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Pfarrer Eberhard Lempp - ein religiöser Sozialist auf der Kanzel (2)

In Lempps Zeit als Pfarrer in der Schurwaldgemeinde fällt die Errichtung eines Kriegerehrenmals an der Außenfassade der Aegidiuskirche. Die Idee dazu...
Konfirmanden des Geburtsjahrgangs 1908/09 mit Pfarrer Lempp vor der Gedenktafel. Aufnahme um 1922Foto: Privatbesitz

In Lempps Zeit als Pfarrer in der Schurwaldgemeinde fällt die Errichtung eines Kriegerehrenmals an der Außenfassade der Aegidiuskirche. Die Idee dazu gab es im Kirchengemeinderat erstmals im Jahr 1916 angesichts des massenhaften Sterbens auf den Schlachtfeldern. Das Vorhaben wurde dreieinhalb Jahre später konkretisiert. Lempp kannte aus eigener Erfahrung die Leiden und die Trauer, die der zurückliegende Weltkrieg verursacht hatte: Seit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der zuvor ungediente Einjährig-Freiwillige wie seine Brüder Militärdienst geleistet und war als Sanitätsunteroffizier von Juli 1914 bis Mai 1916 im Garnisonlazarett Ulm und dann mit einer Unterbrechung (Zurückstellung wegen einer erneuten Tätigkeit als Stadtvikar in Ulm) von April 1917 bis Dezember 1918 an der Westfront beim Feldlazarett 253 gewesen. Als Auszeichnungen hatte er das Eiserne Kreuz II. Klasse und die Silberne Militärverdienstmedaille erhalten. Zwei seiner Brüder, Otto und Eugen, hatten im Dezember 1914 in Polen bzw. im Mai 1917 in Frankreich den angeblichen „Heldentod fürs Vaterland“ gefunden. Die Entwürfe zu dem Ehrenmal stammten interessanterweise vom Architekten Rudolf Lempp, dem ein gutes Jahr jüngeren Bruder des Baltmannsweiler Geistlichen. Der Schüler und Assistent des bekannten Stuttgarter Architekten und Hochschullehrers Paul Bonatz hatte den Krieg als Reserveoffizier mitgemacht und war in den Nachkriegsjahren als „Privatarchitekt“ verantwortlich für einige weitere Kriegerdenkmale. Der örtliche Steinhauer Heinrich Albert Mezger sollte die Ausführung der Arbeiten übernehmen. Da die Materialpreise und die Arbeitslöhne nach Mezgers Angaben jedoch gewaltig stiegen, verdoppelte sich der Gesamtpreis für das Ehrenmal. Laut Rechnungsakten fertigte die Firma Mezger das Kriegerdenkmal für den Preis von 3293 Mark an. Wann genau und in welchem Rahmen es eingeweiht wurde, ist noch zu recherchieren. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Fertigstellung und die Einweihung im Laufe des Jahrs 1920 geschahen, ein Beleg für diese Annahme ist eine Fotografie um 1922 anlässlich der Konfirmation des Geburtsjahrgangs 1908/1909.

Ein fortwährendes Thema war die angespannte bauliche und personelle Situation des Kindergartens, der „Kinderschule“. Im Zusammenhang mit einer Geldspende des Reichenbacher Fabrikanten Otto in Höhe von 200 Mark (wohl im Jahr 1924) „für die Wiederherstellung des Gebäudes“ wurde laut Protokoll vom 11. Mai 1924 auch die dringend notwendige Gehaltsaufbesserung der Kinderschwester angesprochen. Lempp wandte sich deshalb an die bürgerliche Gemeinde, ob sie nicht jetzt schon ihren Jahresbeitrag bewilligen könnte. Der Schultheiß Karl Wilhelm Rückert sagte zu, einen solchen Beschluss herbeiführen zu wollen. Zudem war offenbar eine Krankenschwesterstation geplant. Die Baumaßnahmen an der „Kinderschule“ wurden auch ausgeführt, die Mehrkosten von 80 Mark trugen die kirchliche und die bürgerliche Gemeinde je zur Hälfte.

Schmunzeln lassen den Lesenden der Kirchengemeinderatsprotokolle heute vielleicht zwei der vom Ortsvorsteher in der Sitzung am 29. Oktober 1924 vorgebrachten Wünsche: Der Gesang im Gottesdienst solle nicht so schleppend sein, und der Lehrer solle vom Vorsitzenden des Kirchengemeinderats, also dem Pfarrer, gemahnt werden, das Fluchen in der Schule zu unterlassen. Ein ernsteres Thema war das Grabgeläute, um das es u. a. in der Sitzung vom 4. März 1925 ging. Es gab nämlich seit Anfang Februar 1925 einen Erlass des Evangelischen Oberkirchenrats, das Läuten Katholiken zu gewähren, „die ihrerseits auchbei Beerdigungen Evangelischer ihre Glocken zur Verfügung stellen“. Grundsätzlich zu untersagen war es laut Erlass aber bei verstorbenen Personen, die zu Lebzeiten aus der Landeskirche ausgetreten waren und sich keiner christlichen Gemeinschaft angeschlossen hatten.

Ein immer wiederkehrender Tagesordnungspunkt auf den Sitzungen MItte der 20er Jahre war die Finanzierung der Kosten, die infolge der Kirchendacherneuerung anstanden. Dafür sollten mehrmals Opfergaben (z. B. zu Weihnachten und anlässlich der Konfirmation) und Beiträge u. a. des Oberkirchenrats verwendet werden. Das Dach wurde dann um 1927 vollständig neu eingedeckt. Laut Beschluss sollten „die Dachziegel des alten Kirchendachs […] an Liebhaber verkauft werden, ebenso, falls ein genügendes Angebot gemacht wird, die alten Dachlatten. Andernfalls erklären sich einige KGRäte bereit, letztere zu versägen.“ Besprochen wurde auf den Sitzungen oftmals auch das Problem ausstehender Kirchensteuern säumiger Baltmannsweiler Gemeindemitglieder, wobei mitunter der Kirchengemeinderat in einzelnen Fällen die Steuerschuld ermäßigte.

Nach der Durchsicht der Protokolle sind noch die Klagen der Kirchengemeinderatsmitglieder über das Verhalten der (vor allem männlichen) Baltmannsweiler Heranwachsenden bei kirchlichen Veranstaltungen erwähnenswert. Nebenbei: Die Klagen der älteren über die jüngere Generation sind ein offenbar zeitloses Phänomen. Ein wiederholter Stein des Anstoßes war beispielsweise das „Treiben der Christenlehrpflichtigen“ vor und während des Gottesdienstes (KGR-Protokolle vom 4. März 1925, 21. Juli 1926 und 8. Mai 1927). In der Sitzung vom 21. Juli 1926 wurde deshalb beschlossen, „künftig solche [Christenlehrpflichtigen],die Unruhe verursachen, wegen Störung des Gottesdienstes dem Schultheißenamt anzuzeigen u. von demselben bestrafen zu lassen. Dies soll der Gemeinde von der Kanzel aus mitgeteilt werden, damit auch die Eltern ihre Kinder verwarnen. Außerdem erklären sich mehrere KGRäte bereit, bei der Aufrechterhaltung der Ordnung mitzuwirken.“

Pfarrer Lempp war offenkundig auf dem Bezirkskirchentag, der am 24. und 25. Oktober 1926 in Schorndorf stattfand und dessen Hauptthema die Ursachen der Entfremdung zwischen Kirche und Arbeiterschaft war. Laut Protokoll vom 5. November berichtete Lempp den Kirchengemeinderatsmitgliedern, worauf sich eine längere Debatte anschloss. Ein Grund für die Entfremdung, die sich bereits seit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland entwickelt hatte, war sicherlich, dass die Evangelische Kirche vielen Arbeitern als Kirche des Mittelstandes und des akademischen Bürgertums galt. Wie sich das Verhältnis von Kirche und arbeitender Bevölkerung, insbesondere der politisch organisierten, in der Schurwaldgemeinde darstellte, ist anhand der Protokolle leider nicht herauszufinden. Jedoch gibt es einen, wenn auch Jahre später erfolgten Hinweis im Dekanatamtlichen Zeugnis für Lempps Nachfolger Karl Frank vom 3. Mai 1933. Dort heißt es: „Baltmannsweiler mit seiner leicht erregbaren und politisch früher weithin links gerichteten Bevölkerung ist kein leichter Platz.“ In Anbetracht des Datums des Schreibens und der doch eher allgemein gehaltenen Bezeichnung der Bevölkerung als „leicht erregbar“ hilft der Eintrag nicht weiter, wenn es um die Einschätzung des Verhältnisses des Pfarrers zu seiner damaligen Gemeinde geht. (auh)

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Ausgabe 25/2026
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