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Aus den Rathäusern

Scheiben klirrten „wie bei eme Erdbeewe“

Kriegsende: Als die amerikanischen Truppen an Ostern 1945 in Sandhausen einzogen Den nachstehenden Artikel verdanken wir unserem unvergessenen Rudolf...

Kriegsende: Als die amerikanischen Truppen an Ostern 1945 in Sandhausen einzogen

Den nachstehenden Artikel verdanken wir unserem unvergessenen Rudolf Lehr, den er im Jahre 1995 geschrieben hat. Diesen Artikel möchten wir nun, nachdem der Krieg seit 80 Jahren vorbei ist, nochmals den Leserinnen und Lesern der Gemeinde-Nachrichten zur Kenntnis geben.

Am Gründonnerstag 1945 arbeiteten zwei Bauersfrauen im Feldgewann Pflege Schönau auf einem Spargelacker und sahen ängstlich zum Himmel: Ununterbrochen überflogen Bombengeschwader der Alliierten um Walldorf, Sandhausen, Leimen – auch ungezählte Jagdbomber schwirrten herum; mit der Bombardierung deutscher Städte wie Pforzheim, Bruchsal, Mannheim war die Endphase des Zweiten Weltkrieges angebrochen. Wenn die Motoren der schweren Bomber über Sandhauen dröhnten, klirrten die Fensterscheiben „wie bei eme Erdbeewe“, erinnert sich eine Frau der Schützenstraße.

In der Nacht zum Karfreitag waren in Heidelberg die Brücken gesprengt worden, am Karfreitag überquerten Soldaten der 7. US-Armee mit Pontons den Neckar. In Sandhausen befanden sich noch immer deutsche Soldaten. Rückzügler oder solche, die den Rückzug zu sichern hatten. Die Jagdbomberangriffe auf die Bauern auf dem Feld häuften sich, im Bereich „Fasanerie“ bei St. Ilgen explodierten Granaten. Dessen ungeachtet wurde in einem Haus in der Großen Ringstraße „Kadofflpannekuuche gebacken“ Deutsche Landser hatten ein Verpflegungslager aufgelöst, die schleppten Speiseöl herbei, über den ganzen Karfreitag 1945 wurde „Pannekuuche“ gebacken und viele Hungrige wurden satt. Manche hatten sicher eine Vorahnung, dass nun eine lange Hungerszeit einsetzen würde.

Den Rundfunkdurchsagen glaubte man ebensowenig wie den „Endsieg“-Parolen, überall wurde gemunkelt, die Amerikaner seien nicht weit. Am Ostersamstag schlug die Stunde: Amerikanische Fronttruppen rückten von allen Seiten in Sandhausen ein. Eine Frau berichtet: “D’Leit hewwe Engschd ghadd, wie d Amerigaaner kumme sin. Deidsche Soldade hewwe von Dillje her riwwergschosse, hewwe Däche un Scheire in Brand gschosse.“

Die Ereignisse überstürzten sich: Die Autobahnbrücke am Hardtbach und die Zugmantel-Brücke an der L 598 waren von deutschen Kommandos gesprengt worden. Deutsche Landser warfen ihre Ausrüstung und auch die Uniformen weg, einige wurden vom Einmarsch der Amerikaner überrascht, einige hielten sich sogar noch in den Kellern versteckt und hatten Mühe, den Ort in der Nacht zu verlassen. Inzwischen hatten die Amerikaner Quartier bezogen, die deutschen Familien wurden ausquartiert, so besonders in der Bahnhofstraße. Im Hof der Glaserei Dorsch entdeckte man eine Panzergranate – auch in der Folgezeit wurden immer wieder Blindgänger und Handgranaten gefunden.

Ein deutsches Kommando beschoss Sandhausen von Nußloch her, Schäden entstanden in der Bahnhofstraße und am „Bruns-Gebäude“ in der Hauptstraße (heute Cityhaus). In einem Haus schlug eine Granate ein, zur Zeit des Einschlags saß der Eigentümer auf einem stillen Örtchen und versank zu einem Schrecken in der Jauchegrube … Ein Panzergeschoss traf das Haus Hauptstraße 168. Von Bruchhausen her besetzte ein Stoßkeil der Amerikaner den Ort.

Eisenbahnzug geplündert

Auf dem Bahngleis bei St. Ilgen wurde ein nach Fliegerbeschuss stehen gebliebener Eisenbahnzug geplündert; die Leute versorgten sich mit Mehl, Zucker und Salz. Im Ortskern von Sandhausen lief der Polizeidiener in seiner Polizeiuniform herum – die Amerikaner hatten dafür kein Verständnis, sie nahmen ihn fest und brachten ihn in ihr Standquartier im „Pfälzer Hof“.

Nachts klopft ebber an de Deer

Eine Frau berichtet: “Nachts klopft ebber an de Deer, un en Amerigaaner setzt mer die Pischdool uf d Bruscht … i bin arg verschrocke. De Hans Alfter (damals Chef des Sperrholzwerks), der hot Leit angewwe misse, wu er gekennt hot (damit sie ihn identifizieren konnten). Inzwischen hatten die Amerikaner auch das alte Schulhaus besetzt – kurz vorher war es noch Notlazarett und Verbandsplatz der Deutschen. Das Sanitäts- und Rotkreuzpersonal wurde abtransportiert. Die ersten Panzer rollten durch den Ort und zahlreiche Familien wurden ausquartiert, damit amerikanische Offiziere einziehen konnten. Vom Probsterwald her kamen neue amerikanische Fußtruppen.

Strenge Hausdurchsuchungen

Den Ostersamstag – es war der 29. März 1945 – verbrachten die meisten Sandhäuser in den Kellern ihrer Häuser. Die Amerikaner durchsuchten alle Wohnräume. Den aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Säbel des Großvaters hatte man längst vergraben, die Hitlerfahnen verbrannt und die Hoheitszeichen von den Uniformen entfernt.

Die erscht Penizilinspritz

Kontakte mit den Deutschen waren den Amerikanern nicht erlaubt, aber es hielt sich kaum jemand daran. Zwei Schützengässlerinnen erzählen: „Sie hewwe ehr aldi Wäsch gebroocht un üwwer de Gaadezaun gwunke. Zum Wäsche hewwe sie uns Kernseif gewwe un hewwe uns mit Schoklaad un frischgebackenem Brout versorgt … De Schitzweiße Hannes isch arrig krank gwest, dem hot en amerigaanischer Offizier odder Dokder e Spritz gewwe – des war die erscht Penizilinspritz in Sadhausen! De Hannes isch dann ball widder gsund worre.“

17-jähriger Flaksoldat starb

Im Gebiet Pflege Schönau hatte es am Ostersamstag noch Feindberührung gegeben, ein 17-jähriger Flaksoldat musste sein Leben lassen. Ein Bürger berichtete dem Chronisten: „Mir sin im Keller gsesse un hewwe den junge Soldat kreische heere, awwer s hot jo nimand nausgekennt. E paar Dächer vun Bruchhause sin gedroffe worre, e Gschoss isch durch unser Stalldeer. Wie’s Daag worre isch, hemmer den deidsche Soldat gfunne. En Amerigaaner isch dogstanne un hot „gude Morje“ gsaad – der muss in Deitschland gebore worre sei, vielleicht sogar in de Kurpfalz.

Tod durch eine Mine

Am Ostersonntag ratterten die Panzer durch Sandhausen und Bruchhausen. Einige Feld- und Waldwege waren von deutschen Rückzüglern vermint worden, so auch der Brühlweg. Im Waldstück unmittelbar an den "Vier Buchen“ wurde es einem Landwirt zum Verhängnis. Sein Pferdefuhrwerk fuhr auf eine Mine. Der Mann und sein Pferd waren auf der Stelle tot. Kurze Zeit später wurde ein weiterer Mann im Schulhof getötet, als er eine Handgranate entschärfen wollte.

Ostereier am Ostermorgen

Die Amerikaner ließen es sich nicht nehmen, sich von den Bruchhäuser Bauern am Ostersonntag beschenken zu lassen. Ein Bruchhäuser Landwirt erzählt hierzu: „Schinkeaajer un Baurebroud hewwe sie gwoodd und aa immer widder Kaddoffl verlangt. Dodefor hewwe sie uns Gwerze (Gewürze), Schoklaad un annere Sache gewwe“. In Sandhausen gab es kaum mehr Kartoffel. Dazu ein Bauer: „Am Sportplatz sin Kadofflle eigraawe gwest, die hemmer gholt, dass mer ebbes zu naare (zu nagen) ghadd hewwe … Un Bretter hemmer vum Exerzierplatz ghollt, um die viele Löcher (von den Granaten) zuzumache“

„D amerigaanische Soldade ware menschlich un human“, sagte eine Frau zu dem Chronisten. „Ab un zu hewwe sie e Souvenir mitgnumme, e Uhr, e Schmuckstick odder en Fotoapparat“, oft gab es auch einen Tausch gegen Trockenpulver und Trockenmilch. Nicht wenige Amerikaner sprachen Deutsch, ihre Eltern oder Großeltern waren deutsche Auswanderer, andere hatten in Heidelberg studiert, wie sich immer wieder herausstellte.

Wenige Wochen später verließen die amerikanischen Soldaten Sandhausen. Sie sollen – wie man hören konnte – nach Japan eingeschifft worden sein. In Sandhausen aber gab es Riesenprobleme mit der Unterbringung ungezählter Heimatvertriebener aus dem Osten. Was in den 50 Jahren danach beim Wiederaufbau geleistet wurde, erscheint heute vielen unvorstellbar.

Erscheinung
Amtsblatt der Gemeinde Sandhausen
NUSSBAUM+
Ausgabe 16/2025
von Gemeinde Sandhausen
19.04.2025
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