
In meiner Jugend in den 80ern und 90ern gab es eine Vision: eine Gesellschaft ohne Armut, ohne Rassismus, ohne Gier. Eine Menschheit, die ihre Probleme nicht verdrängt, sondern löst.
Als der Kalte Krieg endete und Deutschland wiedervereinigt wurde, fühlte sich diese Vision plötzlich greifbar an. Und ich dachte: Vielleicht erleben wir es noch. Vielleicht schaffen wir es, die erneuerbaren Energien groß zu machen und damit einen Teil dieser Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Und ja: Mit dem EEG zur Jahrtausendwende legte Rot-Grün den Grundstein. Solar und Wind begannen zu wachsen. Es ging voran. Doch von Anfang an gab es Widerstand. Unter CDU und FDP wurde die Solarbranche fast zum Stillstand gebracht. Tausende Arbeitsplätze verschwanden. Dann kam die Windkraft. Sie wuchs – und sie störte das fossile Geschäftsmodell. 2017 deckelte die Große Koalition den Ausbau. Wieder brach ein Aufbruch ein. Und dann kam Fridays for Future.
2019 gingen weltweit Millionen auf die Straße. 1,4 Millionen allein in Deutschland. 10.000 hier in Heidelberg. Plötzlich war da wieder diese Energie. Diese Entschlossenheit. Diese Hoffnung. In der Ampelkoalition wurden die Bremsen wieder gelöst. Der Ausbau von Solar und Wind zog wieder an. Das Wind-an-Land-Gesetz beschleunigt Genehmigungen und verpflichtet die Länder, Flächen bereitzustellen. Es ging wieder vorwärts. Und wieder dachte ich: Jetzt kippt es endgültig. Jetzt ist das fossile Zeitalter Geschichte. Aber wieder kam der Rückschlag.
Die Ampel zerbrach. Ministerin Reiche versucht, Gas zur wichtigsten Energiequelle Deutschlands zu machen. Der Ausbau der EE soll gestoppt werden – statt endlich die Netze anzupassen. Fossile Heizungen sollen möglich bleiben. Weltweit kehrt der Faschismus zurück, Trump stoppt den Klimaschutz in den USA. Das ist das Muster unserer Zeit: Hoffnung. Fortschritt. Gegenwind. Rückschritt.
Aber das ist nicht die ganze Geschichte.
Der Same von 2019 ist aufgegangen. In Dossenheim. In Schriesheim. Bürgerentscheide pro Windkraft. Menschen übernehmen Verantwortung. Gemeinden entscheiden sich für Zukunft statt Stillstand. Die EU hat Reiches Gas-Pläne verhindert und ihre Netzpläne und die Heizungs-Pläne stoßen auf massive Kritik. Und auch in den USA stehen die Menschen auf. Und jedes Mal, wenn wir wieder aufstehen, verschiebt sich die Zukunft ein Stück.
Wir wissen, dass es ein Hin und Her ist.
Wir wissen, dass es Widerstände gibt.
Und wir wissen auch: Ohne uns bewegt sich nichts.
Mehr Hitzetage oder mehr Windräder.
Mehr fossile Abhängigkeit oder mehr Sonnenstrom.
Mehr Verzögerung oder mehr Tempo.
Darum geht es.
Wir wählen Menschlichkeit.
Wir wählen Klimaschutz.
Wir wählen die Zukunft.
T. Rinneberg