
Im Vorfeld der Landtagswahl 2026 sprach die Redaktion mit einigen Kandidaten, die für ein Direktmandat im Wahlkreis Bretten kandidieren. Pascal Haggenmüller vom Bündnis 90/Die Grünen nahm sich die Zeit, der Redaktion einige Fragen zu beantworten.
Der 37-Jährige ist Landesvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen Baden-Württemberg und wohnhaft in Mannheim. Seit 2006 ist er Mitglied bei den Grünen.
NUSSBAUM.de: Viele Menschen in Baden-Württemberg klagen über steigende Mieten und Baupreise. Zugleich gibt es einen massiven Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Mit welchen Maßnahmen wollen Sie hier vorgehen, um die Situation auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern?
Pascal Haggenmüller: Wohnen darf kein Luxus sein. Deshalb müssen wir in Baden-Württemberg jetzt handeln. Erstens brauchen wir deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum – vor allem durch Neubau in bestehenden Baulücken, statt immer neue Flächen zu versiegeln. Zweitens müssen Wohnungen, die leer stehen, wieder auf den Markt kommen. Ein Leerstandskataster und gezielte Anreize wie eine Wiedervermietungsprämie helfen dabei. Gleichzeitig müssen Sanierungen einfacher und günstiger werden, damit sich die Nutzung bestehender Gebäude lohnt. Das schützt das Klima und stärkt unsere Ortskerne. Drittens brauchen wir klare Regeln gegen explodierende Mieten. Eine wirksame Mietpreisbremse sorgt dafür, dass Wohnen bezahlbar bleibt und nicht das Einkommen auffrisst.
NUSSBAUM.de: Welche landespolitischen Entscheidungen halten Sie für realistisch, um Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spürbar zu entlasten?
Haggenmüller: Ich will, dass das Leben für alle Menschen bezahlbar bleibt. Gerade Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen spüren die steigenden Preise für Wohnen, Energie und den täglichen Bedarf besonders stark. Für die großen Stellschrauben im Steuerrecht ist der Bund zuständig, aber auch das Land kann konkret entlasten. Ein kostenloses letztes Kita-Jahr nimmt Familien spürbar finanziellen Druck und verbessert zugleich die Bildungschancen. Ein kostenloses Mittagessen an Schulen sorgt dafür, dass alle Kinder gesund essen können – unabhängig vom Einkommen der Eltern.
Zudem wollen wir den Zugang zu Kultur und gesellschaftlicher Teilhabe sichern, etwa durch mehr Vergünstigungen in Museen und anderen staatlichen Einrichtungen. Viele Menschen träumen außerdem von den eigenen vier Wänden. Deshalb wollen wir die Grunderwerbsteuer beim erstmaligen Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums senken. Das reduziert die Kaufnebenkosten und ermöglicht mehr Menschen, sich diesen Traum zu erfüllen.
NUSSBAUM.de: Viele Schulen in Baden-Württemberg stehen vor großen Herausforderungen – vom Lehrkräftemangel über Unterrichtsausfall bis hin zu maroden Schulgebäuden und der Umsetzung von Digitalisierung. Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf im Bildungsbereich, und welche konkreten Maßnahmen würden Sie in der kommenden Legislaturperiode priorisieren?
Haggenmüller: Bildung ist die wichtigste Investition in unsere Zukunft. Der dringendste Handlungsbedarf liegt darin, Kinder von Anfang an bestmöglich zu fördern und Schulen verlässlich aufzustellen. Deshalb müssen wir stärker in Kitas und Schulen investieren. Der Anfang ist entscheidend: Ein kostenfreies, verpflichtendes letztes Kita-Jahr sorgt für bessere Bildungschancen und entlastet Familien. Gleichzeitig muss die Sprachbildung deutlich gestärkt werden, denn Sprache ist der Schlüssel zu Bildung, Teilhabe und einem erfolgreichen Schulweg.
In der Grundschule müssen wir den Fokus klar auf die Basiskompetenzen legen: Lesen, Schreiben und Rechnen müssen sicher beherrscht werden. Zugleich leben wir längst in einer digitalen Welt. Kinder und Jugendliche brauchen frühzeitig Medienkompetenz. Eine stärkere Medienbildung hilft ihnen, Falschinformationen zu erkennen, verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen und sich aktiv in unsere Demokratie einzubringen.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen wie auch Weingarten müssen inzwischen immer mehr Schulden aufnehmen, versuchen zu sparen und gleichzeitig müssen sie hart kämpfen, um wichtige Projekte umzusetzen. Dabei spielen auch immer mehr finanzielle Forderungen des Landes eine Rolle. Wie kann man dieser Problematik entgegenwirken?
Haggenmüller: Unsere Kommunen sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Hier entscheidet sich, ob Kitas funktionieren, Schulen saniert werden und Vereine, Kultur und Zusammenhalt eine Zukunft haben. Deshalb müssen Kommunen finanziell verlässlich ausgestattet sein. Das ist eine gemeinsame Aufgabe aller politischen Ebenen. Die grün-geführte Landesregierung hat hier Verantwortung übernommen und als einziges Bundesland zwei Drittel des Sondervermögens des Bundes direkt an die Kommunen weitergegeben. Dieses Geld ermöglicht dringend notwendige Investitionen vor Ort.
Gleichzeitig müssen wir die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen angehen. Dazu gehört eine gerechtere Verteilung der Umsatzsteueranteile zwischen Bund, Land und Kommunen. Außerdem muss das Bestellerprinzip konsequent gelten: Wer neue Aufgaben beschließt, muss auch für deren Finanzierung sorgen. Wenn Bund oder Land zusätzliche Pflichten auferlegen, dürfen die Kommunen nicht auf den Kosten sitzen bleiben.
NUSSBAUM.de: Viele Kommunen fühlen sich bei Migration und Integration überfordert. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche Ansätze halten Sie für besonders geeignet, um Städte und Gemeinden zu unterstützen?
Haggenmüller: Die weltweite Sicherheitslage hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. Über 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, die meisten davon innerhalb ihrer Herkunftsländer. Dennoch sind auch in Deutschland viele Kriegsflüchtlinge angekommen. Unsere Kommunen und die vielen Ehrenamtlichen haben hier Enormes geleistet und gezeigt, was Solidarität konkret bedeutet.
Damit Migration dauerhaft gut gelingt, dürfen wir die Kommunen mit dieser Aufgabe nicht allein lassen. Es braucht eine gemeinsame europäische Migrationspolitik und eine faire Verteilung der Verantwortung zwischen allen Staaten. Vor Ort brauchen Städte und Gemeinden ausreichend finanzielle Mittel und Flächen, um Unterkünfte zu schaffen und Integration zu ermöglichen. Auf Landesebene müssen wir Verfahren beschleunigen und Bleibeperspektiven schneller klären, damit Integration früh beginnen kann. Wer bleiben kann, soll schneller arbeiten können. Abschiebungen aus Ausbildung oder Beschäftigung lehne ich ab.
NUSSBAUM.de: Immer mehr Notfallpraxen schließen, und auch die medizinische Versorgung auf dem Land ist oft lückenhaft. Welche Strategien würden Sie verfolgen, um eine flächendeckende und verlässliche medizinische Versorgung sicherzustellen?
Haggenmüller: Eine gute medizinische Versorgung darf nicht vom Wohnort abhängen. Deshalb müssen wir die Regelversorgung im Gesundheitswesen konsequent stärken. Für mich gilt dabei der Grundsatz: digital vor ambulant, ambulant vor stationär. Zentral ist eine starke hausärztliche Versorgung als erste Anlaufstelle – gerade im ländlichen Raum. Gleichzeitig müssen wir eine verlässliche Krankenhausversorgung in allen Regionen sichern. Digitale Angebote und Telemedizin können helfen, Wege zu verkürzen und Ärztinnen und Ärzte zu entlasten, denn nicht jede Behandlung erfordert einen Praxisbesuch.
Ebenso wichtig ist eine funktionierende Notfallversorgung mit einem gut ausgestatteten Rettungsdienst und starken Hilfsorganisationen. Besonders am Herzen liegt mir die kinderärztliche Versorgung. Deshalb setze ich mich für eine Landkinderarztquote ein, damit auch Familien außerhalb der großen Städte wohnortnah versorgt werden. So schaffen wir gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land.
NUSSBAUM.de: Das Land Baden-Württemberg hat sich der „Vision Zero“ verschrieben, also die Reduzierung der Verkehrstoten auf null. Welche konkreten Maßnahmen – etwa Infrastruktur, Sanktionen oder Bildungsprogramme – würden Sie prioritär unterstützen, um dieses Ziel im Land zu erreichen?
Haggenmüller: Mein Ziel ist, dass sich alle Menschen sicher und verlässlich im Verkehr bewegen können – egal ob zu Fuß, mit dem Rad, dem Auto oder dem öffentlichen Verkehr. Vision Zero ist erreichbar, wenn wir Verkehrssicherheit konsequent priorisieren. Städte wie Helsinki zeigen, dass es möglich ist, durch kluge Planung Verkehrstote zu vermeiden. Deshalb müssen Kommunen mehr Entscheidungsspielraum bekommen, etwa bei der Festlegung von Tempolimits. Niemand kennt die örtlichen Gefahrenstellen besser als die Verantwortlichen vor Ort.
Ein zentrales Element ist der Schutz der Schwächsten im Verkehr. Fußgänger und Radfahrer brauchen sichere und baulich getrennte Wege. Zusätzlich müssen städtebauliche Maßnahmen wie Fahrbahnverengungen oder Geschwindigkeitshügel stärker eingesetzt werden, damit Tempo nicht nur vorgeschrieben, sondern auch eingehalten wird. Ergänzend brauchen wir mehr Verkehrssicherheitsbildung, vor allem für Kinder und junge Menschen.
NUSSBAUM.de: Baden-Württemberg gilt als starker Wirtschaftsstandort, kämpft aber gleichzeitig mit vielen Problemen wie Fachkräftemangel oder auch der schwächelnden Automobilbranche. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage, und welche Maßnahmen halten Sie für besonders wirksam, um Fachkräfte zu gewinnen und Unternehmen zu stärken?
Haggenmüller: Unser wirtschaftliches Erfolgsmodell steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Die alten Gewissheiten – billige Energie, sichere Lieferketten und stabile Exportmärkte – tragen nicht mehr. Wir haben in Baden-Württemberg aber das Rüstzeug, um diesen Herausforderungen zu begegnen: Wir sind die innovativste Region Europas, mit einer starken Forschungslandschaft, vielen Patentanmeldungen und einem leistungsfähigen Mittelstand. Darauf müssen wir aufbauen, um neue Technologieführerschaften zu entwickeln.
Große Chancen sehe ich in der Gesundheitswirtschaft und in grünen Technologien. GreenTech verbindet Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlichem Erfolg und eröffnet gerade für mittelständische Unternehmen neue Märkte. Gleichzeitig brauchen unsere Betriebe Fachkräfte. Dafür müssen wir inländische Potenziale besser nutzen, etwa durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und zugleich gezielt auf qualifizierte Zuwanderung setzen.
NUSSBAUM.de: Die Energiewende wird oft als teuer und kompliziert wahrgenommen. Welche Schritte würden Sie ergreifen, um Klimaschutz sozial gerecht, wirtschaftlich tragfähig und technisch machbar umzusetzen?
Haggenmüller: Die Energiewende wurde in den vergangenen Jahren auf Bundesebene zu lange ausgebremst. Das rächt sich jetzt. Wenn der CO₂-Preis europaweit weiter steigt, werden fossile Energien deutlich teurer. Gerade deshalb müssen wir den Umstieg auf erneuerbare Energien entschlossen vorantreiben. Für Baden-Württemberg heißt das: Wir müssen schnell aufholen und verlässlich erneuerbaren, klimaneutralen Strom im eigenen Land erzeugen – ausreichend, sicher und zu fairen Preisen. Dazu braucht es einen konsequenten Ausbau von Wind- und Solarenergie sowie die Mobilisierung geeigneter Flächen. Gleichzeitig ist entscheidend, dass die Menschen vor Ort von der Energiewende profitieren. Bürgerenergiegenossenschaften, etwa bei Windkraftanlagen, schaffen Akzeptanz und ermöglichen finanzielle Beteiligung. Auch die Solarenergie bietet enormes Potenzial, vor allem auf bereits versiegelten Flächen wie Dächern, Parkplätzen oder Gewerbebauten. So verbinden wir Klimaschutz mit Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Stärke.
NUSSBAUM.de: Das Thema Sicherheit im öffentlichen Raum beschäftigt viele Menschen. Welche Rolle sollten Prävention und soziale Maßnahmen für die Sicherheitspolitik des Landes spielen und wie kann die Sicherheit im öffentlichen Raum erhöht werden?
Haggenmüller: Ich setze mich für ein Land ein, in dem alle Menschen friedlich und sicher leben können und in dem Hass und Hetze keinen Platz haben. Sicherheit beginnt für mich mit Prävention. Gewalt darf gar nicht erst entstehen. Deshalb müssen wir früh ansetzen und stärker in Bildung, soziale Angebote und ein funktionierendes Miteinander investieren. Ein starkes soziales Netz gibt Halt und beugt Ausgrenzung und Radikalisierung vor.
Gleichzeitig braucht es einen öffentlichen Raum, in dem sich Menschen sicher fühlen – auch nachts. Dazu gehören eine kluge Stadtplanung, gut beleuchtete Wege, ein verlässlicher und sicherer öffentlicher Nahverkehr sowie sichere Heimwege.
Prävention allein reicht jedoch nicht aus. Gewalttaten müssen konsequent verfolgt werden. Dafür brauchen wir ausreichend Polizei, eine gut ausgestattete Justiz und einen handlungsfähigen Rechtsstaat. Nur das Zusammenspiel aus Prävention, sozialer Verantwortung und konsequenter Strafverfolgung schafft echte Sicherheit für alle.
(haf)
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