Während die heutige Fußballwelt gebannt auf die schillernden Stadien in Nordamerika blickt, beweist ein Blick in den Calmbacher Bücherschrank: Die Wurzeln echter Fan-Leidenschaft liegen ganz woanders – nämlich in der eigenen Vergangenheit. Unsere Serie „Wo schlummert der WM-Schatz?“ hat eine bemerkenswerte Reaktion hervorgerufen. Fritz Kiefer aus Calmbach hat uns ein Stück Zeitgeschichte präsentiert, das nicht nur Fußballherzen höherschlagen lässt, sondern eine ganze Ära dokumentiert.
Zum Vorschein kam das legendäre „Aral Fußball-Album“ zur Weltmeisterschaft 1966. Wer heute an Sammelalben denkt, hat meist die bunten Sticker-Bögen von Panini im Kopf. Doch 1966, im Jahr des legendären Wembley-Finales, wählte die Aral Aktiengesellschaft einen anderen Weg. Das Album war kein bloßes Heft, sondern ein „Dienst an den Fußballfreunden“, wie es im Vorwort heißt.
Besonders charmant: Das Exemplar ist ein echtes Zeitdokument. Auf der ersten Seite findet sich eine persönliche Widmung von Sepp Herberger, dem legendären Weltmeister-Trainer von 1954. „Ich wünsche diesem guten Buch einen vollen Erfolg!“, schrieb Herberger am 2. Februar 1966 – ein halbes Jahr vor dem Turnier in England.
Das Album besticht durch eine für die damalige Zeit hochwertige Aufmachung. Auf 18 Seiten versammelt es Postkarten der deutschen WM-Teilnehmer und wirft zudem einen Blick auf die internationale Konkurrenz. Wer in dem Buch blättert, reist zurück in eine Zeit, in der Spieler noch in Vereinen wie dem SV Werder Bremen, dem MSV Duisburg oder dem italienischen Spitzenclub AC Mailand spielten.
Auf den Fotos sehen wir Stars der 60er-Jahre, wie Karl-Heinz Schnellinger, den „Staubsauger“, oder den Bremer Torwart Günter Bernard. Man spürt förmlich den Geist einer Zeit, in der Fußball noch ohne Hochglanz-Marketing und Multimillionen-Transfers auskam – pur, nahbar und in der unverwechselbaren Ästhetik der 60er Jahre.
Mit diesem besonderen Fund von Fritz Kiefer schließen wir unsere Serie zur Suche nach den WM-Schätzen im Enztal. Es ist ein schönes Zeugnis dafür, dass hinter vergilbtem Papier und alten Fotos oft weit mehr steckt als nur Nostalgie – es sind die kleinen, persönlichen Geschichten, die den Fußball zu dem gemacht haben, was er für uns alle ist: ein Stück gelebte Kulturgeschichte direkt aus dem Wohnzimmer. (mm)



