
Während sich die Ereignisse in der Welt überschlagen, geht der Krieg unvermindert weiter. Seit drei Jahren unterstützt die Ukrainehilfe Neckargemünd die geflüchteten Menschen in der Stadt. Viele haben eine eigene Wohnung und Arbeit gefunden.
Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt, Rainer Metzger, engagiert sich zusätzlich ehrenamtlich. Genaue Zahlen darüber, wie viele zur Beratungsstelle der Ukrainehilfe Neckargemünd kommen, lassen sich nicht nennen, da das Angebot freiwillig ist. Aus der Zentralen Verwaltungsstelle in Karlsruhe kommen Anfragen nach Kapazitäten, entsprechend kann die Stadt reagieren. Menschen aus der Ukraine, die sich z. B. von der Familie helfen lassen, werden so nicht erfasst.
„60 Familien und 51 Einzelpersonen leben momentan in Neckargemünd“, erläutert Metzger. 17 wohnen in der „Krone“ in Kleingemünd; das ehemalige Hotel mit Gaststätte wurde hierfür von der Stadt angemietet und mit dem Nötigsten ausgestattet. Jetzt kann der Gastraum als Speiseraum genutzt werden, in der Gemeinschaftsküche wird von den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst gekocht.
Die Wohnungssuche lief anfänglich mit viel Hilfe von Henriette Katzenstein und der Stadt, dann durch eine gute Vernetzung der hier lebenden Ukrainer selbst. Die Vernetzung untereinander sei sehr gut. Auch Rainer Metzger stellte mit seiner Familie anfangs ein Zimmer für eine Mutter mit Kind zur Verfügung; „man dachte ja, das ist nicht für lange“. In der Zwischenzeit gab es auch für die zwei Geflüchteten eine andere Unterkunft.
Nataliia Diachenko, ebenfalls beim Integrationsmanagement der Stadt Neckargemünd angestellt, ist die Brücke zwischen Geflüchteten und Helfern. Sie übersetzt, vernetzt und koordiniert. Neuigkeiten gehen über ihre WhatsApp-Gruppe. Ob Termine oder Angebote der Ukrainehilfe, dort holen sich über 100 Personen Informationen und sind verknüpft. Diachenko wird oft gefragt, ob sie auch Wohnungen vermittelt: „Nein, das kann ich nicht, aber zur rechten Zeit fügt es sich für jeden.“
Diachenko erkundigte sich für den Neckarboten in besagter WhatsApp-Gruppe nach dem Wohlbefinden der hier lebenden Ukrainer. Viele Antworten kamen, die ausgewählten Aussagen lassen tief blicken: „Mir geht es ziemlich gut, aber die Situation in der Ukraine macht mir Sorgen. Die negativen Nachrichten und der mangelnde Fortschritt in den Verhandlungen belasten mich.“ „Ich besuche Integrationskurs B 1.1 und suche jetzt Minijob oder Teilzeitarbeit.“ „Schlecht, fühle mich nicht wohl in Neckargemünd, dafür klappt es super mit dem Sprachenlernen.“ „Ich bin unruhig.“ „Mir geht es relativ gut in Deutschland. Gefällt mir! Es ist schwierig, dass der Krieg in der Ukraine weitergeht, und es ist emotional belastend. Unschuldige Menschen leiden.“ „Fühlt sich sicherer an als in der Ukraine. Ich fühle mich gut, aber ich möchte nach Hause.“
Der 64-jährige Eduard Hrusznyk bewohnt mit seiner Frau noch eines der Hotelzimmer mit Bad. Einmal hätten sie fast eine Wohnung bekommen – in Hemsbach, doch dann hat es mit dem Vermieter nicht geklappt. Jetzt gewöhnt er sich an Neckargemünd. In der Heimat war Eduard Bergmann, jetzt hat er Probleme mit dem Augenlicht und dem Rücken. „Ich will gerne arbeiten, man kann nicht nur im Bett liegen, aber wer nimmt so einen alten Mann?“ Er nutzt die Terrasse des ehemaligen Gasthauses für einen kleinen Gartenanbau: Tomaten und Gurken. Er ist zufrieden, sagt er: „Hier habe ich alles, was ich brauche. Zuerst war es mir hier zu bergig, aber jetzt habe ich auch neue Freunde gefunden. Meine Stadt Myrnohrad (Bezirk Donesk) existiert quasi nicht mehr, da ist jetzt Front.“ Die selbst eingelegten würzigen Gurken mit Knoblauch und Meerrettichblättern helfen ein wenig gegen das Heimweh.
„Die Akzeptanzphase ist erreicht“, sagt Diachenko vom Integrationsmanagement. Die Akzeptanz, dass es so bald nicht zurück in die Heimat geht, dass der russische Angriffskrieg nicht in ein paar Wochen oder Monaten vorbei ist, wie viele Geflüchtete 2022 noch dachten und hofften. Großeltern, Mütter mit Kindern und die nachziehenden Familienmitglieder müssen sich jetzt hier einrichten. Diachenko sammelt mit und für ihre Schwester Olena, die noch in der Ukraine lebt, Gelder für ein Kinderheim für behinderte Kinder. Dort wurde mit den Spenden das Nötigste renoviert, um eine lebenswerte Umgebung zu schaffen. Es gab neue Türen, Fußboden, Schutz für die Fenster. „Die Spenden gehen an meine Schwester, da weiß ich, das Geld ist für die richtige Sache“, so Diachenko. Gerne wüsste sie ihre Schwester hier in Sicherheit.
► Hier geht es zum zweiten Teil: "Spracherwerb und Integration"