
„Die Ratsherrenweckfeier ist seit Jahrhunderten ein tragendes Element unserer Stadtgeschichte“, beschrieb Oberbürgermeister Julian Stipp die historisch bedeutsame Zusammenkunft treffend. Tradition sei nicht nur ein Blick zurück, sondern „ein Weitertragen dessen, was unsere Zivilgesellschaft prägt“. Schließlich sei Mosbach „mehr als nur Fachwerk, Denkmal und Stadtgeschichte – sie ist die Summe der Lebensgeschichten der Menschen“.
Bereits seit 1447 wird die Ratsherrenweckfeier nun in Mosbach jährlich – mit einigen geschichtlichen Ausnahmen – gefeiert. Sie begann dabei, wie stets, mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche St. Juliana im Herzen der Mosbacher Altstadt. Hier gedachten Pfarrerin Bianca Meinzer und Pater Konrad Liebscher gemeinsam mit den Mitgliedern des Gemeinderats sowie Gottesdienstbesuchern an all jene Mosbacher Bürger, die im vergangenen Jahr 2025 verstorben sind. Im späteren Verlauf des Abends trafen sich die „Ratsherren“– die nach der Gemeindeordnung heute die Bezeichnung Stadtrat führen – samt geladenen Gästen im Bürgersaal des Rathauses, wo sie die Ratsherrenwecken empfingen. Musikalisch begleitet wurde der Abend vom Streicherquartett „Quartetto Raddoppiamento“.
Eine der höchsten städtischen Auszeichnungen ist die Pfalzgraf-Otto-Plakette, welche Personen verliehen wird, die sich in vielfältiger und herausragender Weise um die Mosbacher Stadtgesellschaft verdient gemacht haben. Eine solche Verleihung, die meist im Rahmen der öffentlichen Gemeinderatssitzungen vorgenommen wird, fand in diesem Jahr auch direkt bei der einst vom Pfalzgrafen selbst ins Leben gerufenen Ratsherrenweckfeier statt. In den Kreis der Träger wurde der aus Reichenbuch stammende Politikwissenschaftler PD Dr. Hans-Günter Brauch aufgenommen. Brauch war in seiner wissenschaftlichen Laufbahn unter anderem an den Elite-Universitäten Harvard und Stanford in den USA sowie an der Freien Universität Berlin tätig. Der weltweit namhafte Fachbuchautor leitet heute die von ihm begründete Hans-Günter-Brauch-Stiftung für Frieden und Ökologie und Anthropozän.
1.200 Jahre Stadtgeschichte seit der ersten urkundlichen Erwähnung als „Oppidum Mosebacensis“ hat Mosbach nun vorzuweisen. Nur 119 Jahre später wurde die Stadt von Kurfürst Otto I. zu dessen Residenz erklärt und gerade einmal 36 Jahre später stiftete dieser die Seelenmesse samt Ratsherrenweckfeier. Der Stiftungsbrief samt Regelsatzung wird heutzutage jährlich bei der Ratsherrenweckfeier verlesen.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des heutigen Ablaufs der Feier ist auch ein Gastvortrag zu einem gesellschaftlichen Thema. In diesem Jahr durfte Stipp hierfür Staatsrätin Barbara Bosch begrüßen, die sich in ihrem Vortrag mit repräsentativer Demokratie und Bürgerbeteiligung beschäftigte.
Aus ihrer Heimat in Reutlingen, wo sie von 2003 bis 2019 selbst Oberbürgermeisterin war, überbrachte Bosch herzliche Grüße. Als ebenso historische Stadt zog Bosch gewisse historische Bezüge zwischen den beiden Städten – beispielsweise den Adler im Stadtwappen, der auf eine noch vor den Zeiten als Pfalzgrafenresidenz liegenden Historie als Freie Reichsstadt hinweist. Und auch die Ratsherrenweckfeier weise, so Bosch, einige Ähnlichkeiten auf zum in Reutlingen gefeierten „Schwörtag“ auf, der mittlerweile als immaterielles Kulturerbe anerkannt ist. Beim Spitznamen allerdings, schmunzelte sie, hätten die Mosbacher „Kiwwelschisser“ ganz gewiss die Nase vorn.
Dass Mosbach sich selbst als „Mitmachstadt“ verstehe, stellte OB Stipp dem Gastvortrag voran. „Dialog statt Blase: Demokratie zwischen den Wahlen leben“ sprach Barbara Bosch über die momentanen Haltungen zum Thema Demokratie und ihrer verschiedenen Formen. Dabei verwies sie mit Zahlen und Forschungsdaten mehrfach auf den 2025 erschienenen „Demokratiemonitor“ von Prof. Dr. Frank Brettschneider der Universität Hohenheim. Laut dieser Forschung seien momentan nur 44 % der Bürgerinnen und Bürger mit dem Funktionieren der Demokratie auf Bundesebene zufrieden. Dennoch stehen über zwei Drittel der befragten Personen hinter dem Konzept der repräsentativen Demokratie. Auf der kommunalen Ebene war die Zufriedenheit mit 59 % bereits wesentlich höher. Den ausschlaggebenden Punkt für das Funktionieren einer repräsentativen Demokratie in der heutigen Zeit sieht Bosch in der Partizipation.
Oft, erklärte sie unter zustimmendem Nicken aus den Reihen des Gemeinderats, sei zu beobachten, dass zu Informations- und Beteiligungsveranstaltungen stets dieselben Personen erscheinen, die bereits ein kommunalpolitisches Vorwissen besitzen und spezifische Fragen stellen. Die breite Menge der Bürgerschaft jedoch werde hier eher nicht abgebildet und viele Verständnisfragen gar nicht erst gestellt. „Wir müssen die ‚stille Mitte‘ erreichen“, betonte Bosch. Zufriedenheit entstehe daraus, in der eigenen Meinung wahrgenommen zu werden und die Entscheidungsfindung nachvollziehbar und transparent begleiten zu können. Ansätze hierfür seien in Mosbach mit kürzlichen Bürgerbeteiligungen erfolgreich zu beobachten. Weitere Ideen, mit denen sich das Land Baden-Württemberg bereits seit 2011 auseinandersetzt, seien beispielsweise Bürgerräte und Bürgerforen, die den gewählten Mandatsträgern bei der Entscheidungsvorbereitung helfen sowie Perspektiven und Optionen aufzeigen sollen. Ebenso wies Bosch auf das Online-Beteiligungsportal des Landes Baden-Württemberg hin.
Für Bosch bedeutet Bürgerbeteiligung, einen Raum für zivilisiertes Streiten zu schaffen, gerade bei polarisierenden Themen wie der fraglichen Zukunft des Mosbacher Krankenhauses. Sie forderte die Politik auf, sichere Räume zu schaffen, in denen Menschen aus verschiedensten Hintergründen sich informieren und austauschen können, ohne das Schwarz-Weiß-Denken der Sozialen Medien. „Klar ist aber auch“, schloss Bosch, „schlecht gemachte Politik kann durch gute Bürgerbeteiligung nicht ausgeglichen werden.“ Dennoch sei Bürgerbeteiligung eine der Methoden, Menschen politisch zu aktivieren und die Funktionalität der repräsentativen Demokratie zu stärken. (pvh)
