Eine knifflige Rechenaufgabe, die fast alle im Saal in die Falle lockte, und viele neue Erkenntnisse für den heimischen Schreibtisch: Der Elternbeirat der Wilhelmschule hatte geladen, und rund 70 interessierte Eltern sowie Lehrkräfte folgten am Montagabend der Einladung in das Ludwig-Hofacker-Haus.
Unter dem Titel „Entspannter lernen zu Hause“ gastierte die „Akademie für Lernpädagogik“ in der Kurstadt. Da die Wilhelmschule selbst über keinen ausreichend großen Raum verfügt, wich man in das Ludwig-Hofacker-Haus aus, dessen Miete vom Förderverein der Schule übernommen wurde. Neben den Gastgebern waren auch die Grundschulen aus Enzklösterle und Calmbach mit einbezogen, um möglichst viele Familien der Region zu erreichen.
Referent Pascal Renn, selbst Vater eines 22-jährigen Sohnes („Er ist also schon aus dem Gröbsten raus“) und Dozent an der Akademie für Lernpädagogik, lebt mit seiner Frau in Münster und brachte viel Erfahrung aus zehn Jahren Lerncoaching mit. Eigentlich lernen Kinder gerne, betonte er. Sie wollen die Welt erobern und durch Vorbilder sowie Beobachtung am Modell lernen. Doch im Laufe der Schulzeit passiere oft etwas Tragisches: Durch zu viel Druck und Stress geht der natürliche Spaß verloren, obwohl Lernen ursprünglich sogar glücklich macht. Die Zahlen, die Renn präsentierte, waren ein Weckruf. Während 86 Prozent der Dritt- und Viertklässler noch angeben, gerne zu lernen, sind es bei den 13-Jährigen nur noch erschreckende sechs Prozent. Da die Häufigkeit der Fragen im Laufe der Schulzeit abnimmt, sei es entscheidend, früh die Grundlagen für richtiges Lernen zu vermitteln und das „Lernen am Modell“ vorzuleben. Wenn Eltern bereit sind, ein Leben lang zu lernen, schauen sich Kinder dies ab.
Wie sich der Schulalltag für Kinder anfühlt, durften die Besucher Michael und Tanja am eigenen Leib erfahren. Renn bat sie nach vorne – eine klassische Situation, wie sie Kinder fünf Tage die Woche erleben – und stellte eine scheinbar simple Rechenaufgabe. Ein Brot und ein Brötchen kosten zusammen 4,40 Euro. Das Brot ist vier Euro teurer als das Brötchen. Was kostet das Brötchen? Wie die meisten im Saal tippten die beiden unter Druck intuitiv auf 40 Cent – und lagen falsch. Die richtige Antwort lautet 20 Cent. Renn erklärte, dass unser Gehirn oft auf intuitives Denken zurückgreift, um Energie zu sparen und Anstrengung zu vermeiden. In der Schule führt diese Routine unter Druck oft zu Fehlern und negativen Bewertungen, was die Lernfreude zerstört. Sein Rat war daher deutlich: Greifen Sie sofort vehement ein, wenn Ihr Kind sagt, dass es etwas nicht kann. Lassen Sie diesen Satz nicht zu und antworten Sie konsequent, dass es das Thema lediglich noch nicht beherrscht. Das Vertrauen in die eigenen Stärken ist die Basis, damit Herausforderungen nicht gemieden werden.
Im Zentrum des Vortrags standen vier zentrale Aspekte, die laut Renn wie Muskeln trainiert werden können. Dies sind Lerntechniken, Konzentration, Motivation und Selbstorganisation. Bei den Lerntechniken geht es darum, mit weniger Anstrengung mehr Erfolg zu haben, indem man Stoff strukturiert, visualisiert, reduziert sowie klug verknüpft und wiederholt. Eine Folie mit wirren Zahlen von 1 bis 20 verdeutlichte dies: Ohne Struktur dauerte die Suche lange, mit einem unterlegten Gitternetz gelang die Einordnung sofort.
Zur Konzentration erklärte der Experte, dass diese ohne Pausen nicht funktioniere. Die Formel lautet hierbei: Alter mal zwei ergibt die maximale Konzentrationsspanne in Minuten. Mikropausen von zwei bis drei Minuten sind deshalb essenziell. Mit einer Eieruhr lässt sich dies spielerisch trainieren.
Besonders in der Pubertät, wenn Teenager hormonell bedingt ein permanentes Jetlag von drei Stunden haben, hilft oft nur heitere Gelassenheit. Renn warnte vor Druck und rein extrinsischer Belohnung, da diese den Fokus vom Lernen weg auf den Preis danach verschiebt. Vielmehr sollte durch Erfolgserlebnisse der innere Belohnungsmodus angezapft werden. Auch eine positive Sprache spielt eine Rolle. „Sagen Sie nicht, dass das Kind keine Angst haben muss, sondern betonen Sie, dass es die Arbeit schaffen wird. Loben Sie lieber acht richtige Aufgaben als zwei falsche zu kritisieren“, so der Experte. Zur Selbstorganisation gehören ein aufgeräumter Schreibtisch und eine störungsfreie Umgebung. Nach dem Lernen sollte das Kind zudem 20 Minuten lang weder Handy noch Fernsehen nutzen, damit der Prozess der Stoff-Umwandlung im Gehirn nicht gestört wird.
Zum Abschluss appellierte der Pädagoge an die Eltern, die Impulse nicht verpuffen zu lassen. Renn lud alle Familien ein, das kostenfreie Online-Familienseminar der Akademie für Dritt- bis Achtklässler zu nutzen, das auf der Homepage zu finden ist (www.akademie-lernpaedagogik.de). Werden Sie aktiv, bilden Sie Lerngruppen und zünden Sie das Feuer Ihres Kindes wieder an, lautete sein letztes Wort. Dass die Eltern an diesem Abend so zahlreich erschienen waren, machte sie, laut Renn, bereits zu besseren Begleitern für eine glückliche Schulzeit ihrer Kinder. (mm)