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Verdacht auf Brandstiftung

Reutlingen: Stromausfall – Millionen-Schaden durch Sabotage?

Mehrere umliegende Gemeinden sowie Teile des Stadtgebiets sind in der Nacht in Reutlingen ohne Strom. Was war die Ursache?
War es Brandstiftung? Ein Brand in einem Umspannwerk hat den großflächigen Stromausfall am 8.6.2026 in Reutlingen ausgelöst.Foto: Christoph Schmidt/dpa

Ein nächtlicher Stromausfall legt Teile von Reutlingen lahm – und wirft Fragen nach gezielter Sabotage auf: Nach Angaben des Netzbetreibers gibt es Hinweise auf Brandstiftung in einem Umspannwerk. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagte ein Sprecher von Netze BW.

Nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen könnte der Brand gezielt gelegt worden sein. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen etwa zu entsprechenden Taten in Berlin auf, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.

Notfalltreffpunkt für die Nacht eingerichtet

Nach dem Stromausfall in Reutlingen und umliegenden Gemeinden gehen die Behörden offenbar davon aus, dass viele Menschen noch länger ohne Stromversorgung bleiben. Für die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagte Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy laden oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Menschen so gering wie möglich zu halten.

Für einige Kitas werde für Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen solle es dazu im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt geben.

Video: Sabotage? Stromausfall legt Reutlingen lahm

Quelle: glomex

Was wir wissen

  • Brand: Die Feuerwehr wurde um 1.43 Uhr über den Stromausfall informiert. Zwei Minuten später erhielt die Feuerwehr den Hinweis auf den Brand im Umspannwerk. Nach Angaben der Einsatzkräfte standen zwei Trafos in Flammen. Gegen 5.00 Uhr war das Feuer gelöscht. Das Umspannwerk Mitte ist laut Stadt seit 6.00 Uhr wieder in Betrieb.
  • Stromausfall: Auch Stunden nach dem Brand waren rund 7.600 Haushalte ohne Strom, das betrifft nach Angaben der Stadt etwa 30.000 Menschen. Unter anderem waren die Stadtteile Betzingen, Ohnenhausen, und das Industriegebiet Mark West nicht am Netz, auch die Gemeinden Kirchentellinsfurt und Wannweil waren ohne Strom. Wichtig sei es vor allem, die Bevölkerung wieder mit Strom zu versorgen - auch mit Provisorien, sagte Jens Balcerek von den Reutlinger Stadtwerken.
  • Einschränkungen: Die Behörden gehen offenbar davon aus, dass viele Menschen noch länger ohne Stromversorgung bleiben. Für die Nacht wird ein Notfalltreffpunkt eingerichtet, sagte Bürgermeister Roland Wintzen. Dort sollen Menschen etwa ihr Handy laden oder Babynahrung erwärmen können. Die Einschränkungen für die Menschen sollten so gering wie möglich gehalten werden. Betroffen war auch das Reutlinger Kreisklinikum. Die Notstromaggregate seien sofort angesprungen, hieß es dort. Insgesamt seien zehn Operationen verschoben worden.
  • Spuren: Nach Angaben des Netzbetreibers Netze BW sind drei Brandstellen gefunden worden. Außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagte ein Sprecher des Unternehmens. Die Ermittler äußern sich dazu nicht.

Was wir nicht wissen

  • Ursache: Die Polizei hält sich mit Vermutungen zur Brandursache im Umspannwerk noch zurück. «Unsere Ermittlungen sind in jeglicher Richtung», sagte Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen. «Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung, eventuell fahrlässig oder auch vorsätzlich», sagte die Polizistin. Es würden alle Möglichkeiten in Betracht gezogen.

    Nach Angaben von Oberbürgermeister Thomas Keck müssten drei zeitgleiche Brände auch nicht zwangsläufig auf eine Brandstiftung hindeuten. «Bei technischen Dingen kann es auch sein, dass Brände gleichzeitig ausbrechen.»
  • Dauer: Unklar ist, wann die Stadt und die umliegenden Gemeinden wieder ohne Einschränkungen am Netz hängen. «Eine belastbare Prognose zur vollständigen Wiederherstellung der Stromversorgung ist derzeit noch nicht möglich», teilte die Stadtverwaltung mit. Nach Angaben von Richard Huber (Netze BW) könnte es bis zur Vollversorgung rund 48 Stunden dauern.
  • Schaden: Bislang wird der Schaden nach dpa-Informationen auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Offizielle Schätzungen dazu gibt es nicht.
Polizisten vorm Umspannwerk in Reutlingen haben die Ermittlungen aufgenommen.Foto: Christoph Schmidt/dpa

Oststadt wieder am Netz

Vom Stromausfall in Reutlingen sind die Oststadt und ein betroffenes Klinikum wieder am Netz. Aber diverse Stadtteile und Gemeinden seien aber nach wie vor ohne Strom, sagte Reutlingens Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz. Darunter sei auch der größte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern, die Gemeinden Wannweil und Kirchentellinsfurt sowie ein Industriegebiet.

«Das ist eine prekäre Situation. Sowas hat man Gott sei Dank nicht alle Tag», sagte Keck. Insgesamt seien noch 30.000 Menschen betroffen, hieß es bei der Pressekonferenz.

Millionenschaden durch Brand und Stromausfall

Nach dpa-Informationen entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro. Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte in Reutlingen mit Strom versorgt werden.

«Eine belastbare Prognose zur vollständigen Wiederherstellung der Stromversorgung ist derzeit noch nicht möglich», teilte die Stadt auf ihrer Internetseite mit. Aktuell seien noch rund 7.600 Haushalte ohne Strom. Die Innenstadt und das Krankenhaus würden wieder versorgt.

Rund 20.000 Menschen ohne Strom

Nach Angaben von Netze BW waren insgesamt 20.000 Kunden betroffen. Demnach war das Umspannwerk Reutlingen-West gegen 1.45 Uhr infolge eines Feuers ausgefallen. Fünfeinhalb Stunden später sei etwa die Hälfte der betroffenen Kunden der Fairnetz GmbH, des Strom- und Gasnetzbetreibers in der Region Reutlingen, wieder versorgt.

Die beiden Energieunternehmen teilen sich den Angaben zufolge das Umspannwerk. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW beim Wiederaufbau der Stromversorgung Amtshilfe.

Auch Kliniken betroffen

Der Stromausfall in Reutlingen hat auch die Kreiskliniken in der Stadt getroffen. «Es kam für mehrere Stunden zu Einschränkungen in unserem Betrieb», sagte ein Sprecher der Krankenhäuser. Das Klinikum am Steinenberg sei bis gegen 6.00 Uhr über ein Notstromaggregat versorgt worden, danach habe das Haus wieder Strom bekommen.

«Wir sind dennoch mit angezogener Handbremse unterwegs», sagte der Sprecher. «Vorsorglich bis heute Mittag haben wir alle planbaren Operationen verschoben.»

Erste Einsätze für Rotes Kreuz und Malteser

Nach dem Vorfall sind auch Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes im Einsatz. Um wegen der Auswirkungen des Stromausfalls besser zu helfen, arbeite ein Einsatzstab im Zentrum für Bevölkerungsschutz in Pfullingen, teilte die Stadt Reutlingen mit. Ein leitender Notarzt unterstütze vor Ort.

«Die Hilfsorganisationen bereiten sich für eine längere Einsatzdauer, die Betreuung von zahlreichen Hilfsbedürftigen sowie die Versorgung von Patienten vor», teilte die Stadt Reutlingen mit. Insgesamt seien bereits mehr als 50 Helferinnen und Helfer im Einsatz. Es habe bereits mehrere Einsätze für die ehrenamtlichen Helfer gegeben.

Erinnerungen an Berliner Brandanschläge

Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich linksextremistische Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz.

Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige Kälte und es lag Schnee - und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.

In der Hauptstadt läuft seit den beiden Anschlägen eine intensive Debatte über mehr Sicherheit für die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das für 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern. Zudem wird daran gearbeitet, mehr georedundante Leitungen zu verlegen - also Kabel mit derselben Aufgabe an einem anderen Ort.

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