Anlässlich der Realisierung der Urbacher Mitte in den 2000er Jahren mussten im Bereich der neuen Wohnbebauung eine ganze Reihe neu entstandener Straßen mit einem Namen versehen werden. Wie seit vielen Jahrzehnten auch in Urbach üblich, entschied sich der Gemeinderat dafür, den neu zu benennenden Straßen einen thematischen Rahmen zu geben. Die Frage war: Welcher Rahmen ist der passendste?
Schon im November 2006 hatte sich der Gemeinderat mit der Frage befasst. Grundlage war seinerzeit ein Vorschlag der Freien Wähler-Fraktion, wonach Namen verstorbener Urbacher Bürgermeister genommen werden sollen. Von der CDU-Fraktion kam der Vorschlag, nur den früheren Bürgermeister Walter Beutel zu berücksichtigen und die restlichen Straßen nach alten schützenswerten Apfelsorten zu benennen. Vorgeschlagen wurden u.a. „Gewürzluiken-Weg“, „Goldrenette-Weg“ und „Kardinal-Bea-Straße“. Eine Beschlussfassung kam dann ein gutes Jahr später in der Gemeinderatssitzung vom 26.02.2008 zustande, in der, ergänzend zu den beiden Vorschlägen der Freien Wähler und der CDU auch noch die SPD-Fraktion den Vorschlag machte, dass die Straßen die Namen von Malern der Neuzeit und der Vergangenheit tragen könnten. Dass es schließlich zu dem einstimmigen Beschluss kam, die Straßen nach Bürgermeistern zu benennen, war wohl der überzeugenden Argumentation des damaligen Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler Alfred Blümle zu verdanken. Blümle erklärte, dass die Bebauung der Urbacher Mitte das Zusammenwachsen der ehemals selbständigen Gemeinden Ober- und Unterurbach symbolisiere, und dies ließe sich durch die Benennung der Straßen nach ehemaligen Bürgermeistern aus Ober- und Unterurbach am besten zum Ausdruck bringen. Dass dem ersten Bürgermeister von Urbach nach der Wiedervereinigung von Ober- und Unterurbach Walter Beutel die Ehre zuteilwurde, die Erschließungsstraße nach ihm zu benennen, unterstreicht diesen Gedankengang in passender Form.
Bei der Auswahl der acht Bürgermeister, wurde die Expertise der Museumsarbeitsgruppe des Geschichtsvereins zu Rate gezogen, um sicherzustellen, dass, wie Alfred Blümle es ausdrückte, nur „seriöse und untadelige“ Bürgermeister, „dies auch im Kontext mit dem Dritten Reich“, in die Auswahl einbezogen wurden. Und unter denen, die seit 1820 grundsätzlich infrage kamen, fand eine Priorisierung nach ihrem Verdienst für ihre Gemeinde statt. Ab 1820, weil es erst seit dieser Zeit von der Bürgerschaft gewählte und damit demokratisch legitimierte Schultheißen im Königreich Württemberg gab und zugleich ab 1820, weil ab dieser Zeit die beiden Gemeinden Ober- und Unterurbach eigenständig waren, und es zwei Schultheißen gab. Diese hießen damals noch offiziell „Ortsvorsteher“ und wurden dann ab 1929 als „Bürgermeister“ bezeichnet.
Die Wahl fiel auf folgende acht Bürgermeister: für Oberurbach Werner Jakob Graß (1820 – 1829), Wilhelm Konrad Staudenmayer (1829 – 1866), Hermann Heinrich Krieger (1875 – 1909, vorher in Unterurbach 1869 – 1875), Wilhelm Müller (1909 – 1920) und Walter Beutel (1948 – 1978, ab 1970 Urbach). Für Unterurbach Johannes Schwäble (1820 – 1831), Wilhelm Gottlob Ahles (1894 – 1927) und Oskar Volk (1927 – 1933).
Der Wagner Werner Jakob Graß war der erste gewählte Schultheiß von Oberurbach. Die Gemeinde hatte zu jener Zeit etwa 2.000 Bewohner. Seine erste Aufgabe war, mit Unterurbach nach der Trennung der Gemeinden einen Ausgleich zu finden, was ihm auch gut gelang. In seiner Amtszeit kamen auch die Linsenberg-, Dorf- und Kirsteigkelter aus staatlichem Besitz in den Besitz von Oberurbach.
Sein Nachfolger war Wilhelm Konrad Staudenmayer und im Unterschied zu seinem Vorgänger ein ausgebildeter Verwaltungsfachmann. Er übte sein Amt so hervorragend aus, dass er im Regierungsblatt von Württemberg öffentlich belobt wurde „wegen seiner Verdienste um die Verwaltung der Gemeinde, insbesondere um die Ordnung des Gemeindehaushalts“. 1855 erhielt er die Goldene Zivildienstmedaille.
Hermann Heinrich Krieger war zunächst ab 1869 sechs Jahre Schultheiß von Unterurbach und wechselte dann nach Oberurbach, wo er das Amt bis 1909 ausübte. Krieger war sehr beliebt und hatte ein großes Herz für die Armen. Unter ihm entstand die Wittumschule und auch der Bau der Wasserversorgung von Oberurbach fand unter seiner Führung statt.
Sein Nachfolger war Wilhelm Müller. In seine Amtszeit fiel der Erste Weltkrieg und die nachfolgenden schwierigen Nachkriegsjahre. Er schied 1920 aus dem Amt aus und übernahm die Leitung der Kreissparkasse Schorndorf.
Der Weingärtner und Zoller Johannes Schwäble war der erste gewählte Schultheiß von Unterurbach. Unter ihm entstand 1829 das erste Rathaus mit Schulhaus in Unterurbach im Gebäude der Gastwirtschaft Traube an der Schorndorfer Straße. Im selben Jahr wurde auch eine „Industrieschule“ zum kostenlosen Unterricht für Mädchen im Stricken, Nähen und Spinnen eingerichtet.
In der Amtszeit des Unterurbacher Schultheißen Wilhelm Gottlob Ahles endete der Weinbau in Urbach und fand 1905 die Ansiedlung der Firma Konrad Hornschuch statt, was dazu führte, dass Unterurbach wenige Jahre später zu den wohlhabendsten Gemeinden des Remstals gehörte.
Unter dem Unterurbacher Schultheiß Oskar Volk, der 1927 gewählt wurde, entstand das Neue Rathaus in Unterurbach. Volk wurde 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten seines Amtes enthoben.
Der letzte Oberurbacher Bürgermeister war Walter Beutel, der 1948 gewählt wurde und das Amt bis 1978 ausübte. Er war ab 1970 nach der Wiedervereinigung der beiden Gemeinden der erste Bürgermeister für ganz Urbach. Während seiner dreißigjährigen Amtszeit vollzog sich die Entwicklung von zwei kleinen Dörfern zu einem großen, modernen und prosperierenden Gemeinwesen.


