
Das „Bündnis Demokratie und Toleranz in Wiesloch“ hatte ins Kulturhaus zu einer szenischen Lesung eingeladen. Klaus Heidel und Michael Reinig lasen aus dem Buch „Adressat unbekannt“ von Kathrine Kressmann Taylor.
Kressmann Taylor hatte den darin wiedergegebenen Briefwechsel erstmals 1938 in einer New Yorker Zeitschrift veröffentlicht. Das Buch ist über sechzig Jahre danach zu einem Bestseller in Frankreich und Deutschland geworden. Heute ist sein Inhalt wieder von großer Aktualität.
Die Geschichte handelt von dem Deutschen Martin Schulse und dem jüdischen Amerikaner Max Eisenstein, die in den USA gemeinsam eine gut gehende Kunstgalerie betreiben. 1932 kehrt Schulse mit seiner Familie nach Deutschland zurück, Eisenstein führt die Galerie in San Francisco weiter. Lange Zeit bleiben die beiden freundschaftlich verbunden, und sie tauschen sich in ihren Briefen über Privates und Berufliches aus. Obwohl Schulse dem Nationalsozialismus anfangs kritisch gegenübersteht, lässt er sich nach und nach in die weit verbreitete Begeisterung hineinziehen.
So schreibt er seinem Freund von der „Wiedergeburt des Neuen Deutschlands unter unserem Führer“. Alles Jüdische bezeichnet er als „Krebs“, den es gilt, herauszuoperieren. Und den Juden wirft er vor: „Ihr lamentiert immer, seid aber nicht tapfer genug, um zurückzuschlagen.“ Max' Schwester ist im deutschsprachigen Europa als Schauspielerin unterwegs. Ohne die Gefahren, die ihr drohen, zu realisieren, tritt sie in einem Berliner Theater auf und bekennt sich dort vor dem Publikum als Jüdin. Es gelingt ihr, vor dem wütenden Mob zu fliehen und sich bis zu dem Schloss, in dem Martin mit seiner Familie wohnt, durchzuschlagen.
Obwohl dieser einmal sehr verliebt in sie gewesen ist, überlässt er sie der Gestapo. Er schreibt seinem amerikanischen Freund: „Ich bin hilflos. Ich gehe ins Haus, und nach wenigen Minuten hört sie auf zu schreien. Am nächsten Morgen habe ich den Leichnam ins Dorf zur Beisetzung bringen lassen.“ Er bittet ihn, den Kontakt einzustellen, denn: „Es ist für mich nicht gut, dass eine Jüdin zu mir geflüchtet ist, um Unterschlupf zu finden.“ Ausnahme: Zahlungsüberweisungen.
Max tut nichts dergleichen, im Gegenteil. Es gelingt ihm, den Freund mit raffiniert freundlich geschriebenen Briefen, die, da ist er sicher, von der deutschen Zensur gelesen werden, zu vernichten. Den zuletzt an Martin gerichteten Brief sieht er als Beweis, dass dies gelang, denn er kommt mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“ zurück. Es lohnt sich, diesen Briefwechsel in dem kleinen Büchlein mit seinen nicht einmal 80 Seiten nachzulesen. Anlass, das Buch zu schreiben, war für die amerikanische Autorin die Begegnung mit einem deutschen Ehepaar, das sich seinerzeit deutlich sichtbar von einem Freund abwandte, nur weil er Jude war.
Kressmann Taylor veröffentlichte ihr Buch 1938, zu einer Zeit, als das verbrecherische Tun des Nazi-Regimes gerade erst Fahrt aufgenommen hatte und jüdische US-Bürger, die sich in Deutschland aufhielten, noch weitgehend unbehelligt blieben. So gesehen, gelang der Autorin ein berührender Blick auf das weitere Geschehen in den Folgejahren.
Elke Heidenreich schreibt in ihrem Nachwort: „Ich bin in der Geschichte einem Juden begegnet, der sich gerächt hat, der zurückgeschlagen und einen der Mörder vernichtet hat - und nur, indem er Briefe schreibt.“ Sie weist darauf hin, dass mit der Geschichte „exemplarische Schicksale“ beschrieben werden: „Der Jude ist kein Gutmensch, der sich alles bieten lässt, und der Deutsche ist kein sadistischer Unhold, sondern ein angepasster, karrierebesessener Mitläufer.“ Manch einem der gebannt lauschenden Besucher mag bei der Lesung die Frage durch den Kopf gegangen sein: Sind wir schon wieder so weit, dass sich Ähnliches wiederholen könnte? (aot)