Zur bevorstehenden Landtagswahl 2026, die am Sonntag, 8. März, stattfindet, wollte die Wieslocher Woche von Kandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises 37 Wiesloch wissen, wie sie zu viel diskutierten Themen stehen und welche Lösungsansätze sie verfolgen. Hier können Sie das Interview mit Marlon Käsemann von Die Linke lesen.
Käsemann ist derzeit nicht erwerbstätig, wohnt in Hockenheim und ist seit zwei Jahren politisch und in der Linken tätig.
NUSSBAUM.de: Welche konkreten Maßnahmen möchten Sie auf Landesebene ergreifen, um den Bau von bezahlbarem Wohnraum zu fördern?
Marlon Käsemann: Wohnen ist ein Grundbedürfnis und keine Gelddruckmaschine. Die Mietenexplosion in Städten wie Stuttgart oder Freiburg treibt Menschen aus ihren Vierteln. Der Markt hat versagt. Wir Linke fordern einen radikalen Kurswechsel in Baden-Württemberg:
- Landeswohnungsbaugesellschaft: Wir gründen ein öffentliches Unternehmen, das massiv bezahlbare Wohnungen baut und Bestände aufkauft. Rendite spielt hier keine Rolle.
- Stopp des Ausverkaufs: Kein Quadratmeter Landesgrund darf mehr an private Investoren verscherbelt werden. Öffentlicher Boden wird nur noch in Erbpacht vergeben.
- 50-Prozent-Quote: Wir machen eine verbindliche Quote von mindestens 50 Prozent dauerhaft gebundener Sozialwohnungen bei allen Neubauprojekten zur Pflicht.
- Kampf der Spekulation: Wir setzen ein landesweites Zweckentfremdungsverbot und eine strenge Leerstandsabgabe durch.
NUSSBAUM.de: Wie sollte das Land Kommunen wie Wiesloch unterstützen, um steigende Pflichtaufgaben und eine hohe Verschuldung besser bewältigen zu können?
Käsemann: Kommunen wie Wiesloch stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Das Land wälzt immer neue Pflichtaufgaben ab, vom Ausbau der Kinderbetreuung bis hin zur Unterbringung Geflüchteter, lässt die Städte aber bei der Finanzierung im Stich. Das treibt sie in die Verschuldung und zwingt sie, bei Schwimmbädern, Bibliotheken oder Jugendtreffs den Rotstift anzusetzen. Als Linke fordern wir eine radikale finanzielle Wende für unsere Kommunen:
- „Wer bestellt, bezahlt“ strikt anwenden: Das sogenannte Konnexitätsprinzip muss endlich Realität werden. Wenn das Land neue Pflichtaufgaben vorschreibt, muss es diese auch zu 100 Prozent und dauerhaft finanzieren.
- Gerechter Finanzausgleich: Baden-Württemberg ist ein reiches Land, es darf hier keine armen Kommunen geben. Der kommunale Finanzausgleich muss deutlich aufgestockt und zugunsten der Städte und Gemeinden umgeschichtet werden.
NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für geeignet, um Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spürbar zu entlasten?
Käsemann: Die Lebenshaltungskosten fressen die Löhne auf. Während viele Konzerne Rekordgewinne feiern, wissen Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen oft nicht mehr, wie sie den Kühlschrank füllen sollen. Als Linke fordern wir für Baden-Württemberg sofortige, spürbare Entlastungen:
- Kitagebühren komplett abschaffen: Frühkindliche Bildung muss kostenfrei sein. Die Abschaffung entlastet junge Familien sofort um hunderte Euro im Monat. Zudem fordern wir ein kostenloses, gesundes Mittagessen an allen Schulen und Kitas.
- Bezahlbare Mobilität: Unser Ziel ist der ticketfreie ÖPNV. Als Sofortmaßnahme brauchen wir ein landesweites Sozialticket für maximal 9 Euro im Monat für Geringverdienende, Azubis und Renter:innen.
- Energiearmut beenden: Niemandem darf der Strom abgestellt werden. Wir fordern ein landesweites Verbot von Strom- und Heizungssperren sowie einen Härtefallfonds, der im Notfall einspringt.
- Mietenstopp: Wir brauchen einen strikten landesweiten Mietenstopp.
NUSSBAUM.de: Ist die aktuelle Kosten- und Aufgabenverteilung zwischen Land und Kommunen bei Kitas aus Ihrer Sicht gerecht, und sollte das Land mehr Verantwortung übernehmen?
Käsemann: Ganz klares Nein! Die aktuelle Verteilung ist zutiefst ungerecht. Das Land lässt die Kommunen bei der Kinderbetreuung regelrecht im Stich. Städte und Gemeinden sind finanziell extrem überlastet, während Eltern gleichzeitig horrende Gebühren zahlen müssen und Erzieher:innen völlig am Limit arbeiten. Als Linke fordern wir, dass das Land Baden-Württemberg endlich die volle Verantwortung übernimmt:
- Gebührenfreie Kitas: Frühkindliche Bildung ist Bildung. Genauso wie die Schule muss die Kita für alle gebührenfrei sein. Das Land muss die Einnahmeausfälle der Kommunen zu 100 Prozent ausgleichen!
- Konnexitätsprinzip: Wer bestellt, der bezahlt. Wenn das Land rechtliche Standards und Betreuungsansprüche festlegt, muss es die Kosten für Bau, Betrieb und Personal auch komplett tragen.
- Ausbildungsoffensive: Um den dramatischen Personalmangel zu beenden, muss das Land eine landesweite, gut vergütete Fachkräfteoffensive massiv finanzieren.
NUSSBAUM.de: Welche Verantwortung trägt das Land für Personal, Digitalisierung und Organisation der Ausländerbehörden, und was würden Sie konkret ändern, um Verfahren zu beschleunigen?
Käsemann: Die Ausländerbehörden in Baden-Württemberg sind überlastet. Die Landesregierung lässt die Kommunen mit veralteten Strukturen allein. Wir wollen diese Ämter von „Abwehrbehörden“ zu echten Willkommensbehörden umbauen. Das Land trägt hier die zentrale Steuerungs- und Finanzierungsverantwortung. Meine Sofortmaßnahmen:
- Personaloffensive: Das Land muss den Kommunen zweckgebundene Mittel bereitstellen, um massiv Personal aufzubauen und anständig zu bezahlen. Dazu gehören zwingend landesweite Pflichtschulungen in Antidiskriminierung.
- Zentrale Digitalisierung: Weg mit dem IT-Flickenteppich. Das Land muss eine einheitliche, nutzerfreundliche Software finanzieren und ausrollen. Anträge müssen mehrsprachig, online stellbar und transparent nachverfolgbar sein.
- Bleiberecht statt Bürokratie: Das Innenministerium muss per Erlass anweisen, dass Ermessensspielräume immer zugunsten der Menschen genutzt werden. Großzügige Bleiberechte und Arbeitserlaubnisse entlasten die Behörden sofort.
NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Hebel sehen Sie, um Pflegekräfte zu gewinnen und Pflegeeinrichtungen langfristig zu stabilisieren?
Käsemann: Das Pflegesystem steht vor dem Kollaps, weil es dem Profitstreben unterworfen wurde. Klatschen auf dem Balkon reicht nicht, wir brauchen endlich Taten. Wir Linke setzen an den Wurzeln an:
- Rekommunalisierung & Profitverbot: Pflege ist keine Ware. Wir wollen profitorientierte Pflegekonzerne zurückdrängen. Heime und Krankenhäuser gehören in öffentliche oder gemeinnützige Hand.
- Strikte Personalvorgaben: Über das Landesheimgesetz müssen wir verbindliche, bedarfsgerechte Personalschlüssel durchsetzen. Bessere Arbeitsbedingungen und mehr Zeit für den Menschen sind der einzige Weg, um die Flucht aus dem Beruf zu stoppen!
- Ausbildungsumlage & Tariftreue: Wir fordern eine solidarische Ausbildungsumlage. Außerdem: Öffentliche Fördergelder des Landes gibt es nur noch für Träger, die ausnahmslos nach Tarif bezahlen.
- Investitionskosten übernehmen: Das Land muss endlich wieder 100 Prozent der Bau- und Investitionskosten für Heime tragen, um die Einrichtungen zu stabilisieren.
NUSSBAUM.de: Welche konkreten Maßnahmen würden Sie priorisieren, um das Ziel der „Vision Zero“ im Straßenverkehr in Baden-Württemberg zu erreichen?
Käsemann: Die „Vision Zero“ darf kein leeres Versprechen sein. Solange die grün-schwarze Landesregierung jedoch vor der Stuttgarter Autolobby kuscht, ändert sich nichts. Wir Linke fordern eine radikale Umverteilung des öffentlichen Raums zugunsten der Schwächsten: Fußgänger:innen und Radfahrende. Meine Prioritäten für Baden-Württemberg:
- Sichere Infrastruktur: Wir wollen Kommunen verpflichten, baulich getrennte Radwege und breite Gehwege zu schaffen. Der private Autoverkehr muss dafür Platz abgeben.
- Autofreie Schulwege: Vor Kitas und Schulen haben Autos nichts zu suchen. Wir wollen „Schulstraßen“ landesweit umsetzen – konsequent autofrei zu den Bring- und Holzeiten.
- Kontrolldruck erhöhen: Raser gefährden Menschenleben. Das Land muss für deutlich mehr Verkehrskontrollen sorgen.
NUSSBAUM.de: Welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um dem Fachkräftemangel in Baden-Württemberg zu begegnen und den Wirtschaftsstandort zu stärken?
Käsemann: Der sogenannte Fachkräftemangel ist in vielen Branchen schlicht ein Mangel an guten Arbeitsbedingungen und fairen Löhnen. Baden-Württemberg bleibt wirtschaftlich nur stark, wenn die Menschen, die diesen Reichtum erarbeiten, auch davon profitieren. Als Linke fordern wir konkrete Maßnahmen statt warmer Worte für die Wirtschaft:
- Tariftreuegesetz verschärfen: Öffentliche Aufträge und Fördergelder des Landes darf es nur noch für Unternehmen geben, die nach Tarif bezahlen. Lohndumping schadet dem Standort und vertreibt Fachkräfte.
- Solidarische Ausbildungsumlage: Wir wollen Unternehmen, die nicht selbst ausbilden, zur Kasse bitten. Mit diesem Fonds finanzieren wir eine Ausbildungsoffensive und unterstützen die Betriebe, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
- Arbeitszeitverkürzung: Eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich macht Berufe in Industrie, Pflege und Handwerk wieder attraktiv, bindet Personal und schützt vor Burnout.
NUSSBAUM.de: Wo sehen Sie die größten Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Wirtschaft und sozialer Akzeptanz, und wie würden Sie diese politisch gewichten?
Käsemann: Der größte angebliche Zielkonflikt – Klima versus Soziales – ist ein Märchen der Konservativen und Liberalen. Der wahre Konflikt besteht zwischen den Profitinteressen großer Konzerne und dem Überleben unseres Planeten. Als Linke in Baden-Württemberg gewichte ich ganz klar: Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit sind untrennbar.
- Wirtschaft vs. Klima: Die baden-württembergische Autolobby hat die Verkehrswende lange blockiert, um Dividenden zu sichern. Wir wollen die Industrie sozial-ökologisch umbauen. Öffentliche Fördergelder des Landes darf es nur bei strengen Beschäftigungsgarantien geben – Transformation ja, aber mit guten Tariflöhnen.
- Klima vs. Soziales: Ein CO₂-Preis, der Heizen und Fahren teurer macht, zerstört die soziale Akzeptanz, wenn Reiche weiter im Privatjet fliegen. Wir fordern ein sofortiges Klimageld und das Ende der Kostenabwälzung der energetischen Sanierung auf Mieter:innen.
NUSSBAUM.de: Wie wollen Sie den Wahlkreis Wiesloch im Landtag vertreten und für Bürgerinnen und Bürger ansprechbar sein?
Käsemann: Wiesloch und die Region brauchen eine Stimme, die nicht vor der Wirtschaftslobby einknickt. Als Abgeordneter der Linken verstehe ich mich nicht als abgehobener Berufspolitiker, sondern als Sprachrohr für Mieter:innen, Beschäftigte und Erwerbslose im Landtag. So setze ich das vor Ort konkret um:
- Wahlkreisbüro als soziales Zentrum: Mein Büro in Wiesloch wird keine reine PR-Zentrale. Wir werden dort regelmäßige, kostenlose Sozial- und Mietrechtsberatungen für Bürger:innen in Not anbieten.
- Gläsernes Mandat: Ich werde alle meine Einkünfte und Treffen mit Interessenvertretern lückenlos veröffentlichen. Transparenz ist für mich Pflicht, keine Hinterzimmerdeals. Auf der Straße und im Betrieb: Politik findet für mich nicht nur in Stuttgart statt. Ich werde verlässlich bei Streikposten in der Region, bei Bürgerinitiativen und an Infoständen vor Ort stehen.
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