
Nach der Wiedervereinigung der Gemeinden Ober- und Unterurbach, nach 150-jähriger Trennung, im Jahre 1970 war die Urbacher Gemeindeverwaltung noch einige Zeit in zwei Rathäusern untergebracht. Der neue gemeinsame Gemeinderat tagte im Dachgeschoss des Feuerwehrgerätehauses. Nach Konsolidierung der Finanzen, Ortskernsanierungen und Schaffung von Neubaugebieten begannen die Überlegungen zur Zusammenführung der Verwaltung an einem Standort, wobei auch der Sitzungssaal wieder im Rathaus sein sollte. Dabei fiel die Wahl auf das Rathaus in Unterurbach, da hier die größeren Raumreserven verfügbar waren, der größere Sitzungssaal vorhanden war und die Anmietung weiterer Büroräume in der Nachbarschaft zum Rathaus möglich war. Die ersten Überlegungen dazu wurden im Jahre 1988 angestellt. Nach einer Klausurtagung des Rates 1995 wurde schließlich der Um- und Erweiterungsbau des Rathauses 1999 genehmigt. Die Eröffnung des ersten gemeinsamen Rathauses für die Gemeinde Urbach erfolgte dann am 29. September 2001, also mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung von Ober- und Unterurbach. Bei den Bauarbeiten wurden die bisherigen Garagen und Lagerräume im Erdgeschoss in drei Büroräume umgebaut, und der Garagenanbau wurde aufgestockt, um vier neue Büroräume zu schaffen. Als Büro des Bürgermeisters war der Raum auf der Nordwestseite vorgesehen. Der neue Aufbau erhielt ein Pultdach mit einer großen Glasfront an der West- und Nordseite des Gebäudes.
Die Folge war, dass sich die Räume hinter den Glasfronten im Sommer trotz Außenjalousien in der Abendsonne enorm aufheizten. Eine Klimaanlage war aus ökologischer Sicht und Gründen der schwäbischen Sparsamkeit außerhalb der Diskussion und auch Querlüften führte nicht ausreichend zum Erfolg. Verantwortlich für die Planung waren die Architekten Kurz und Partner. Daniela Kurz, Dr. Reibnagel und Frau Kienzle für den Entwurf, für die Ausschreibung und Ausführungsplanung Frau Wagner und für die Bauleitung Herr Stickel. Nach einigen heißen Tagen im Spätsommer 2001 reklamierte der damalige Bürgermeister Fuchs bei der Architektin Frau Wagner, dass bei der Planung nicht ausreichend an den Hitzeschutz gedacht worden sei. Frau Wagner vertrat allerdings die Auffassung, dass die Regulierung durch eine frühe morgendliche Lüftung in den Griff zu bekommen ist. Als Lösung hierzu gab sie nach längerer Diskussion am 11. Dezember 2001 zu Protokoll: „Ich, Petra Wagner, erkläre hiermit und gebe zu Protokoll, ab KW 14 bis KW 39 (von April bis September) im Jahr 2002 täglich morgens gegen 7.30 Uhr im Rathaus zu erscheinen und freiwillig für die Lüftung des Bürgermeister-Arbeitsbereiches Sorge zu tragen.“ Nachdem Bürgermeister Fuchs im Februar 2002 zum Landrat gewählt wurde und er selbst nicht mehr in den Genuss dieser Dienstleistung kam, unterbreitete er am 21.01.2002 Frau Wagner ein „Dienstleistungsangebot zur Durchlüftung des Bürgermeisterarbeitszimmers im Jahr 2002“. Für diesen zuvorkommenden Services sollten die Konditionen und Rahmenbedingungen direkt mit seinem Nachfolger/in abgestimmt werden. Die Begründung war in echt Fuchsscher Manier abgefasst, ein zitierfähiges Stück Verwaltungsprosa: „Ich erachte es für sehr wichtig, dass die Führungsperson im Urbacher Rathaus stets mit kühlem Kopf ihrer täglichen Arbeit nachgeht und zugleich dafür Sorge getragen wird, dass kein überhitztes Zimmerklima zu Fehlentscheidungen, Kurzschlüssen oder Amokhandlungen führt.“ Dem ist auch heute noch nichts hinzuzufügen. Frau Wagner verließ jedoch 2002 das Büro Kurz und wechselte in die Bauabteilung von Daimler Benz, wo sie im Bereich der Nobelmarke Maybach tätig war, so dass sie die Dienstleistung für Bürgermeister Hetzinger, dem Nachfolger von Bürgermeister Fuchs nicht antreten konnte. Bürgermeister Hetzinger arbeitete dann ganz ohne Lüftungsassistentin 16 Jahre lang in der repräsentativen „Glasvitrine“. Als Naturbursche, zu dessen Hobbys das Bergsteigen und der Langlauf gehörten, war er wohl besser gerüstet, auch Extremwetter unbeschadet zu überstehen. Nur an einigen wenigen heißen Sommertagen wies er einmal darauf hin, dass er ja wohl das „wärmste“ Zimmer im Haus zu habe. Seine Nachfolgerin Bürgermeisterin Fehrlen residierte nur kurze Zeit in dem Zimmer und wechselte dann zunächst in das kleinere, besser zu lüftende Nebenzimmer. Eine Lösung, die offenbar nicht von durchschlagendem Erfolg war. Denn in den letzten Monaten wechselte die Bürgermeisterin in das neben dem Sitzungssaal liegende Zimmer auf der Ostseite des Altbaus, dessen Lage auch Symbolwert hat: zwischen dem Sitzungssaal des Gemeinderats und dem Büro der Hauptamtsleiterin. Es ist das Zimmer, in dem auch schon Bürgermeister Sandbiller bis Ende der 60er Jahre seinen Arbeitsplatz hatte. Das „heisse“ Zimmer ist jetzt ein Raum für Besprechungen, da diese in der Regel keinen ganztägigen Aufenthalt erfordern. Damit ist die von Bürgermeister Fuchs für die „Führungsperson im Rathaus“ geforderte Voraussetzung zur Wahrung eines „kühlen Kopfes“ und „Vermeidung von Fehlentscheidungen, Kurzschlüssen oder Amokhandlungen“ gänzlich ohne Investitionskosten oder Einstellung eines „Amtslüfters“ wieder erfüllt. Was es dazu lediglich brauchte, war eine entschlossene „Flucht aus dem Glaspalast“.