
Mit der Ausstellung „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ widmet sich das Museum Frieder Burda einer der konsequentesten Bewegungen der gegenständlichen Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ausstellung geht bis zum 2. August 2026.
Die Stilrichtung, die sich ab Mitte der 1960er-Jahre in den USA herausbildete, steht für eine Kunst, die den fotografischen Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt nimmt und diesen mit malerischen Mitteln auf illusionistische Weise reproduziert. Über 90 bildgewaltige Werke von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern aus sechs Jahrzehnten zeigen, wie der Anspruch auf Wirklichkeitsnähe mit handwerklicher Präzision neu definiert wurde – von frühen Positionen wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack bis zu internationalen Entwicklungen der Gegenwart.
Ausgangspunkt der Schau ist die Sammlung Frieder Burda, ergänzt durch hochkarätige Leihgaben aus rund 20 internationalen Sammlungen, darunter dem Whitney Museum of American Art in New York und dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid.
Seit der Antike gilt die möglichst detailgetreue Wiedergabe der Wirklichkeit als eines der zentralen Anliegen der Malerei. Schon früh wurden große Maler dafür bewundert, täuschend echte Bildwelten zu schaffen: Immer wieder erzählen antike Autoren von Werken, die so illusionistisch waren, dass Betrachterinnen und Betrachter sie zunächst für Realität hielten.
In dieser langen Tradition steht auch der Fotorealismus als eine Malerei, die das Ringen um Wirklichkeitsnähe im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Fotografie neu in den Mittelpunkt rückte.
Als Gegenreaktion auf den Abstrakten Expressionismus wandten sich Künstlerinnen und Künstler wie Robert Bechtle, Richard Estes, Ralph Goings und Audrey Flack erneut der gegenständlichen Malerei zu. Ausgangspunkt ihrer Werke waren neben Fotografien auch Werbebroschüren oder andere gefundene Bildvorlagen, die sie mithilfe von Projektionen oder Rasterstrukturen detailgenau auf die Leinwand übertrugen.
Motive fanden sie vor allem in der amerikanischen Konsum- und Alltagskultur – mit sonnenbeschienenen Straßenzügen, polierten Oberflächen von Autos und Motorrädern, glänzenden Diner-Interieurs oder farbintensiven Leuchtreklamen.
Der Fotorealismus bildet immer auch eine Wirklichkeit ab, die bereits durch den kühl-objektiven Blick der Kamera vorgefiltert ist. Während das menschliche Sehen immer zwischen Schärfe und Unschärfe wechselt, zielen fotorealistische Gemälde auf eine Genauigkeit, die bis ins kleinste Detail reicht. Charakteristisch sind es oft glatte Oberflächen, die an Fotoabzüge erinnern, sowie eine malerische Präzision, die selbst feinste Strukturen sichtbar macht.
Teilweise kommen auch Sprühpistolen zum Einsatz, um die Spuren der Hand noch stärker zurückzunehmen. Einige Künstlerinnen und Künstler setzen ihre Motive zudem aus mehreren fotografischen Quellen zusammen. Besonders bei Stadtansichten entstehen dabei komplexe Bildwelten, die zugleich vertraut wirken und in ihrer Perfektion leicht irritieren.
War der frühe Fotorealismus zunächst ein US-amerikanisches Phänomen, so fand die Bewegung in der zweiten und dritten Generation internationale Ausbreitung und ist auch heute noch im globalen Kontext präsent. Neue Entwicklungen in der Fototechnik und die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung geben der Auseinandersetzung mit Wirklichkeitsnähe immer wieder neue Impulse.
In Europa wurde der Fotorealismus bereits in den 1970er-Jahren intensiv rezipiert. Auf der documenta 5 in Kassel, die 1972 unter dem Titel Befragung der Realität – Bildwelten heute stattfand, wurde die Bewegung institutionell anerkannt. Es folgten große Ausstellungen in London, Kopenhagen und Paris, durch die sich die neue Kunstströmung auch außerhalb der USA früh etablierte.
Mit „Wettstreit mit der Wirklichkeit. 60 Jahre Fotorealismus“ zeigt das Museum Frieder Burda eine der größten Ausstellungen zum Fotorealismus in Deutschland und macht dabei die technische Meisterschaft und die thematische Vielfalt dieser Malerei sichtbar. Anhand von über dreißig Positionen gibt die Schau einen facettenreichen Überblick von den Anfängen bis zur Gegenwart und ist in eine teils chronologische, teils thematische Abfolge gegliedert.
Im Erdgeschoss liegt der Fokus auf den Gründerfiguren der Bewegung und ihrem Interesse an der amerikanischen Lebenskultur – darunter befinden sich bedeutende Arbeiten von John Baeder, Robert Bechtle, Charles Bell, Chuck Close, Don Eddy, Richard Estes, Ron Kleemann und Richard McLean. Das Kabinett im Mezzanin ist als monografisches Kapitel dem Werk Karin Kneffels gewidmet.
Im Obergeschoss versammelt die Schau jüngere Entwicklungen des internationalen Fotorealismus, mit Werken von unter anderem Pedro Campos, Andrés Castellanos, François Chartier, Ben Johnson, Bertrand Meniel, Johannes Müller-Franken, Rod Penner und Craig Wylie. Im Untergeschoss des Museums erweitern Fotografien von Lars Eidinger als zeitgenössischer Kommentar den Blick auf das Verhältnis von Bild und Realität.