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Urbacher Miniaturen 119: Der Gipsermeister Hermann Kiess und sein Betrieb

Der Gipsermeister Hermann Kiess kam am 25. März 1929 in Oberurbach zur Welt. Seine Ausbildung absolvierte er bei Gotthilf Rebmann in Unterurbach. 1948...
Der Gipsermeister Hermann Kiess
Der Gipsermeister Hermann KiessFoto: privat

Der Gipsermeister Hermann Kiess kam am 25. März 1929 in Oberurbach zur Welt. Seine Ausbildung absolvierte er bei Gotthilf Rebmann in Unterurbach. 1948 heiratete er Sophie Leibbrand und baute 1951 sein Wohnhaus in der Hohenackerstraße 32. In den Jahren des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg meldete er am 17. Mai 1952 zunächst ein kleines Gipsergeschäft für Arbeiten nach Feierabend an. Nach der ersten Probephase gründete er noch im selben Jahr seinen Vollzeitbetrieb. Ab 1977 verfügte er über einen eigenen Lkw, für den am Wohnhaus eine Garage errichtet wurde. Neben Horst Tallarek war Hermann Kiess lange Zeit der einzige Gipsermeister in Oberurbach.

Im Jahr 1989 übernahm sein Sohn, der Stuckateurmeister Herbert Kiess, den Betrieb. Die Firma wuchs kontinuierlich und war bald auch überregional tätig. Herbert Kiess heiratete 1980 Gisela Höfer, mit der er zwei Kinder hat: Stephanie und Kevin. Viele Jahre engagierte er sich als Abteilungsleiter, Trainer und Sponsor der Fußballabteilung des SC Urbach.

1995 erwarb Herbert Kiess das Firmengelände Dieselstraße 20 in Urbach. Das war für die junge Familie eine große Herausforderung.

Sein Sohn Kevin trat 2001 in das Unternehmen ein. Seit 2006 leitet Kevin als Meister und Betriebsleiter zusammen mit seinem Vater die Firma, die nun bis zu 19 Mitarbeiter beschäftigt. Der Betrieb ist heute bei großen Projekten im Rems-Murr-Kreis und Ostalbkreis vertreten. Zwischen Stuttgart und Aalen begegnet man in Neubaugebieten immer wieder dem Schild „Stuckateurfirma Herbert Kiess“. Seit 2016 ist das Unternehmen auch in Stuttgart und Randgebieten aktiv.

Der Gründer Hermann Kiess war ein echtes Urbacher Original. Davon zeugen zahlreiche Anekdoten, die über ihn erzählt werden und von denen wir ein paar aufgreifen wollen. Hermann Kiess wurde noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs zum Militär eingezogen und kam als Wachmann an den Obersalzberg, zu Adolf Hitlers „Berghof“. Die Erlebnisse aus dieser Zeit prägten ihn stark und boten ihm Stoff für viele Erzählungen. Bei einem Ortstermin mit einem Beamten des Landratsamts in der Hohenackerstraße erkannte Hermann dessen Namen und fragte, ob sein Vater möglicherweise auch auf dem Obersalzberg gewesen sei. Als dies bestätigt wurde, freute sich Hermann riesig, den Sohn eines ehemaligen Kameraden zu treffen. Bei dem Beamten war die Freude über die Bekanntschaft jedoch nicht so ausgeprägt.

In den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahren waren viele junge Unternehmer knapp bei Kasse. So auch Hermann. Für sein Gerüst benötigte er dringend Holzdielen und ging dafür zur Wasenmühle. Der Sägewerksbesitzer fragte ihn vor der Auftragsannahme „Kiess hosch a Geld?“. Das Sägewerk gibt es längst nicht mehr und Hermann kommentierte später trocken: „Jetzt han I zwoi Häuser ond der hot nex meh.“

Beim Umbau des Oberurbacher Rathauses, das 1569 erbaut und 1959-62 umgebaut und erweitert wurde, war selbstverständlich auch die Firma Kiess beteiligt. Ein Beweis dafür ist eine „Flaschenpost“, die 2003 beim Umbau zur Mediatkek gefunden wurde. Darin beklagen sich die Handwerker – allen voran Hermann – über die „trockene Baustelle“. Der damalige Oberurbacher Bürgermeister Beutel war aus Sicht der Handwerker wohl etwas zu sparsam.

Im Laufe der Jahre kaufte Hermann ein Fachwerkhaus im Kelterweg und renovierte es vorbildlich. Das alte Weingärtnerhaus hat einen großen Keller, in dessen Seitenwand ein großer Torbogen sichtbar ist, vermutlich der Rest eines früheren Kellerabgangs für das Einbringen von Wein- und Mostfässern. Schon lange kursierte in Urbach das Gerücht über einen verschütteten Fluchtstollen von der ehemaligen Burg ins Tal. Hermann, knitz wie er war, erzählte den Besuchern des Hauses augenzwinkernd, dass der Torbogen der frühere Einstieg in diesen geheimen Stollen sei. Angemerkt sei, dass sich diese frei erfundene Geschichte von einem Fluchtstollen aus der Burg bis heute in der Urbacher Bevölkerung ebenso hartnäckig hält, wie die Geschichte von der angeblichen Zerstörung der Burg 1493 durch Graf Eberhard im Bart.

Zu Hermanns Leidenschaften gehörte auch Musik. Er war der Trommler des Musikvereins Urbach 1932 und langjährig in dessen Vorstandschaft tätig. Auch als Entertainer war er gut unterwegs. Wenn er mit seinem lauten Organ das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ anstimmte, dann war er unüberhörbar ganz in seinem Element. Hermann Kiess verstarb am 20. Juli 2016 in Urbach. Sein von ihm gegründetes Gipsergeschäft besteht bis heute erfolgreich in der dritten Generation.

Das von Hermann Kiess fachkundig restaurierte Fachwerkhaus im Kelterweg 7
Das von Hermann Kiess fachkundig restaurierte Fachwerkhaus im Kelterweg 7.Foto: privat
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Ausgabe 07/2026
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