Bei der Jahreshauptversammlung des Vereins, dem rund 300 Mitglieder zugehören, berichtete das Vorstandsgremium um Präsident Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel und Geschäftsführerin Isabel Götz von den Aktivitäten des vergangenen Jahres.
Neben Lesungen, Veröffentlichungen und kulturellen Veranstaltungen zählte auch ein Event in der Schweizer Botschaft in China zu den bemerkenswerten Ereignissen 2025. Natürlich richtete die Hermann Hesse Gesellschaft auch ihren Blick auf das kommende Jahr: 2027 würde Hesse 150 Jahre alt werden, sein Werk „Der Steppenwolf“ 100 Jahre. Zu diesem Anlass wird es neben der Wiedereröffnung des Hermann-Hesse-Museums zahlreiche Veranstaltungen in Calw geben, die sich Hesse und seinem Werk im Kontext der Moderne widmen.
Den Festvortrag gestaltete Michail Schischkin, einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller dieser Zeit, der in der Schweiz im Exil lebt. Schischkin sprach über ein großes Missverständnis, dem Hesse zu Lebzeiten aufgesessen war. Er war davon ausgegangen, dass er und Dostojewski ein ähnliches Verständnis davon haben, auf welchem Wege sich ein Mensch aus tiefen Krisen emporheben kann. Doch weit gefehlt: Laut Schischkin folgte Hesse einem zutiefst humanistischen Ansatz, während Dostojewski einen christusbezogenen Erlösungsgedanken hegte, der zudem auf die russisch-orthodoxe Kirche beschränkt war. Noch heute herrscht in Westeuropa das Bild von Dostojewski, das unter anderem von Hermann Hesse geprägt wurde. Der Vortrag von Michail Schischkin wurde online gestreamt für interessierte Zuhörer, die nicht zugegen sein konnten. Ab Mitte Juni wird er voraussichtlich wieder abrufbar sein.
Die Tagung der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft schloss mit einer Matinee, die Hesses Verhältnis zur Politik thematisierte. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, dass der Literaturnobelpreisträger gänzlich unpolitisch gewesen sei, habe er sich sehr wohl mit Politik beschäftigt und bewusst gesteuert, wie er sich einbringen oder äußern wollte. Die Schweizer Schauspieler Graziella Rossi und Helmut Vogel brachten dies in einer von Volker Michels konzipierten szenischen Lesung auf die Bühne.