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Kirche & Religion

Pfarrer Eberhard Lempp - ein religiöser Sozialist (1)

Auf der bereits in einem früheren Artikel („Dorfnachrichten“ Nr. 45/2025) erwähnten Holztafel im Innenraum der Evangelischen Aegidiuskirche in Baltmannsweiler...
Aegidiuskirche. Tafel mit den Pfarrernamen. Foto vom 16. Februar 2023Foto: auh

Auf der bereits in einem früheren Artikel („Dorfnachrichten“ Nr. 45/2025) erwähnten Holztafel im Innenraum der Evangelischen Aegidiuskirche in Baltmannsweiler werden alle Pfarrer der Kirchengemeinde seit 1579 chronologisch aufgelistet. Als 33. Namen liest man Eberh.[ard] Lempp mit der Jahreszahl 1919. Wer war dieser Eberhard Lempp, der der Kirchengemeinde Baltmannsweiler in den Jahren nach dem für das Deutsche Kaiserreich verlorenen Weltkrieg acht Jahre vorstand? Im Folgenden soll ein Blick auf seine Biografie geworfen werden, soweit es die noch vorhandenen Unterlagen zulassen.

Am 20. Juli 1886, mittags um 12 Uhr, kam in Oberiflingen (Oberamt Freudenstadt) Ferdinand Eberhard Lempp als drittes von elf Kindern des Repetenten Christian Eduard Lempp und dessen Gattin Anna Emilie (geborene Schüz) zur Welt und wurde am 9. August getauft. Sein Vater gründete in dem Ort im Sommer 1890 den Spar- und Darlehenskassenverein und lud für den 12. Juli zur Gründungsversammlung ein. Er war auch Initiator des Evangelischen Arbeitervereins in Neckarsulm. Der Sohn Eberhard studierte Theologie an der Universität in Tübingen und legte die erste Dienstprüfung im Herbst 1908, die zweite im Frühjahr 1912 ab. Er wurde zunächst Vikar in Teinach, Neckarhausen und Dürrmenz, dann Pfarrverweser in Bissingen an der Enz und in Wurmberg, danach Stadtvikar in Cannstatt, Tuttlingen und Ulm. Im Jahr 1912 unternahm er von Juli bis November eine Studienreise nach England, Norddeutschland und in die Schweiz.

Nach einem etwa viermonatigen Stadtvikariat in Heilbronn ab Januar 1919 war der nun 32-Jährige seit dem 19. Mai 1919 Pfarrer in Baltmannsweiler, dort blieb er bis 1927. Laut dem Vikariatsbericht vom 1. April 1919 war er nicht besonders musikalisch, spielte aber Harmonium und Klavier und vermochte dadurch den Gemeindegesang zu begleiten, aber nicht durch Orgelspiel. Seine selbst geschriebenen Predigten trug er stets völlig frei vor. Er heiratete am 5. Oktober 1920 in Stuttgart die 26-jährige Pfarrerstochter Theodora Gertrud Emma Knauß, gebürtig aus Hößlinswart, die Ehe blieb kinderlos. Der neue Pfarrer hing den Religiösen Sozialisten an, die irdischen Frieden und Gerechtigkeit forderten und die Probleme der im 19. Jahrhundert in Deutschland entstandenen Industriegesellschaft erkannten. Sie drängten auf eine Lösung der Probleme auch oder gerade durch das Christentum und suchten aus diesem Grund die Annäherung zur Sozialdemokratie oder den Gewerkschaften. Zu untersuchen wäre, wie sich das Verhältnis des Pfarrers zu der Baltmannsweiler Bevölkerung entwickelte, deren Mehrheit ja in die großen Industriebetriebe des Neckar-, Fils- und Remstals pendelte und dort politisiert wurde. Infolgedessen besaß der Ort eine starke organisierte Arbeiterschaft mit einem eigenen Vereinswesen, genannt werden soll hier der 1898 gegründete Turnverein, der bereits 1913 dem „Arbeiterturn- und Sportbund“ beigetreten war. Bei anstehenden Wahlen bekamen linke Parteien, zuvorderst die SPD, aber auch in beachtlichem Maße die KPD, die meisten Stimmen. Das hatte eine gewisse Tradition in dem Schurwaldort, denn schon bei der Reichstagswahl 1912, also noch im Kaiserreich, hatten von 130 Abstimmenden 103 sozialdemokratisch gewählt. Bis zur letzten völlig freien Reichstagswahl vom 6. November 1932 wurde in Baltmannsweiler mehrheitlich für die Sozialdemokratie gestimmt. Selbst bei der Reichstagswahl vom 5. März 1933, fünf Wochen nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, erhielt zwar die NSDAP 193, aber die SPD immerhin noch 156 Stimmen.

In den Protokollen des örtlichen Kirchengemeinderats aus den ersten Jahren nach dem für das Deutsche Reich verlorenen Ersten Weltkrieg findet der Historiker neben der Erwähnung weniger wichtiger Vorkommnisse (wie des unordentlichen Verhaltens der Kinder während des Gottesdienstes vor und in der Kirche) etliche Hinweise auf die damals bedrückenden Bedingungen sowohl für die Dorfbevölkerung als auch für die örtliche Kirchengemeinde. So wird immer wieder auf die stetig steigende Teuerung hingewiesen, die auch die Kirche betraf, sei es im Hinblick auf Handwerkerleistungen, Material jeglicher Art oder Gehälter der Kirchenbeamten und -angestellten. Oftmals wurden Teuerungszulagen bewilligt, beispielsweise am 8. Juli 1920 eine 50%ige Zulage für den Organisten. Mit Wirkung vom 1. Januar 1922 sollte er jährlich 1000 Mark erhalten, der Mesner 600 und der Kirchenpfleger 160 Mark. Die Läuteknaben wurden mit 20 Mark im Jahr entlohnt, „während der Orgeltreter, der schonbisher sehr gut bezahlt war, nach wie vor 24 M erhalten soll“. Für die Kinderschwester wurden monatlich 300 Mark bestimmt. Damit war nach Ansicht des Verfassers dieses Beitrags wohl die betreuende Person im Kindergarten (zu jener Zeit als „Kinderschule“ bezeichnet) gemeint. Selbst dieser Betrag wurde jedoch „angesichts der starken Teuerung“ bereits Ende März rückwirkend auf 400 Mark erhöht. Bald reichten auch diese Erhöhungen nicht mehr aus: Im Juni wurden die jährlichen Bezüge des Organisten auf 1200, des Mesners auf 1200, des Kirchenpflegers auf 400 Mark und der Läuter auf 40 Mark angehoben. Doch auch diese Gehaltsanpassung war nur von kurzer Dauer, schon Anfang September 1922 wurde eine erneute Erhöhung beschlossen, dann erfolgten Gehaltsanhebungen quasi in Monatsabständen. Gleichzeitig erhöhten sich aber auch die Gebühren für die sogenannten Kasualien wie Taufe, Hochzeit, Konfirmation oder Beerdigung. Dabei unterschied man zwischen Taufe (wohl in der Kirche) und Haustaufe, zwischen Hochzeit an einem Werktag und an einem Sonntag.

In besagten Protokollen finden sich an einigen Stellen Hinweise auf Geldzuwendungen ehemaliger in die Vereinigten Staaten ausgewanderter Baltmannsweiler/innen. So heißt es im Protokoll vom 5. März 1920: „Von Amerikanern, die aus Baltmannsweiler stammen, sind dem Vorsitzenden [d. h. dem Pfarrer] für Zwecke der Gemeinde 800 M[ark] gesandt worden.“ Der Kirchengemeinderat stimmt dem Vorschlag seines Vorsitzenden zu, mit diesen finanziellen Mitteln einen Krankenpflegekastenanzuschaffen.Im Protokoll vom 14. Dezember jenes Jahres steht, die Kirchengemeinde habe größere Geldsendungen aus Amerika erhalten. So habe eine Luise Stahl 1238 Mark gegeben, dabei handelte es sich wohl um die am 21. Juli 1888 in Baltmannsweiler geborene Luise Christiane, deren Vater Johann Daniel Stahl im Jahr 1896 mit der gesamten Familie ausgewandert war. Da keine Zweckbestimmungen des Geldes beigefügt waren, schlug der Kirchengemeinderat vor, mit Luise Stahls und anderer Spender Geld in der Kirche elektrisches Licht einzubauen. Der Einbau erfolgte dann einige Monate später. Am 26. März 1922 hält das Protokoll fest, dass eine Katharina Witte (geborene Münzenmaier) und ein Gerry Off jeweils fünf Dollar geschickt hatten, „wofür man zusammen 1800 M bekam“. Ein August Scharpf gab 800, ein Wilhelm Scharpf 200 Mark, damit betrug die Gesamtsumme 2800 Mark. Der Betrag wurde wie folgt aufgeteilt: Der Pfarrer sollte über 400 Mark zum Zweck der Fürsorge für Gemeindemitglieder frei verfügen können, 1600 Mark kamen dem Gemeindehausbaufonds, 800 Mark dem Glockenfonds zugute. Eineinhalb Jahre später teilte der Pfarrer in der Sitzung vom 5. September 1923 mit, dass er durch einen Herrn Kurz aus Amerika 20 Dollar zur Anschaffung einer Glocke erhalten habe. Dieser Betrag war das Ergebnis einer Sammlung unter „alten Baltmannsweilern“.Das Geld reiche aber vielleicht zur Anschaffung einer Gussstahlglocke, hingegen nicht zu der einer Bronzeglocke.Der Kirchengemeinderat beschloss deshalb, lieber noch abzuwarten, um bei eventuell weiteren Geldgaben eine Bronzeglocke anzuschaffen. Ein knappes Dreivierteljahr später teilte eine Stuttgarter Firma Kurz den Preis der kleinen Bronzeglocke mit, woraufhin der Kirchengemeinderat ein weiteres Abwarten beschloss. Ebenso wurde die Behebung der „Mißstände an der Orgel“ verschoben.

In der Sitzung am 24. Oktober 1922 einigte sich der Kirchengemeinderat dahin, „zunächst nur einen Voranschlag auf ein Jahr, also für das Rechnungsjahr 1922/23 aufzustellen, da bei der gegenwärtig sich ununterbrochen steigenden Teuerung nicht vorauszusehen ist, wie sich die Verhältnisse im nächsten Jahr gestalten werden“. Die Verhältnisse sollten noch schlimmer und 1923 ein Jahr voller Gefahren für die junge Republik werden. Die immer schnellere Geldentwertung wurde im kommenden Krisenjahr zum beherrschenden Thema, zum Beispiel wird im Protokoll vom 12. März 1923 von einer „inzwischen eingetretenen gewaltigen Geldentwertung“ gesprochen. Deshalb bekam die Kinderschwester nun monatlich 10000 Mark - zum Vergleich: Ein Zentner Kohlen zum Heizen der Kirche kostete nunmehr über 15000 Mark. In dem besagten Protokoll vom 12. März findet sich unter § 6 noch ein indirekter Hinweis auf die sich beschleunigende Geldentwertung: „Es wird angeregt, für das viele Papiergeld statt der Teller erhöhte Opferbüchsen aus Blech oder Holz zu beschaffen.“ Ein Flaschner Schmid fertigte daraufhin solche Büchsen an. Wenn man das Gehalt der Kinderschwester als Indiz für die rapide ansteigende Geldabwertung heranzieht, sollen die beiden nachfolgende Angaben in den Protokollen für sich sprechen: 6. Juni 25000 Mark, 5. August 50000 Mark. Gleichzeitig wurde aber auch jeweils das Schuldgeld angehoben.

Im Herbst 1923 erreichte die Hyperinflation in Deutschland ihren Höhepunkt, dann legte die am 15. Oktober von der Reichsregierung beschlossene „Verordnung über die Errichtung der Deutschen Rentenbank“ die wichtigste Voraussetzung für eine Währungsstabilisierung. Das neue Zahlungsmittel, die Rentenmarkt, stützte sich auf eine Hypothekenbelastung der deutschen Wirtschaft und war an den Goldpreis gebunden. Der Wechselkurs einer Rentenmark wurde mit einer Billion Papiermark festgelegt, ein US-Dollar entsprach 4,20 Rentenmark. Einen Hinweis auf diese neue Währung findet sich erstmals im Protokoll der Sitzung vom 25. November, als die Kosten für die notwendig gewordenen Bauarbeiten an der Kinderschule angesprochen wurden. Die Arbeiten hätten eine vorläufige Ausgabe von 87 Goldmark verursacht, zur „Bestreitung dieser Schuld stehen 10 Dollar = 42 Goldmark zur Verfügung“. In der Sitzung vom 8. Dezember wurde beschlossen, „die Umlage von 1923 nunmehr auf der Grundlage der Goldmark festzusetzen u. einzuziehen“. Interessanterweise war jedoch die Summe des an Weihnachten erhaltenen Opfergeldes für den Gemeindehausbaufonds noch in der ehemaligen Währung angegeben - sie betrug 7,8 Billionen Mark. (auh)

Ausschnitt mit dem Namen Lempps.Foto: auh
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