
Unser heutiger Beitrag darüber, wie in Ober- und Unterurbach der elektrische Strom eingeführt wurde, orientiert sich im Wesentlichen an der Darstellung im Buch „800 Jahre Urbach“ aus dem Jahre 1981. Wir denken allerdings, dass die Geschichte es auch nach 45 Jahren noch wert ist, ein weiteres Mal erzählt zu werden.
Durch Vertragsabschluss hatten sich die Neckarwerke AG in Esslingen verpflichtet, den Gemeinden Ober- und Unterurbach am 1. Juli 1913 elektrischen Strom zu liefern. Der Anschluss der Gemeinde Oberurbach an das Licht- und Kraftnetz der Neckarwerke sollte jedoch erst dann erfolgen, wenn Anmeldungen für die Ortsbeleuchtung mit etwa 20 Straßenlampen und mindestens weitere 200 Glühlampen sowie Elektromotoren mit zusammen 30 PS vorlägen.
Mit dem Bau einer Hochspannungsleitung von der bereits bestehenden Schaltstation Unterurbach war schon im Jahr 1910 begonnen worden. Diese Fernleitung überquerte die Markung Oberurbach in einer Länge von 527 Metern. Der Gemeinderat von Oberurbach konnte sich jedoch 1910 noch nicht für den Anschluss an die Hochspannungsleitung entschließen, weil die begonnenen Verhandlungen wegen eines eigenen Elektrizitätswerkes noch nicht abgeschlossen waren. Es zeigte sich aber bald, dass dieser Plan mit allerlei Risiken verbunden war. Auch setzte sich allmählich die Erkenntnis durch, dass die so dringend erhoffte Ansiedelung von Industrie ohne Elektrizität keine Aussicht auf Erfolg haben würde. Trotz dieser Einsichten beschlossen Gemeinderat und Bürgerausschuss von Oberurbach am 12. September 1912 nur mit knapper Mehrheit den elektrischen Strom einzuführen. Für den Antrag stimmten drei Gemeinderäte und acht Bürgerausschussmitglieder, dagegen sieben Gemeinderäte und ein Bürgerausschussmitglied. Da aber nach der Gemeindeordnung die Vertragsabschlüsse in erster Linie Angelegenheit des Gemeinderates waren, und der Bürgerausschuss nur zu den einzelnen Vertragsbedingungen gehört werden musste, war der Beschluss nicht rechtswirksam. Darüber waren die Räte wohl selbst erschrocken, denn bei einer erneuten Beratung am 17. September 1912 beschloss der Gemeinderat dann einstimmig und endgültig den Anschluss an das Licht- und Kraftnetz der Neckarwerke AG Esslingen.
Im Herbst 1913 bekamen Ober- und Unterurbach ihre elektrische Straßenbeleuchtung. Das Einschalten der Straßenlampen besorgte von Ende Oktober bis Ende März morgens um 5 Uhr Mesner Fauth. Dafür bekam er 10 Mark jährlich. Das Ein- und Ausschalten der Lampen in der übrigen Zeit gehörte zu den Aufgaben der Amts- und Polizeidiener. Vorher waren die Straßenlaternen der beiden Gemeinden mit Erdöl gespeist worden. Oberurbach hatte Ende 1900 von der Stadt Schorndorf 17 Stück gekauft, die dann nach der erfolgten Umstellung auf elektrischen Storm nicht mehr gebraucht wurden.
In Unterurbach hatte schon im Jahr 1909 die Firma Konrad Hornschuch AG einen Stromlieferungsvertrag mit den Neckarwerken abgeschlossen. Der Strom mit einer Schaltstation war also schon da und der Anschluss für die Gemeinde eine Selbstverständlichkeit. Es wurden von den Neckarwerken auch seitens der Gemeinde keine Mindestabnahmemengen verlangt. Es herrschte wohl ein Vertrauensverhältnis zwischen Gemeinde und Neckarwerke. So findet sich in den Akten der Gemeinde nur ein einziger Schriftwechsel zum Abschluss eines neuen Tarifs in der Abrechnung von pauschal 25 Mark pro Leuchte und Jahr auf einen Messtarif mit z. B. 13.2 Pfennig pro Kilowattstunde. Beide Gemeinden hatten dieselben Tarife für den Leuchtenstrom mit 20 Pfennig pro Kilowattstunde und Mengenrabatt entsprechend Abnahme.
Die Oberurbacher waren gegenüber den Neckarwerken jedoch recht misstrauisch und zudem extrem sparsam. Da man die Anzahl der Leuchten möglichst auf einem Minimum halten wollte, gab es viele Bewohner von Gebäuden am Ortsrand, die wortwörtlich im Dunklen tappten und bei der Gemeinde dringend die Installation von weiteren Leuchten anmahnten. Es entstand deshalb im Gemeinderat eine „Straßenbeleuchtungskommission“, die dem Gemeinderat vorschlug, welche Anträge man annehmen oder ablehnen sollte. Nachdem hier kein Fall gleich war, kam es immer zu Einzelaufträgen an die Neckarwerke mit verschiedenen Rechnungsstellungen, was häufig zu Meinungsverschiedenheiten und umfangreicher Korrespondenz führte.
Die Straßenbeleuchtung bestand 1934 in Unterurbach aus 25 Leuchten à 60 Watt und 1 Leuchte mit 100 Watt. In Oberurbach waren es im Jahr 1935 insgesamt 41 Leuchten à 60 Watt und 3 Leuchten à 100 Watt. Der doppelt so große Flecken Oberurbach hatte also nicht die doppelte Anzahl Leuchten, was wohl auch der Anlass für zahlreiche Nachrüstungen war.
Die Behauptung des Ex-Unterurbächer Elektromeisters Erich Härer sen., dass Unterurbach schon Leuchten hatte, als man in Oberurbach noch mit Kerzen durchs Dorf lief, ist deshalb falsch. Richtig an der These ist, dass es in Unterurbach wesentlich weniger Diskussionen, Bedenken und Beratungen zur Leuchtendichte gab als in Oberurbach.
Sind wir froh darüber, dass heute die Technik in Form von Dämmerungsschaltern an jeder Schaltstelle im Ort die Einschaltzeiten vorgibt und wir nicht mehr wie „in den guten alten Zeiten“ auf das Wohlwollen einer „Straßenbeleuchtungskommission“ angewiesen sind.


