von Rolf W. Maier
Als im Jahre 1895 die Herren Gemeinderäte mit Bürgermeister Franz Hambrecht (1861-1943) von Sandhausen mit der Bahn nach Mannheim fuhren, trugen sie zwei Ehrenbürger-Urkunden der Gemeinde Sandhausen mit sich. So berichten es Heidelberger Zeitungen.
Diese Urkunden galten den Besitzern der größten Fabrik am Ort, der „grouß Fawwarik“, wie sie im Dialekt hieß. Über 40 Jahre zuvor errichteten die Väter der nun zu ehrenden Unternehmer eine wichtige Zigarrenfabrik, die den Wohlstand in Sandhausen enorm mit initiierte und beschleunigte, und sowohl per Lohn für die Arbeiterinnen und Arbeiter Geld in den Umlauf brachte als auch den Konsum befeuerte, der wiederum die örtliche Kaufmanns- und Handwerkerschaft stärkte. Nicht vergessen werden darf aber gleichfalls die Kehrseite dieses Fortschritts aufgrund der unhygienischen Räumlichkeiten in den Fabriken durch Nikotinstaub und besonders die Heimarbeit in stickigen, sehr kleinbemessenen Kubikmeter-Wohnräumlichkeiten, die mitverantwortlich waren für die hohe Säuglingssterblichkeit in unserer Kommune.
Die Väter der zu ehrenden Mannheimer hießen Lehmann (1809-1884) und Max Mayer (1818-1871).
Beide wurden 1863 Ehrenbürger wegen ihrer Firmengründungen, die den Einstieg in die Industrialisierung der Dünengemeinde zeitigten. Nun erhielten die Söhne der beiden früheren Ehrenbürger, also Cousins, ebenso diese Ehrerweisung durch die Gemeinderäte und den Bürgermeister Sandhausens.
Die Gebrüder Mayer mit dem Firmensitz in Mannheim besaßen viele Fabriken in Baden, im Saarland und im Elsaß (ab 1871 deutsch); auch in Sandhausen und St. Ilgen bedeuteten ihre Firmengründungen einen Einschnitt in der Wirtschaftsgeschichte der noch weitgehend bäuerlich dominierten Gesellschaft.
Was wissen wir über diese beiden Männer, die aus der langen Tradition des Mannheimer Judentums entstammen und im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Zeitalters und Assimilation der deutschen Judenheit sogar in die christlichen Kultusgemeinden übertraten.
Firmengründer und Vorfahren wirkten bereits seit der kurpfälzischen Zeit des 18. Jahrhunderts, um dann 1839 in der badischen Epoche die Zigarrenfabrik in Mannheim und 1852 in Sandhausen zu begründen.
Beide genossen eine gute Ausbildung am Mannheimer Gymnasium und an badischen Hochschulen; Ludwig wurde Jurist an der Universität Heidelberg und Emil Ingenieur an der Hochschule in Karlsruhe.
Nach Ihren universitären Abschlüssen übernahmen sie die Funktionen in den Fabriken und der Vermögensverwaltung der Familien Mayer in Mannheim.
Über Ludwig wissen wir sogar seine Wohnadresse in Mannheim, nämlich B 6,27.
Ludwig verließ in den 90er Jahren die Firma und bedachte seine Belegschaft mit einem Bonus anlässlich seines Ausscheidens aus der Firma Gebrüder Mayer, sodass Emil nach Auszahlung seines Bruders alleiniger Inhaber wurde Ludwig, der sich bald nach seiner Heirat umbenannte, konvertierte zum Katholizismus und zog nach Bayern , und zwar nach Garmisch-Partenkirchen, wo er ebenfalls später als Initiator einer Wohltätigkeits-Stiftung die Ehrenbürgerurkunde überreicht bekam. Bald darauf zog er um nach München, um eine Stelle als“ Königlicher Hofrat“ einzunehmen; 1919 starb er dort.
Georg Ludwig Mayer-Doss, so hieß er nun, nannte seinen Wohnsitz nach dem Vornamen seiner Frau „Villa Christina“; diese stammte aus der adeligen Familie von Doss.
Aus dieser Ehe ging die Tochter Martha (1877-1946) hervor, die mit Karl Haushofer (1869-1946) verheiratet war; deren Sohn Albrecht Haushofer (1903 -1945), ein Enkel des Ludwig Mayer, zunächst eher politisch nationalistischen Positionen zugeneigt , entwickelt sich mit der Zeit, so hieß es, zu einem wahren „Nazi-Hasser“, der engagiert im Widerstand gegen das NS-Regime tätig war und im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 kurz vor Ende des Krieges 1945 ermordet wurde.
Emil engagierte sich sehr in seiner Heimatstadt Mannheim, war zunächst noch aktiv in der jüdischen Gemeinde und z.B. aktiv bei der Gründung des „Krippenvereins“ (1901/2).
Hierfür erwarb er Grundstücke, auf deren Areal dann das Gebäude der Krippe errichtet werden konnte; dadurch konnten Säuglinge und Kleinkinder berufstätiger Mütter betreut werden. Emil Mayer stand in einer guten Verbindung mit dem neuen Sandhäuser Bürgermeister Franz Hambrecht ab 1893; gemeinsam wirkten sie an der Verbesserung der sozialen Lage der örtlichen Arbeiterschaft. Der Anstoß zum sozialen Wohnungsbau ging von Hambrecht aus und Emil Mayer trat an seine Seite, um die notwendigen Kapitalbereitstellungen zu organisieren.
Hintergrund war natürlich von Unternehmerseite auch die legitime langfristige Bindung der Facharbeiter an die hiesige Fabrik.
Motiviert aufgrund seines durch die christliche Nächstenliebe geprägten Sozialprotestantismus und durch Beispiele eines Karlsruher Stadtteils trieb Hambrecht vor Ort ein zu gelingendes Projekt voran, sodass in den 90er Jahren der Häuserbau realisiert werden konnte. An welchen Stellen Mayer besonders eingriff, Hinweise oder Ideen einfließen ließ, war bisher nicht zu eruieren. Später nannte dann die Gemeinde diese Bebauungsstrecke am Rande der Gemeinde erst ab 1897 Mayerstraße.
Auch mit einem anderen Projekt bleibt Emil Mayer mit Sandhausen verbunden, indem er 1909 durch eine größere Spende den Grundstock für die heutige Gemeindebücherei legte.
Vorbild war eine Lesehalle in Mannheim, die 1906 eingeweiht wurde. Korrekterweise darf nicht vergessen werden, dass die evangelische Kirchengemeinde eine Bücherei mit mehreren hundert Bänden bereits vor 1909 im Angebot hatte.
Da Franz Hambrecht durch seine Gemeindeaktivitäten und gegen ihn zu Unrecht geführten Prozesse in einschlägigen Kreisen des Grossherzogtum bekannt wurde, wählten ihn 1.200 Bürgermeister der ländlichen Gemeinden 1904 zum Verbandsvorsitzenden: Höchstwahrscheinlich stand Hambrecht der Nationalliberalen Partei nahe, oder er gehörte dieser Partei, der stärksten in Baden, sogar als Mitglied an.
Emil Mayer engagierte sich als Nationalliberaler in Mannheim und Baden; einerseits zog er 1892 in das städtische Parlament (92 Stadtverordnete) Mannheims ein, andererseits stellte ihn seine Partei als Kandidaten für ein Landtagsmandat auf. Er war in Karlsruhe 1905-1909 Landtagsabgeordneter; die Schwerpunkte seiner Reden bezogen sich auf die Bereiche der Eisenbahnbau, das Verkehrswesen, Steuerfragen u.v.m.
Überraschend verstarb Emil Mayer im Jahre 1910. Die große Beerdigung in Mannheim zeigte öffentlich, dass er zum Protestantismus konvertiert war. Bei dieser Beerdigung sprach auch unser Bürgermeister Franz Hambrecht ehrende Worte.
Emil Mayers Nachfahren gingen verschiedene Wege; der eine Sohn, Erich Karl Mayer (1878-1942), übernahm die Tagesgeschäfte der Fabriken bis zur „Arisierung“ in den 30er Jahren; der andere Sohn, Max Ernst Mayer (1875-1923) wurde ein berühmter Jurist und Rechtsphilosoph.
Die Zigarrenfabrik „Bruns bey Rhein“ wurde dann 1949 die Nachfolgerin der Firma Gebrüder Mayer in Sandhausen, wobei deren führenden Familienangehörigen vier Ehrenbürgerurkunden vorweisen können; je zwei im Jahre 1863 und 1895. In St. Ilgen erhielten die Cousins am 30.3.1895 die Ehrenbürgerschaft; während wir hier in Sandhausen das Ausstellungsdatum nicht kennen, aber das Datum der Übergabe in Mannheim – am 13.2.1895.