
Ein Patentrezept hat auch er nicht. Obwohl Christopher Coenen sich seit einem Vierteljahrhundert unter anderem mit Transhumanismus und visionärem Denken in der IT-Industrie beschäftigt, ist er sich nicht sicher, wie man Menschen wie Elon Musk, Peter Thiel oder anderen Tech-Oligarchen entgegentreten sollte. Nicht nur Coenen ist der Meinung, dass deren Macht gewaltig ist: Sie halten die globale Kommunikation in der Hand, streben nach der Kontrolle des Marktes und danach, die natürlichen Grenzen des Menschen durch Technik zu erweitern. Noch tiefgreifender aber dürfte ihr Streben nach politischer Macht sein. Das machte der Politikwissenschaftler im Rahmen der Reihe „Uni macht Schule“ in seinem Vortrag „Wie IT-Milliardäre mit ihren Ideologien die Demokratie gefährden“ deutlich. Deutlich machte er zu Beginn im gut besetzten Studiensaal auch, dass seine Ansichten „pointiert“, vielleicht auch „radikal“ seien, dass er dies aber „nicht als der Weisheit letzter Schluss“ betrachte, sondern als Aufforderung und Anregung zum Gespräch.
Christopher Coenen, der sich am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am KIT auch mit Gesundheits-, Bio- und prothetischen Technologien sowie mit Forschungspolitik beschäftigt, versuchte das Thema von der Wurzel her aufzuschlüsseln. Wie kam es dazu, dass eine kleine Gruppe an Männern zu so viel Macht kommen konnte? Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gingen viele Regierungen, Wissenschaftler, Bürgerinnen und Bürger davon aus, dass – wie der US-amerikanische Politologe Francis Fukujama es ausdrückte – das Ende der Geschichte erreicht sei. Marktwirtschaft, Demokratie, Menschenrechte und Antitotalitarismus würden nun überall Einzug halten. Es war eine Zeit der großen Hoffnung und des Aufbruchs für einen großen Teil der Menschheit. Dann aber, so meint Coenen, breitete sich immer mehr der Neoliberalismus aus, der zusammen mit anderen Faktoren und Einflüssen zum Rechtslibertarismus, zur MAGA-Bewegung, bis hin zum „Tech-Faschismus“ führte, wie Christopher Coenen das Prinzip der Tech-Milliardäre nennt, Faschismus als reguläres Instrument offen oligarchischer Herrschaft zu forcieren.
Was gehört laut Coenen noch zu den Merkmalen? Ein Minimalstaat beispielsweise und die Zerstörung der Gesellschaft durch Zerschlagung des öffentlichen Sektors. Kapitalismus wird als Freiheit verstanden, die sich nicht mit Demokratie verträgt, welche bekanntlich auch linke, grüne und sozialdemokratische Parteien bereithält. Was nun macht die IT-Oligarchen aus? Laut Coenen wurden sie in der Subkultur, den Internetutopien und der Deregulierung der 90-er Jahre erwachsen. Sie hängen dem Transhumanismus an, also der Idee, die Grenzen des Menschen durch Technik zu erweitern oder gar zu sprengen. „Und anders als frühere Industriebarone und Medienmogule sehen sich die IT-Oligarchen als Philosophen und Welterklärer“, betonte der Referent. Das gehe bis zu den Fragen der Zukunft der Menschheit und dem Sinn des Lebens. Frappierend sei ihr Griff nach direkter politischer Macht, so Coenen sinngemäß. Seit Anfang der 2000er-Jahre würden die IT-Oligarchen mit der Idee des Transhumanismus offen politische Herrschaft anmelden. Dabei sei die „ursprüngliche Idee transhumanistischer Ideen als visionäre Gegenentwürfe zu Kapitalismus und Religion fast verlorengegangen“, so Christopher Coenen. Stattdessen hingen die IT-Oligarchen den Ideen des Rassismus und Sozialdarwinismus an. Sie wendeten sich gegen Grund- und Menschenrechte und wirkten am militärisch-industriellen Komplex mit.
Am Ende seines Vortrags stellte Coenen die Frage, wie wir im Angesicht der Macht dieser Oligarchen, die laut dem Referenten unsere demokratisch-kompromissgeprägten Gesellschaften hassen, leben wollen. „Was wollen wir erlauben, verbieten, fördern oder eher zurückdrängen?“, fragte er.
Auch wenn der Referent am Ende mit keinem Patentrezept aufwarten konnte, so hat er doch ein paar Ideen, wie der Macht zu begegnen ist. Neben einem fundierten geschichtlichen Wissen über unsere Herkunft und der Frage der eigenen Mediennutzung schlägt er vor: „Wir müssen wieder öfter zivilisiert streiten – auch über Schwieriges, wie die kapitalistische Zerstörung der Öffentlichkeit durch Kahlschlag und digitale Hassmaschinen“. Darüber hinaus plädiert er für eine bessere Gesellschaft – mit sinnvollerer Techniknutzung, mehr Angeboten für Jugend und Kultur, pünktlichen Zügen und eng getakteten Dorfbussen. Kurz: für eine Gesellschaft mit mehr zufriedenen Menschen. (mh)