Gedichte interpretieren, Wahrscheinlichkeiten berechnen und Reaktionsschemen zeichnen: Kein Problem für die Abiturienten des Königsbacher Gymnasiums. Doch wie sieht es mit der Steuererklärung oder der Wohnungssuche aus? Darauf hat sie einen Kurs vorbereitet.
Das Bild ist in allen vier Klassenzimmern ähnlich. Ein Experte steht vor der Tafel, erklärt und beantwortet Fragen, während die Schüler in mehreren Reihen hintereinander sitzen und zuhören. Ganz normaler Unterricht könnte man meinen. Nur: Bei den Vortragenden handelt es sich nicht um Lehrer, sondern um externe Referenten: von einer Bank, aus der Immobilienbranche, aus der Steuerberatung und aus der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Bei einem Format namens „Zukunftstag“ geben sie ihr Wissen weiter: verständlich, anschaulich und praxisorientiert. Vor ihnen sitzen die Abiturienten des Königsbacher Lise-Meitner-Gymnasiums, die in ein paar Wochen die Schule verlassen und in die Selbstständigkeit starten. Die schriftlichen Prüfungen haben sie bereits hinter sich, die mündlichen folgen noch. Das von der gemeinnützigen Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung ausgerichtete und von der Baden-Württemberg-Stiftung geförderte Format will gezielt Themen vermitteln, die im Unterricht nicht vorkommen. Etwa das Erstellen einer Steuererklärung, das Abschließen eines Mietvertrags und die private Altersvorsorge. „Das ist der ideale Zeitpunkt“, sagt Hartmut Westje-Bachmann. Der Direktor weiß, dass es einen Riesenunterschied macht, ob Lehrer über die Themen sprechen oder Experten von außerhalb, die in der beruflichen Praxis täglich damit zu tun haben. In Königsbach gibt es das Format bereits zum dritten Mal. „Wir haben bisher nur positives Feedback erhalten“, sagt Westje-Bachmann, der allein schon deshalb von einem „wunderbaren Angebot“ spricht, weil es für die Schule mit größtem Aufwand verbunden wäre, die Referenten selbst zu akquirieren.
Der Direktor schätzt, dass ein Drittel der Abiturienten schon genau weiß, wie es nach der Schule weitergehen soll. Andere sind dagegen „noch nicht so gefestigt in ihren Plänen“ und dankbar für die Unterstützung, die allerdings nur der Anfang sein kann. „Keiner geht hier hinterher als Experte raus“, sagt Laurin Nikolaizik, für den es in erster Linie darum geht, Grundbegriffe schon mal gehört und Grundkonzepte schon mal verstanden zu haben, um selbst weiter recherchieren zu können. Quasi Hilfe zur Selbsthilfe. Nikolaizik leitet den Zukunftstag in Königsbach und lobt die Motivation der Schüler. Um geeignete Referenten zu gewinnen, setzen die Organisatoren sowohl auf ein großes, über Jahre aufgebautes Netzwerk als auch auf den Kontakt zu den Akteuren vor Ort. Alle erhalten eine einheitliche Präsentation, die allerdings nur als Leitfaden dient: Im Austausch mit den Schülern können sie die Aspekte vertiefen, die besonders großes Interesse wecken. In den rund 70-minütigen Workshops erfahren die rund 60 Abiturienten mehr über Altersvorsorge, Geldanlagen, Nebenkosten einer Wohnung, Sozialabgaben, Steuerklassen und Bewerbungsgespräche. Nach den Vorträgen können sie den Referenten ihre Fragen stellen, auch spezifische. Die Möglichkeit wird in Königsbach laut Nikolaizik auch rege genutzt, aber oft nicht in der großen Gruppe, sondern erst nach dem Workshop im persönlichen Gespräch. – Nico Roller

