
Beim Ausflug in den Zoo hat ein Stuttgarter Biologiestudent mit seiner Mutter zwischen Elefanten, Koalas und Tigern eine neue und gefährliche Ameisenart entdeckt. «Etwas schlanker und dunkler waren die zwei Arbeiterinnen, mit Verhaltensweisen, die sie von heimischen Arten abgrenzen», erinnert er sich nach Angaben der Universität Hohenheim an den Moment, an dem er die Asiatische Nadelameise zum ersten Mal sah.
Als Forschende nur wenig später in einem benachbarten Park auf eine ganze Kolonie der Asiatischen Nadelameise stoßen, ist klar: Die eingeschleppte Art hat es nach Deutschland geschafft, sie macht sich hier breit - und das könnte zum Problem für Mensch, Natur und andere Insekten werden. Denn nach Angaben der Experten sind Stiche der Nadelameise nicht nur schädlich, sie können - ähnlich wie bei einem Wespenstich - auch allergische Schocks auslösen und daher im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein.
«Die Insekten werden von der Europäischen Union aufgrund ihrer möglichen Schadwirkung und ihrer potenziell allergieauslösenden Stiche als besonders problematisch eingestuft», teilten die Experten der Frankfurter Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung mit. Die Art war im vergangenen Sommer in die höchste Gefahrenklasse der EU heraufgestuft worden.
Der Fund der Kolonie im Stuttgarter Rosensteinpark ist nach Angaben der Wissenschaftler der erste gesicherte Nachweis einer Asiatischen Nadelameise (Brachyponera chinensis) in Deutschland - und es dürfte nicht der letzte gewesen sein.
«Wir konnten in dem Park eine vollständige Kolonie der Asiatischen Nadelameise mit Nachwuchs entdecken», sagte Brendon Boudinot vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und warnte: «Das zeigt, dass es sich nicht nur um einzelne eingeschleppte Tiere handelt, sondern sehr wahrscheinlich um eine lokale überwinterungsfähige Population. Damit liegt der erste gesicherte Nachweis dieser Art in Deutschland vor.»
Boudinot ist Erstautor einer Studie zum deutschen Erstnachweis, die nun im wissenschaftlichen Fachjournal «Zootaxa» erschienen ist. Einer der Co-Autoren ist der Stuttgarter Biologie-Student Max Härtel, der nach Angaben der Universität Hohenheim bereits kurz zuvor ein Exemplar der Asiatischen Nadelameise im Stuttgarter Zoo Wilhelma entdeckt und bestimmt hat.
«Ein Zufallsfund», sei das gewesen, sagt David Grunicke, der am Comer See in Italien bereits den ersten Nachweis einer etablierten Population dieser Art in Europa erbracht hatte. Bei dem Tier in der Wilhelma handele es sich wahrscheinlich um ein Exemplar der Kolonie aus dem Park.
Die Asiatische Nadelameise stammt ursprünglich aus Ostasien. Im Südosten der USA wurde sie laut Universität 1932 erstmals entdeckt. Seitdem verdrängt sie dort in mehreren Bundesstaaten heimische Ameisenarten. Aus den USA seien auch allergische Reaktionen bekannt, die denen nach Wespenstichen ähneln. In Europa wurde ein einzelnes Tier dieser Art bereits 2020 in Neapel gefunden, später folgten weitere Funde in Italien, unter anderem die Population am Comer See.
Für die genaue Bestimmung der in Stuttgart gefundenen Ameisenart verglichen die Forscher um Boudinot äußere Merkmale wie Körperform, Oberflächenstruktur und Augen. In der Studie beschreibt das Team präzise Details, damit die Ameise künftig von nah verwandten Arten unterschieden werden kann.
Zuletzt hatte die ebenfalls eingeschleppte Ameisenart Tapinoma magnum für Schlagzeilen gesorgt. Sie breitet sich millionenfach in vielen Kommunen aus, frisst sich durch Stromkabel, legt Internetverbindungen lahm und dringt in Autos, Spülmaschinen oder Kinderzimmer vor. Allein in Baden-Württemberg sind in Dutzenden von Städten und Gemeinden teils auffallend große Kolonien nachgewiesen worden.
Invasive Ameisen verursachen weltweit erhebliche Schäden: Sie können öffentliche Grünanlagen und private Gärten beeinträchtigen, Nutztiere sowie geschützte Arten angreifen und ganze Lebensräume verändern. Auch für Menschen sind sie nicht ungefährlich – ihre Stiche können schwere allergische Reaktionen bis hin zu lebensbedrohlichen Schocks auslösen. Verbreitet werden die Tiere häufig unbemerkt, etwa über den internationalen Pflanzenhandel, in Containern oder im Reisegepäck.
Begünstigt wird die Verbreitung dieser Arten auch durch steigende Temperaturen im Zuge des Klimawandels. Die veränderten klimatischen Bedingungen erleichtern es ihnen, sich in neuen Regionen zu etablieren und dort rasch zu vermehren.
Forscher vermuten, dass die Asiatische Nadelameise über Pflanzen eingeschleppt wurde. «Urbane Gebiete stehen häufig im Zentrum der Etablierung gebietsfremder Arten», sagt Maura Haas-Renninger vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. «Hier kommen sie vermehrt als blinde Passagiere, beispielsweise in Topfpflanzen oder anderen Importgütern, an und können sich oft auch besonders gut etablieren.»
Unklar sei, wie weit die Asiatische Nadelameise in Deutschland bereits verbreitet sei. Die Wissenschaftler empfehlen gezielte Monitoring-Programme, um eine mögliche Ausbreitung frühzeitig zu erkennen. «Nur wenn wir wissen, welche Arten sich ausbreiten oder zurückgehen, können gezielte Schutzmaßnahmen entwickelt werden», sagt Haas-Renninger.


