Wir müssen Menschen mit Migrationsgeschichte, Langzeitarbeitslose und Rückkehrer besser in Ausbildung und Arbeit bringen – mit Sprachförderung, Anerkennung von Abschlüssen und passenden Einstiegsmöglichkeiten.
Schließlich gehört die Verbesserung von Arbeitsbedingungen dazu sowie ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft: Wer einen Meister hat, kann stolz auf sich sein. Meister und Master sind gleichwertig!
Die Fragen beantwortete der Kandidat per Mail.
► Wahlkreis 31 Ettlingen: Ein Überblick zur Landtagswahl 2026