Ein nächtlicher Stromausfall legt Teile von Reutlingen lahm – und wirft Fragen nach gezielter Sabotage auf: Nach Angaben des Netzbetreibers gibt es Hinweise auf Brandstiftung in einem Umspannwerk. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagte ein Sprecher von Netze BW.
Nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen könnte der Brand gezielt gelegt worden sein. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen etwa zu entsprechenden Taten in Berlin auf, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.
Nach dem Stromausfall in Reutlingen und umliegenden Gemeinden gehen die Behörden offenbar davon aus, dass viele Menschen noch länger ohne Stromversorgung bleiben. Für die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagte Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy laden oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Menschen so gering wie möglich zu halten.
Für einige Kitas werde für Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen solle es dazu im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt geben.
Vom Stromausfall in Reutlingen sind die Oststadt und ein betroffenes Klinikum wieder am Netz. Aber diverse Stadtteile und Gemeinden seien aber nach wie vor ohne Strom, sagte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz. Darunter sei auch der größte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern, die Gemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt sowie ein Industriegebiet.
«Das ist eine prekäre Situation. Sowas hat man Gott sei Dank nicht alle Tag», sagte Keck. Insgesamt seien noch 30.000 Menschen betroffen, hieß es bei der Pressekonferenz.
Nach dpa-Informationen entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro. Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte in Reutlingen mit Strom versorgt werden.
«Eine belastbare Prognose zur vollständigen Wiederherstellung der Stromversorgung ist derzeit noch nicht möglich», teilte die Stadt auf ihrer Internetseite mit. Aktuell seien noch rund 7.600 Haushalte ohne Strom. Die Innenstadt und das Krankenhaus würden wieder versorgt.
Nach Angaben von Netze BW waren insgesamt 20.000 Kunden betroffen. Demnach war das Umspannwerk Reutlingen-West gegen 1.45 Uhr infolge eines Feuers ausgefallen. Fünfeinhalb Stunden später sei etwa die Hälfte der betroffenen Kunden der Fairnetz GmbH, des Strom- und Gasnetzbetreibers in der Region Reutlingen, wieder versorgt.
Die beiden Energieunternehmen teilen sich den Angaben zufolge das Umspannwerk. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW beim Wiederaufbau der Stromversorgung Amtshilfe.
Der Stromausfall in Reutlingen hat auch die Kreiskliniken in der Stadt getroffen. «Es kam für mehrere Stunden zu Einschränkungen in unserem Betrieb», sagte ein Sprecher der Krankenhäuser. Das Klinikum am Steinenberg sei bis gegen 6.00 Uhr über ein Notstromaggregat versorgt worden, danach habe das Haus wieder Strom bekommen.
«Wir sind dennoch mit angezogener Handbremse unterwegs», sagte der Sprecher. «Vorsorglich bis heute Mittag haben wir alle planbaren Operationen verschoben.»
Nach dem Vorfall sind auch Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes im Einsatz. Um wegen der Auswirkungen des Stromausfalls besser zu helfen, arbeite ein Einsatzstab im Zentrum für Bevölkerungsschutz in Pfullingen, teilte die Stadt Reutlingen mit. Ein leitender Notarzt unterstütze vor Ort.
«Die Hilfsorganisationen bereiten sich für eine längere Einsatzdauer, die Betreuung von zahlreichen Hilfsbedürftigen sowie die Versorgung von Patienten vor», teilte die Stadt Reutlingen mit. Insgesamt seien bereits mehr als 50 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Es habe bereits mehrere Einsätze für die ehrenamtlichen Helfer gegeben.
Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich linksextremistische Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz.
Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige Kälte und es lag Schnee - und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.
In der Hauptstadt läuft seit den beiden Anschlägen eine intensive Debatte über mehr Sicherheit für die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das für 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern. Zudem wird daran gearbeitet, mehr georedundante Leitungen zu verlegen - also Kabel mit derselben Aufgabe an einem anderen Ort.
