
Busenbach, Reichenbach und Etzenrot, diese drei ehemals selbstständigen Dörfer bilden bekanntlich unsere Gemeinde Waldbronn. Doch beinahe wären es heute wohl nur Busenbach und Reichenbach, die diesen Bund bilden würden, denn – so unglaublich es klingt – vor rund 225 Jahren stand ausgerechnet „Waldbronns schönster Ortsteil“ kurz davor, aufgegeben und verkauft zu werden. Ein 1796 begonnener und über mehrere Jahre geführter Schriftwechsel zwischen der Gemeinde Etzenrot und der markgräflichen Regierung überliefert die genaueren Hintergründe dieser dramatischen Episode unserer Heimatgeschichte. Darin bat die Etzenroter Bürgerschaft am 3. März 1800 den badischen Markgrafen Karl Friedrich „kniefälligst um gnädigste Concesion [= Genehmigung] ihre ganze Markung verkaufen, den Erlöß gleichheitlich vertheilen und einzeln im Land, dort wo man sie einlassen wird, säßhaft sich machen zu dürfen“.
Die Auflösung von Dörfern war und ist tatsächlich nicht ungewöhnlich. Zur gleichen Zeit, als in Etzenrot über die Aufgabe des Dorfes diskutiert wurde, besprach man sich auch im alten Dettenheim, heute zwischen Rußheim und Liedolsheim gelegen, über die Auflösung des Ortes. Nach dem Bau eines Durchstichs an einer Schleife des Rheins war es hier immer wieder zu schweren Hochwassern gekommen. Das Unternehmen wurde schließlich in die Tat umgesetzt. Die Bewohner zogen einige Kilometer weiter und gründeten, nahe eines alten Gutes, das Dorf Karlsdorf, teil des heutigen Karlsdorf-Neuthard. In Erinnerung an das alte Dettenheim gaben sich die Gemeinden Liedolsheim und Rußheim bei ihrer Fusion 1975 diesen Namen. Auch heute noch werden Dörfer aufgegeben. Seit 1945 wurden alleine für den Braunkohleabbau hunderte Orte in Deutschland verlassen, vor allem im Rheinland oder in der Lausitz. Zahlreiche weitere Beispiele ließen sich anführen, aber zurück nach Etzenrot:
Hier lagen die Gründe weniger in Naturkatastrophen oder der Suche nach Bodenschätzen, als vielmehr in Misswirtschaft, Krieg und inneren Streitigkeiten. Bereits in den 1720er Jahren hatte es eine schwere Auseinandersetzung zwischen Busenbach, Reichenbach und Etzenrot gegeben, die damals bereits einen Stab, eine Art Verbandsgemeinde, gebildet hatten. Hauptpunkt des Streites war die gemeinschaftliche Nutzung der Gemarkungsfläche für den Weidegang der Tiere gewesen. Hier fühlten sich Busenbach und Etzenrot von Reichenbach übervorteilt. Der Streit schwelte wohl noch lange nach und so kam es 1793 schließlich zur Auflösung des Stabes, was jedoch auch bedeutete, dass die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern fortan nicht mehr möglich war. Hinzu kamen in dieser Zeit die Napoleonischen Kriege, die für die einfachen Menschen eine hohe Abgabenlast, zu den auch in Friedenszeiten bereits sehr hohen Abgaben, bedeutete. Schließlich hatten die Etzenroter wohl auch selbst zu ihrem eigenen Unglück beigetragen. Aufgrund der wirtschaftlichen Not hatten viele – verständlich, aber kurzsichtig gedacht – Wiesen und Äcker, teils auch ihren ganzen Hof an Leute aus den Nachbardörfern verkauft. Schnell gerieten die Bewohner dadurch in eine Abwärtsspirale. Die verkauften Flächen fehlten für die Nahrungs- und Futtergewinnung, dadurch musste der Viehbestand reduziert werden, was wiederum die Menge an Dung senkte, weshalb die Felder nicht ausreichend gedüngt werden konnten. Die Folge waren immer weiter sinkende Erträge. Um 1800 gaben die Etzenroter an, weniger als die Hälfte an Ertrag pro Fläche zu erhalten, wie die Bäuerinnen und Bauern in den Nachbardörfern. Viele verschuldeten sich und selbst die Ernährungslage wurde zunehmend schlechter.
In dieser angespannten Situation litt gerade auch der gesellschaftliche Zusammenhalt sehr. Der Etzenroter Schultheiß Anderer, eine Art Bürgermeister, berichtete in einem Schreiben aus dem Jahre 1800, dass „Unzufriedenheit unter der Bürgerschaft vergesellschaftet mit Haß, Hader, Zank, Verleumdung etc. in Etzenroth dergestalt ihren Wohnsitz aufgeschlagen zu haben scheinet, als wenn sie ihn, solange Etzenroth eine Gemeinde bleibt, nicht wieder verlassen wollte“. Zwar erkannten die Zeitgenossen, dass die sozialen Probleme „ihren Ursprung in der Armuth, Mangel und Noth“ hatten, doch schoben sie die Gründe hierfür - dies dürfte an so manchen heutigen Zeitgenossen erinnern - auf „Fremde“ und „Ausmärker“, wozu damals bereits „z.B. Spielberger etc. etc.“ zählten.
Zur Auflösung des Dorfes kam es schließlich nicht. Markgraf Karl Friedrich, ein Reformer, der sich um den Landesausbau in Baden verdient gemacht hatte, verordnete dem Dorf Etzenrot stattdessen einen „Sanierungsplan“. Zur Tilgung der Privatschulden der Etzenroter durfte ein Teil des Gemeindewaldes an den badischen Staat verkauft werden. Die Einteilung der Gemarkung wurde optimiert und eine Hofverfassung eingeführt, die auch die nachhaltige Erbteilung der Höfe neu regelte. Als fatal sollte sich hingegen die Entscheidung erweisen, die Anzahl der Bürger zu beschränken und einen Teil davon auszuweisen. Der positive Effekt auf die Nahrungsmittelknappheit war rasch verpufft und die negativen Seiten überwogen schon nach ein paar Jahren. Die Nachbargemeinden verweigerten nun die „Wechselheyraten“ mit den Etzenrotern, da es ihren eigenen Söhnen und Töchtern nun kaum noch möglich war, in Etzenrot in das Bürgerrecht zu gelangen. Derart isoliert bemühten sich die Etzenroter bereits wenige Jahre später erfolgreich darum, diesen Punkt des Sanierungsplanes wieder abzuschaffen. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Etzenrot, gerade auch durch erneuten Zuzug, zu einer aufstrebenden Gemeinde, angetrieben vor allem durch die bereits früh einsetzende Industrialisierung des Albtals und die Fabrik in Neurod.
Es ist erstaunlich, wie viel in der Geschichte von auf den ersten Blick unscheinbaren Dörfern über die Auflösung von Unionen, Vorbehalte gegen Fremde und über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in wirtschaftlichen und politischen Krisenzeiten gelernt werden kann. Vielleicht auch für das Hier und Heute …
(Text Frank Heinrich)