
Dienstleistungsberufe gibt es schon seit vielen Jahrhunderten in Urbach. Dazu gehörten z.B. Hufschmiede, Metzger, Bäcker aber auch zahlreiche Gaststätten, von denen es heute nur noch weniger als die Hälfte gibt. Ein Dienstleister, der sowohl der Körperhygiene und -pflege diente, als auch einfache medizinische Hilfeleistungen erbrachte, war der Bader. Das alte Badhaus von 1688 in der Schlossstraße 3 zeugt heute noch davon, dass es auch in Urbach schon lange einen Bader gab. Aus diesem Berufsstand ging der heutige Beruf des Friseurs hervor. In Oberurbach gab es in den vergangenen Jahrzehnten drei Friseursalons mit den Geschäften Wagner, Pfeiffer und Marlis, in Unterurbach die beiden Salons Rube und Krötz. Über den Friseursalon Wagner, der sich in der vierten Generation am selben Standort in der Gartenstraße 39 befindet, wollen wir heute berichten.
Der Gründer Karl Wagner wurde am 6. Oktober 1881 in Cleversulzbach, Oberamt Neckarsulm geboren. Er war von Beruf Friseur und wurde im Ersten Weltkrieg trotz Verheiratung mit Lina Bäßler aus Oberurbach und fünf Kindern am 15. Dezember 1915 noch zum Militär eingezogen. Er war beim „Ersatz Bataillon Landwehr Infanterie Regiment Nr. 126“ und wurde fünf Tage nach Kriegsende am 16.11.1918 nach Oberurbach entlassen. In seinem Militärpass wurde ihm „Führung gut“ und „Strafen 0“ bestätigt. Zurück zu Hause war er zunächst bei einem Friseur in Schorndorf angestellt. Er machte sich jedoch nach kurzer Zeit in Oberurbach selbständig. Sein „Salon“ war zunächst im Gasthaus Ochsen im Straßengeschoss mit direktem Zugang von der Beckengasse. Und Karl war mutig genug, seine Dienstleistung auch in Unterurbach anzubieten, zeitweise in einer „Filiale“ im Gasthof Sonne in der Hauptstraße. Karl Wagner war mit seinem Gewerbe recht erfolgreich. Schon 1922 baute er sich ein Haus mit eigenem Laden in der Gartenstraße, in dem sich noch heute der Friseursalon befindet. Und er entwickelte ein eigenes „Kräuterhaarwasser“, ein Antischuppen- und Haarwuchsmittel mit dem er weit über die Grenzen Urbachs hinaus erfolgreich war.
Eines seiner Kinder, Richard Wagner, der am 25.01.1911 in Oberurbach geboren wurde, und der mit Helene Beck verheiratet war, übernahm den Friseursalon von seinem Vater und führte ihn weiter. Zunächst baute er die Produktion des Kräuterhaarwassers weiter aus und verkaufte das Eigenprodukt landesweit, wofür er sich einen Opel 4 PS genannt „Laubfrosch“, zulegte, um zu seinen Kunden zu kommen. Wie ein Foto aus dem Familienalbum zeigt, war Richard Wagner mit dem Wagen auch gerne privat unterwegs.
Nachdem das Haarwasser während der Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht mehr produziert werden konnte, kurbelte Richard Wagner in der Nachkriegszeit die Produktion und das Marketing wieder kräftig an, wie ein Bild von einer Messe in der alten Schorndorfer Künkelinhalle aus dem Jahr 1950 bezeugt, wo er für das Haarwasser mit dem Slogan „In alter Güte mit neuem Kleid gibt’s Wagners Kräuter-Wasser wieder heut“ Werbung machte. Auch ein neues ansprechendes Plakat wurde gestaltet, das noch heute im Salon zu sehen ist.
1978 übernahm Richards 1945 geborene Tochter Karin, die ebenfalls Friseurmeisterin war, den Salon von ihrem Vater. Sie heiratete 1967 Wilhelm Schüller, der einen anderen Beruf ausübte. Ihr 1968 geborener Sohn Markus übernahm dann 1995 das Geschäft von seiner Mutter, baute es um, und führt es immer noch unter der Bezeichnung „Haardesign Wagner“ in der Gartenstraße weiter.
Die Rezeptur für das „Kräuterhaarwasser“ wurde von Generation zu Generation weitervererbt. Eine weitere Herstellung und Vermarktung des Produktes sind allerdings aufgrund der heutigen gesetzlichen Vorschriften für eine Zulassung nicht mehr rentabel. Richard Wagner schnitt noch bis ins hohe Alter seinen „Spezialkunden“ die Haare. Seine Tochter Karin Schüller hat diese Tradition weitergeführt und ist für ihre ausgesuchten Kunden auch heute noch im Alter von zarten 80 Jahren tätig. Seit Januar 2025 ist Frank Schmegner, der Schwiegersohn aus dem früheren Salon Marlis, im Salon Wagner freiberuflich tätig und war hilfreich bei der neuen Einrichtung des Salons in historischem Design.
Wir wollen diese Geschichte nicht beschließen, ohne etwas hinzuzufügen, das keinesfalls fehlen darf: Der Friseur war immer schon mehr als jemand, der nur die Haare schneidet und Frisuren macht. Er war immer auch jemand, bei dem die Kunden die Zeit der Behandlung im Salon für Gespräche über „Gott und die Welt“ nutzten. Er war immer schon auch Seelentröster, Beichtvater und Ratgeber. Wagners Urbacher Kollege Erich Krötz sagte einmal: „Sie glaubet gar net, was i als Friseur alles hör.“ Und dieser Dienst an den Kundinnen und Kunden ist bis heute mindestens ebenso wichtig, wie die Frisur, die der Friseur „nebenher“ auch noch macht. Wir wünschen den Familien Schüller und ihrem Salon weiterhin alles Gute in der Tätigkeit für die Schönheit und das Wohlbefinden der Menschen.