
Die Neckar-Odenwald-Kliniken (NOK-Kliniken) stehen vor tiefgreifender Zäsur. Ein operatives Defizit in Millionenhöhe sowie Umstrukturierungsvorgaben der Bundespolitik zwingen den Landkreis als Träger zum Handeln. Ein Gutachten von 2025 empfiehlt die alleinige Konzentration der Akutmedizin in Buchen sowie eine fundamentale Umstrukturierung am Standort Mosbach. Letztere reduziert deren Leistungsvorhalt im Umfang erheblich. Gegen diese Pläne wächst der Widerstand aus der Ärzteschaft sowie der Bevölkerung.
In Mosbach hatten Ende Januar rund 1.500 Menschen auf dem Marktplatz gegen die Pläne demonstriert (wir berichteten bereits). Der Mosbacher Gemeinderat hat sich in einer von sämtlichen Fraktionen des Gremiums unterstützten Petition für den Erhalt des Klinikstandortes in der Kreisstadt ausgesprochen. Viele umliegende Gemeinden schlossen sich dem an.
In den vergangenen zehn Jahren bis 2024 musste der Neckar-Odenwald-Kreis mehr als 67,5 Millionen Euro an Defizitausgleichen aus Steuermitteln finanzieren. Dadurch sollte die Insolvenz der kreiseigenen Kliniken vorläufig abgewendet werden – diese Mittel werden letztlich von den 27 Städten und Gemeinden über die Kreisumlage aufgebracht. Staatliche Schutzschirme sowie Ausgleichszahlungen während der Corona-Pandemie verdeckten diese strukturelle Schieflage lange Zeit. Nach dem Auslaufen dieser Hilfen, gepaart mit tariflichen Lohnsteigerungen sowie der Inflation, durchbrach das Defizit im Jahr 2024 die Marke von zehn Millionen Euro. Aktuelle Prognosen deuten auf Verluste in ähnlicher Größenordnung. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Patientenzahlen nach dem pandemiebedingten Einbruch nie vollständig erholt haben.
Neben dem finanziellen Notstand macht das „Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz“ der Bundesregierung den bisherigen Status quo im Landkreis faktisch unmöglich. Die Reform soll im Jahr 2027 in weiten Teilen greifen. Sie verabschiedet das bisherige System der Fallpauschalen – künftig erhalten Kliniken eine Vorhaltevergütung dafür, dass sie bestimmte medizinische Leistungen sowie Fachpersonal rund um die Uhr bereithalten.
Diese Gelder sind an strukturelle sowie personelle Vorgaben geknüpft. Es gelten strenge Mindestfallzahlen nebst Facharztquoten für sogenannte „Leistungsgruppen“. Eine Analyse zeigt, dass die NOK-Kliniken diese Vorgaben an zwei Standorten parallel künftig nicht mehr erfüllen können. Es fehlt an spezialisiertem Personal sowie ausreichend Operationen. Eine doppelte Vorhaltung in Mosbach und Buchen lässt sich damit nicht finanzieren.
Der Aufsichtsrat beauftragte die Hamburger Beratungsgesellschaft Lohfert & Lohfert AG mit der Ausarbeitung eines Rettungskonzepts. Die Gutachter prüften verschiedene Modelle und präsentierten im Spätsommer des Jahres 2025 ihre Vorzugsvariante. Dieses asymmetrische Modell „2A“ sieht vor, die teuren Doppelstrukturen aufzubrechen. Der Standort Buchen soll massiv ausgebaut und zum alleinigen akutstationären Schwerpunktversorger des Landkreises aufgerüstet werden. Das Konzept beinhaltet für Buchen eine Kapazität von bis zu 200 Betten, zwei chirurgische Abteilungen sowie den Aufbau spezialisierter Kardiologie- und Schlaganfallkapazitäten.
Dem Standort Mosbach droht hingegen ein tiefgreifender Rückbau. Die Klinik soll zu einem sogenannten „sektorenübergreifenden Versorger“ umgewandelt werden. In der Praxis bedeutet dies das Ende des klassischen Akutkrankenhauses in der Kreisstadt – daraus entstünde, so könnte man es abstrakt beschreiben, eine bessere Pflegestation ohne OP-Säle und ohne eine über die vollen 24 Stunden an sieben Tagen die Woche verfügbare Notaufnahme. Chirurgische Eingriffe oder Intensivmedizin gäbe es dort ebenfalls nicht mehr. Die Geburtenstation wurde ohnehin schon vor Jahren nach Buchen verlegt – und dürfte gleichzeitig den Boden für das jetzige Vorhaben bereitet haben.
Stattdessen läge der Fokus zukünftig auf Allgemeinmedizin und pflegerischer Kurzzeitversorgung – eng verzahnt mit ambulanten Praxen. Die Gutachter versprechen sich von diesem Schritt jährliche Einsparungen in Höhe von sieben bis zehn Millionen Euro.
Aus der niedergelassenen Ärzteschaft des Landkreises wird eindringlich vor den Konsequenzen dieses Modells gewarnt. Ein zentraler Kritikpunkt ist die angenommene Patientensteuerung. Das Gutachten kalkuliert damit, dass Patienten aus dem Raum Mosbach künftig für Operationen nach Buchen fahren würden. Lokale Mediziner bezeichnen dies mitunter als „lebensfremd“, da sich die geografische sowie verkehrstechnische Ausrichtung des Altkreises Mosbach seit jeher in Richtung der Metropolregion Rhein-Neckar als auch des Heilbronner Unterlandes orientierten. Sie prognostizieren einen massiven „Leakage-Effekt“, wonach die Patienten nicht nach Buchen, sondern in die Großkliniken nach Heilbronn, Bad Friedrichshall oder Sinsheim abwandern. In diesem Fall blieben die neuen Betten in Buchen leer, woraufhin das Sanierungskonzept in sich zusammenbrechen würde.
Zudem warnen Mediziner vor dem Kollaps lebensrettender Notfallstrukturen. Mosbach verlöre bei einer Umwandlung seinen durchgehenden Notbetrieb. Besonders bei zeitkritischen Notfällen wie einem Schlaganfall könnte der um über 30 Kilometer verlängerte Transportweg gesundheitliche Folgen haben. Auch die notärztliche Versorgung von Kindern und spezialisierte ambulante Einrichtungen, wie etwa die an das Krankenhaus angeschlossene Dialysepraxis, stünden vor einer ungewissen Zukunft.
Ein weiterer Streitpunkt sind die Baukosten. Das Mosbacher Kreiskrankenhaus gilt als modern und intakt. Um Buchen zum alleinigen Akutzentrum hochzurüsten, würden dort enorme Um- und Neubauten nötig. Die Gutachter veranschlagen dafür rund 40 Millionen Euro. Bauökonomen sowie Mediziner halten dies für unterkalkuliert und rechnen mit bis zu 100 Millionen Euro – mithin Kostenexplosionen ähnlich wie bei „Stuttgart 21“ in kleinerem, aber dennoch erheblichem Maßstab.
Eine funktionierende Infrastruktur in Mosbach würde stillgelegt, um sie wenige Kilometer entfernt für einen hohen Millionenbetrag neu zu errichten, lautet die Kritik. Warnungen gibt es auch davor, dass die Zins- und Abschreibungslasten den Landkreis finanziell belasten könnten, zumal das Land Baden-Württemberg bislang keine verlässlichen Zusagen über eine vollständige Übernahme dieser Kosten gegeben habe. Aus der Kommunalpolitik ist quer durch die Parteienlandschaft von Sorgen zu hören, dass die gesamte Region um Mosbach herum insgesamt an Attraktivität verlieren könnte, wenn in der Großen Kreisstadt mit rund 24.000 Einwohnern kein vollwertiges öffentliches Krankenhaus mehr vorgehalten würde.
Um der Verunsicherung zu begegnen, hat die Spitze des Landkreises eine Informationsoffensive gestartet. In Bürgerdialogen, die im März und im April in verschiedenen Gemeinden stattfinden, soll die Bevölkerung in den Abwägungsprozess eingebunden werden. Der Auftakt wurde in Mosbach bereits am Montagabend (02.03.) in der Alten Mälzerei gemacht. Um die 700 Menschen füllten dabei den großen Saal. Und dabei ging es phasenweise heiß her.
Seitens des Landkreises verteidigte Landrat Dr. Achim Brötel gemeinsam mit der Klinikgeschäftsführung um Frank Hehn und Harald Löffler sowie dem Chefarzt Dr. Rüdiger Mahler den vom Gutachten aufgezeigten Weg der Umstrukturierung. Ebenso saßen Kreiskämmerer Michael Schork und Pflegedienstleiterin Sabine Schulz mit auf dem Podium.
„Wir führen diese Diskussion nicht, weil es uns Spaß macht“, bekräftigte Brötel gleich eingangs. Es gehe viel mehr gezwungenermaßen darum, die auf höherer politischer Ebene festgelegten Anforderungen zu erfüllen. In zahlreichen Wortbeiträgen aus dem Saal und teilweise schon durch Zwischenrufe während den rund 45 Minuten der Präsentation verdeutlichte das Auditorium den Verantwortlichen die Empörung. Für die Stadt Mosbach trugen insbesondere Stadtrat Dr. Gunther Leibfried, der selbst niedergelassener Arzt ist, sowie Oberbürgermeister Julian Stipp die Forderung nach dem vollwertigen Erhalt des Klinikstandortes vor. Das Johanniter-Seniorenhaus „Tannenhof“ Neckarelz um den Einrichtungsleiter, Stadtrat Hans-Jürgen Mössner, war mit rund 50 Personen gekommen – darunter mehrere Heimbewohner, die mit Protestschildern und Wortbeiträgen auf sich aufmerksam machten.
„Wir haben nichts gegen Buchen, aber wir lassen uns auch nicht für Buchen ausschlachten!“, spitzte Dr. Leibfried mit erkennbarer Verärgerung und unter tosendem Beifall in Richtung von Chefarzt Mahler zu, der in Leibfrieds Richtung angedeutet hatte, dass sich dessen Bekenntnis auf den Standort Mosbach beschränke. Für die Organisatoren der Initiative „Ja zum Erhalt des Mosbacher Krankenhauses“ erklärte Stadtrat Hartmut Landhäußer abschließend, dass man das vorliegende Gutachten insgesamt anzweifle und übergab eine Liste von über 1.000 händischen sowie fast 20.000 online getätigten Unterschriften für den Erhalt des Krankenhauses in der Großen Kreisstadt.
Die endgültige politische Entscheidung über das Schicksal der Neckar-Odenwald-Kliniken obliegt dem Kreistag. Die Abstimmung wird für Mai erwartet. Bei der Bürgerinformation in Mosbach wurde der Vorwurf in den Raum gestellt, dass zugunsten des Standorts Buchen im Hintergrund bereits „alles entschieden“ sei. Landrat Brötel wies dies ebenso klar zurück wie den implizierten Vorhalt, es fehle ihm als ehemaliger Bürgermeister von Buchen die nötige Unbefangenheit.
Die politische Debatte läuft derweil auf Hochtouren weiter – mit ungewissem Ausgang auch bezüglich weitergehender Folgen und Begleiterscheinungen mit Blick auf den inneren Zustand des Landkreises ingesamt betrifft. Eine besonders einträchtige Stimmung vermittelte sich jedenfalls nicht, als der erste „Dialog“ nach rund drei Stunden zu Ende ging. (frh)
