
In Afghanistan lag sie oft unter freiem Himmel auf dem Dach ihres Elternhauses und schaute in den Nachthimmel hinauf. „Ich sah den Mond jeden Tag. Ich fragte mich immer: Wer hat das Licht angeschaltet? All das wollte ich verstehen.“
Die absolute Ernsthaftigkeit von Amena Karimyan ist in jeder Szene des Dokumentarfilms „Kleines Universum“ zu spüren, den die Flüchtlingshilfe Ebersbach jetzt in der Werkstatt von Bülent Tekdal gezeigt hat. Aber auch im anschließenden Gespräch mit der jungen Afghanin mit dem Publikum zeigt sich ihr fast unbeugsamer Wille – gepaart mit einem häufigen und freundlichen Lachen.
Dabei ist ihr Lebensweg wirklich nicht zum Lachen. In ihrer Heimatstadt Herat gründete die Sternenguckerin den einzigen Astronomie-Club für Frauen und Mädchen in Afghanistan. Das ist in der zu großen Teilen extrem patriarchalischen Gesellschaft ein riskantes Unternehmen. „Ich möchte allen zeigen, dass auch Frauen über die Erde hinausreichen können“, erzählt Amena Karimyan. Der Club gewinnt internationale Preise und eine Auszeichnung des britischen Rundfunks BBC.
Amena Karimyans Eltern sind beide Lehrer und so kann sie – wenn auch nicht Astronomie studieren – aber immerhin Bauingenieurin werden. Mit der erneuten Machtergreifung der extremistischen Taliban ist das alles vorbei. Frauen dürfen nicht arbeiten, Mädchen keine höhere Schule besuchen und werden, kaum dass sie Teenager sind, oft an meist ältere Männer verheiratet. Auch zwangsverheiratet.
Amena Karimyan versucht mehrfach nach Pakistan zu fliehen, wird von den Taliban gefasst und ausgepeitscht, weil sie wissenschaftliche Bücher im Rucksack hat und ohne männliche Begleitung unterwegs ist. Als sie es doch noch über die Grenze schafft, bekommt sie als besonders gefährdete Frau ein Visum für Deutschland.
Endlich geschafft? Kann sie ihren großen Traum jetzt verwirklichen? Ja und nein. Denn hier bei uns gibt es andere Hürden für die Frau, die einzig und allein den Himmel erforschen will, ja, am liebsten selbst ins Weltall fliegen möchte: Da ist die schwierige Anerkennung ihrer Schul- und Berufsabschlüsse und vor allem die deutsche Sprache. Das erforderliche Niveau für ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik ist fast so hoch wie der Himmel über Afghanistan. Nur der Mond ist hier und dort der gleiche. Vom Balkon ihrer kleinen Wohnung in Böblingen schaut sie ihn oft mit ihrem Teleskop an.
Joachim Auch


