Nussbaum-Logo
Kultur

Urbacher Miniaturen 128: Urbach im Dreißigjährigen Krieg

Der Dreißigjährige Krieg war ein verheerender Konflikt in Europa von 1618 bis 1648, der mit religiösen Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten...
Glasfenster aus dem Jahr 1512 in der nördlichen Wand der Afrakirche. Die mit weißem Glas gefüllten Teile wurden im Dreißigjährigen Krieg zerstört.
Glasfenster aus dem Jahr 1512 in der nördlichen Wand der Afrakirche. Die mit weißem Glas gefüllten Teile wurden im Dreißigjährigen Krieg zerstört.Foto: Museumsarchiv

Der Dreißigjährige Krieg war ein verheerender Konflikt in Europa von 1618 bis 1648, der mit religiösen Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten im Heiligen Römischen Reich begann. Im Verlauf entwickelte er sich zu einem machtpolitischen Krieg, an dem viele europäische Großmächte beteiligt waren. Er endete mit dem Westfälischen Frieden, der die politische Ordnung Europas nachhaltig veränderte und die Souveränität der Staaten stärkte. Der Dreißigjährige Krieg gehört zu den schrecklichsten Kriegen im Europa der Neuzeit. Er war eine demografische Katastrophe, die in Deutschland zu einem Bevölkerungsrückgang von etwa 16,5 Millionen auf 10,5 Millionen Menschen führte. Verursacht durch direkte Kriegseinwirkung, Hunger und Seuchen (besonders Pest). Die Landbevölkerung verringerte sich um ca. 40 %, die städtische um etwa 25 %. Die folgende Darstellung der Auswirkungen des Krieges für die Gemeinde Urbach folgt weitgehend einem Text von Walter Wannenwetsch im Buch „Achthundert Jahre Urbach“.

Urbach wurde von Anfang an durch seine Tallage an einer Durchgangsstraße, die eine wichtige Ost-West-Achse war und im Vorfeld der Festung Schorndorf lag in die Kriegswirren hineingezogen. Es war für die Bevölkerung einerlei, ob es sich bei durchziehenden Truppen um "Freund- oder Feindsvolk" handelte, denn alle suchten sie gleich schwer heim. Erstmals im Juni 1620 zogen die Soldaten der evangelischen Union raubend und stehlend das Remstal hinab. Die erlittenen Schäden, so glaubten die Urbacher, könnten durch eine bevorstehende gute Ernte wieder behoben werden. Doch die Bevölkerung sah sich getäuscht, denn am 19. und 23. Juli 1620 machte ein Hagelwetter mit großen Sturmschäden alle Hoffnungen zunichte. Mit der Niederlage der Schweden bei Nördlingen im September 1634 begannen das Elend und die Verheerung des Landes erst recht. Dabei hatte es sich zu Beginn des Jahres noch recht gut angelassen: "Am 18. April fand man schon blühende Trauben, die Ernte kam trocken in die Scheunen, an Wein stund ein reicher Segen in dem Feld."

Zügellos verhielten sich die in die Festung Schorndorf flüchtenden Schweden, verfolgt von den siegreichen kaiserlichen Truppen, die, gleich ihren Feinden, den Bauern die letzte Habe raubten und auf ihrem Weg den „Hegnerhoff“ (heute Hegnauhof), die Wasenmühle, ja, sogar die entlegensten Höfe in Flammen aufgehen ließen. Auch die Bevölkerung der benachbarten Orte flüchtete hinter die Mauern der Festung oder versteckte sich in den Wäldern. Viele Menschen starben um 1625 an der Pest und nach 1630 am Typhus, der sich ausbreitete und die Einwohnerzahl Urbachs von 2.610 auf 960 zusammenschmelzen ließ. Es ist bemerkenswert, dass trotz der Verödung die Verwaltung der Gemeinde in diesem Chaos immer noch arbeitsfähig blieb. Davon zeugen zum Beispiel die nach wie vor geführten Heiligenrechnungen, auch wenn öfters in den Spalten "Einnahmen" und "Ausgaben" das Wörtchen "nichts" zu finden ist. Gottesdienste wurden allenfalls noch am Geiststein und in der Kirchtobelsklinge abgehalten.

Die Verpflegungskosten für die Schorndorfer Garnison und die Aufwendungen gegenüber den durchmarschierenden Truppen beliefen sich 1643 für Urbach auf monatlich 83 Gulden und 28 Kreuzer. Diesem Betrag wurden folgende Fakten zugrunde gelegt: 111 Mannschaften oder Bürger, 15 Witfrauen, bei einem Viehbestand von 26 Ochsen beziehungsweise Stieren und 140 Kühen sowie einem Güteranschlag von 8.955 Gulden und 15 Kreuzern.

Im Dezember 1643 drangen "lothringische Völker" in die Kirche ein und raubten sogar die Altar- und Taufsteintücher. In ihrer Zerstörungswut zerschlugen sie dabei etliche der wertvollen Glasfenster aus der Erbauungszeit der Kirche. Es mussten unter anderem vier "große Scheibenstück" ersetzt werden, die von den Soldaten eingeschlagen worden waren. Die noch erhaltenen Reste dieser Glasfenster zeugen heute noch von dieser blinden Zerstörungswut die marodierenden Soldaten.

Schwere Schäden richtete die 1645/46 in den Winterquartieren liegende kurbayerische Armee an, die in Urbach "Bettgewand, Leinwand und dergleichen Mobilien genommen, an Hausraten, Ofen, Fenstern, Türen, Schlossen und sonsten viel verbrannt, zerschlagen, auch an Gebäuden viel zerrissen, verderbt und abgebrannt", so dass der Gesamtschaden auf 18.118 Gulden 20 Kreuzer berechnet wurde und außerdem 270 Gulden monatlich zu bezahlen waren. Im Sommer 1646 drangen die Franzosen ins Remstal und nahmen nach zehntägiger Belagerung das von den Bayern besetzte Schorndorf ein. In der Stadt verblieb eine Besatzung von 400 Mann, die genügte, um die ganze Gegend unsicher zu machen. Am 22. Dezember 1646 wurde eine Witwe mitten in Oberurbach in der Nacht ermordet. Gegen Ende des Krieges zählte man im Urbacher Stab noch 137 Bürger, 129 Häuser (1634 waren es 372), 194 Stück Melkvieh und 41 Stück Galtsvieh (das nicht gemolken werden kann). Es gab weder Pferde noch Ochsen, ja nicht einmal Schafe.

Der Dreißigjährige Krieg blieb nicht der einzige Krieg, unter dem Urbach in der Neuzeit zu leiden hatte. Noch im selben Jahrhundert fand der Eroberungskrieg Ludwig XIV. (1688 – 1697) statt, der vor allem durch die Bewahrung der Festung Schorndorf vor einer Übergabe an die Truppen des französischen Generals Mélac durch die „Weiber von Schorndorf“ in lebendiger Erinnerung geblieben ist. Danach folgten der Spanische Erbfolgekrieg (1701 – 1714), der Österreichische Erbfolgekrieg in den 1740er Jahren und Ende des 18. Jahrhunderts die Napoleonischen Kriege, die in Urbach in besonderer Erinnerung sind, durch Johann Adam Schröders Rettung Urbachs davor, von den französischen Truppen abgebrannt zu werden. Der letzte Krieg, von dem Urbach unmittelbar betroffen war, war der Zweite Weltkrieg, als die amerikanischen Truppen am 20./21. April 1945 einmarschierten und im Rahmen des Einmarschs drei Urbacher ihr Leben verloren.

Darstellung des Hegnauhofs in Kiesers Forstlagerbuch von 1685. Gut erkennbar die Ruine des Hofs, der 1634 zerstört wurde.
Darstellung des Hegnauhofs in Kiesers Forstlagerbuch von 1685. Gut erkennbar die Ruine des Hofs, der 1634 zerstört wurde.Foto: Public domain
Erscheinung
exklusiv online
Dieser Inhalt wurde von Nussbaum Medien weder erfasst noch geprüft. Bei Beschwerden oder Anmerkungen wenden Sie sich bitte an den zuvor genannten Erfasser.
Orte
Urbach
Kategorien
Kultur