
Heute erzählen wir eine Geschichte, auf die wir aufmerksam wurden durch ein kleines schwäbisches Gedicht, das wir im vergangenen Jahr bekommen haben. Die Geschichte handelt von dem Versuch der Familie Rapp, im Litzelbachtal ein Kohlenbergwerk anzulegen.
Zunächst aber ein paar Informationen über Lagerstätten und dem alten Bergbau in unserer Region. Im Schwäbisch-Fränkischen Wald gab es Kohlebergbau, allerdings nur in kleinem Maßstab und von regionaler Bedeutung. Es handelte sich um Braunkohle bzw. bituminöse Mergel und Schiefertone, die einen gewissen Brennwert hatten. Kleinere Abbauversuche und Gruben gab es vor allem im Raum Wüstenrot, bei Mainhardt, bei Murrhardt, vereinzelt bei Großerlach und Spiegelberg. Auch in Gschwend, Welzheim und Pfahlbronn gab es Versuche Kohle zu fördern. Bekannt sind z. B. der Kohlstollen bei Wüstenrot und kleinere Stollen und Pingen im Mainhardter Wald. Die Akten des Staatsarchivs Stuttgart melden vom 1. Oktober 1599, dass in Rudersberg Versuche mit dem Abbau von Kohlen gemacht worden seien. Die Hauptphase des Abbaus war im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Allerdings war der Kohlebergbau wirtschaftlich kaum rentabel, weil die Flöze sehr dünn waren, der Heizwert gering und häufig Probleme mit dem Wasser auftraten. Die gewonnene Kohle wurde vor allem lokal zum Heizen, in Glashütten und für kleine Handwerksbetriebe genutzt. Ein überregionaler Handel fand praktisch nicht statt.
Doch nun zur Familie Rapp vom Bärenhof. Ihnen gehörte - von Urbach kommend - der letzte Hof rechts der Straße im Bärenhof (Bärenbach 16). Herr Rapp hatte neben seiner Landwirtschaft auch einen Flaschenbierhandel. Was bei den Rapps das „Kohlefieber“ auslöste, wissen wir nicht. Überliefert ist jedoch, dass sie Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts im Litzelbachtal einen Schacht aushoben auf der Suche nach Kohle. Darüber berichtet auch das folgende Gedicht aus dem Jahr 1921.
Weils geschdern grad isch Sonndich gwea
ond net so furchtbar kalt
Han I mir des Bergwerk a‘gseha
beim Bärahof em Wald.
Ond gwemmeld hots do, du liebe Zeit
Als häd‘s nex wia Menscha gschneid
Dia Leidla laufed trapp, trapp, trapp
Em Gensemarsch ans Bergwerk naus zom Kohlarapp.
So lauf i denn do na zom Schacht
Der isch zuadeckt mit ra Diel;
Gib Acht, dass er net nakracht,
denn Wasser hots do viel.
I guck au ufem Boda rom.
Doch nex als Kerf stragt do rom
I han koi Stäuble Kohla g’seha
S’isch koi Breggale ommera glea.
No net verzaga se kommet no
Hot drauf a Mädle g’seid.
M’r glaubat, ja m’r wissets scho
Daß dees no Früchta drait.
Der Roos mit seiner Wenschruad
hots undersuacht, der wois es guad.
Drom kommet d’Leut au scharaweis
ond frogat noch‘m Kohlepreis.
No ka d’r Kohlamaier
dort am Tor Brikett ond Koks eipacka.
A Bahhof kommt au ens Bäratal,
d’r Rapp wird Kohlageneral.
Sogar bis Pola
verschick‘d er seine Kohla.
Wia mag er warm gea onser Of
send Kohla dren vom Bärahof,
s’isch wohr, i mag net liega
fürs ganze Land wär‘s a Seaga.
Dazu zwei Erläuterungen: Eine „Wenschruad“ ist eine Wünschelrute aus gebogenem Zweig oder Metall, mit der sogenannte Rutengänger unterirdische Wasserströme oder auch sonstige im Boden verborgene Vorkommen lokalisieren können. Der „Kohlamaier“ war die Firma „Maier am Tor“ in Schorndorf, die seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts vielen Generationen Brennstoffe und Baustoffe für die Bevölkerung von Schorndorf und Umgebung lieferte.
Und was ist dran an der Geschichte mit dem Kohlenbergwerk? Augenzeugen gibt es natürlich keine mehr, aber ältere Mitbürger, die sich noch an die Erzählungen ihrer Eltern erinnern. Den Schacht gab es tatsächlich. Er wurde auf einer Wiese der Familie Rapp am Waldrand bergseits des Weges am Litzelbach ausgehoben. Allerdings füllte er sich sehr schnell mit Grundwasser. Man beschaffte sich dann eine Motorpumpe von einem Schorndorfer Bauunternehmer und brachte sie mit dem Pferdegespann zur Baustelle. Leider stürzte der Schacht schon nach kurzem Pumpeneinsatz ein und begrub die Maschine unter sich. Glücklicherweise kam keine Person zu Schaden. Nach diesem Missgeschick beendeten die Rapps das Abenteuer wohl aus finanziellen Gründen und der Schacht wurde einschließlich der Pumpe verfüllt. Hierzu wurde auf dem Grundstück oberhalb der Grube am Waldrand „Kerf“ abgegraben. „Kerf“ ist ein lokaler, historischer Fachbegriff für verwitterten, tonig-kalkigen Boden, der speziell aus den bunten Mergeln (Keuper) hervorgeht. Im Weinbau galt der Kerf früher als wertvolles Düngemittel zur Bodenverbesserung, da er den Kalkgehalt erhöht und Nährstoffe liefert. Vor allem im Remstal wird der Begriff noch heute zur Beschreibung spezifischer Weinbergböden verwendet.
Der Versuch der Familie Rapp, mit Kohle „Kohle zu machen“, war auf jeden Fall erfolglos. Die Urbacher mussten, wenn sie Kohle brauchten, auch weiterhin zum „Kohlamaier“ nach Schorndorf. Was geblieben ist, ist ein Gedicht und eine kuriose Geschichte vom „Kohlarapp em Bäratal“.