Heute und in der kommenden Woche werfen wir einen Blick an den Rand Plankstadts, wo in 40 Jahren aus einem schmutzigen Abwasserbecken in verwilderter Umgebung ein Festgelände geworden ist, auf dem so manche Party bis heute gefeiert wird – die Gänsweid.
Vorab eine kleine Worterklärung: In Plankstadt heißt es „in der Gänsweid“, da es sich um eine Senke handelt, in die man eben hinuntergeht. Es mag andernorts andere lokale Gegebenheiten geben, wie z.B. in Brühl, wo sich die Gänsweid auf einem Rheindamm befindet – dort mag es dann „auf der Gänsweid“ heißen – nicht aber in Plankstadt. – Dies hat Eugen Pfaff bereits im Jahr 1984 in der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des MGV Arbeitersängerbund erläutert.
Zurück zur Geschichte der Plankstädter Gänsweid:
Um was für ein Gelände handelt es sich hier? So eine Senke oder „Loch“ deutet ja in unserer Gegend immer auf Kiesabbau hin und auch hier war es nicht anders. Und wo Kies gefördert wird, war zuvor auch immer Wasser vorhanden. Schaut man von der Gänsweid hinüber zum Friedhof, so fällt eine natürliche Senke in dem Gelände, das zum Gewann „Grenzhöferweg links“ gehört, auf. Hier verlief ein alter Neckararm, der die beiden Waldstücke Jungholz und Altholz voneinander trennte.
Im 18. Jahrhundert wurde zur Sicherstellung der Ernährung einer wachsenden Bevölkerung immer mehr Ackerland benötigt und so wurden immer wieder Waldstücke abgeholzt und der Landwirtschaft zugeführt. 1802 wurde das Waldstück Neurott gerodet und so entstand auch das heutige Gänsweid-Gelände. – An verschiedenen Plätzen gab es mehrere Kiesgruben auf Plänkschter Gemarkung; die bekannteste davon ist wohl die Keesgrieb im Bereich Ludwig- / Hildastraße, die auch oft mit der Gänsweid verwechselt wurde.
Das heutige Festgelände wurde als Viehweide genutzt. Schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die heutige Leopoldstraße (für alte Plänkschter „der Viehweg“) als der „Neue Viehe Trieb“ bezeichnet, durch den das Kleinvieh der Bauern aus der Ladenburger Straße (der „Baueregass“) zur Gänsweid getrieben wurde. Die meisten Gemeinden hatten dazu Hirten angestellt. Als die Bauern zu umfangreicher Stallfütterung übergingen, verlor das Hirtenamt an Bedeutung. Am längsten hielt sich der Schweine- und Gänsehirte und in Plankstadt war Hirtin Marie Gaa die letzte, die dieses Amt von 1910 bis 1921 ausübte. Am längsten weidete das Federvieh in der Gänsweid; der Schweineauftrieb wurde schon früher eingestellt.
Nun war das Abwasserproblem in Plankstadt, das ja keinen eigenen Zugang zu fließendem Gewässer besitzt, schon immer so etwas wie ein Dauerbrenner. In den vergangenen 100 Jahren kam es zu einer ständigen Zunahme der Abwässer durch Mehrverbrauch von Wasser, Zunahme der Bodenbefestigungen und Dachrinnen. Zunächst wurden die Hausabwässer in die Jauchegruben („Puhllöcher“) geleitet, später in offenen oder abgedeckten Abwässergräben neben der Straße in kleine Teiche geleitet, z.B. vor dem Haus Ladenburger Str. 7 („die gemeine Weed“) und in der Eppelheimer Straße gegenüber der Einmündung Scipiostraße („der gemeine Pfuhl“) oder sie versickerten einfach am Ortsrand im freien Feld. Später war es die ausgediente Kiesgrube, die Keesgrieb, und als auch die nicht mehr ausreichte, eben die Gänsweid.
Ein Kanal von der Keesgrieb durch die Moltkestraße in die Gänsweid wurde auf Vorschlag der „Großherzoglichen Wasser- und Straßenbauinspection Heidelberg“ gebaut. Im Jahr 1917 wurde dort ein Hebewerk errichtet, das die Abwässer über die Kläranlage des Ausbesserungswerkes in den Leimbach beförderte. Dies bedeutete für Plankstadt jedoch nur eine Art Vorläufer einer Kläranlage.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich das Problem erneut vehement, denn durch Erweiterung des Ortsetters, Zunahme der Bevölkerung durch die Aufnahme von ca. 1.000 Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten sowie den Einbau von Bädern und Wasserspülungen war eine eigene Kläranlage unumgänglich geworden. Nach 36 Monaten und einer erheblichen Überschreitung der ursprünglich geplanten Kosten war die Plankstädter Kläranlage fertig, von der Fachleute allerdings bereits unmittelbar nach der Fertigstellung behaupteten, sie sei nicht funktionstüchtig.
Die Auslegung dieser Anlage hielt auch tatsächlich nicht lange vor: Am 1. Februar 1966 wurde der Abwasserverband „Unterer Leimbach“ gegründet, dem Schwetzingen, Oftersheim und Plankstadt angehörten. Schon 1969 zeigte sich auch diese Anlage in Schwetzingen den steigenden Abwassermengen nicht mehr gewachsen und Zweckverband „Klärwerk Bezirk Schwetzingen“ wurde ins Leben gerufen, dem zusätzlich noch Brühl und Ketsch angehörten. Am 4. August 1978 wurde die Verbandskläranlage Brühl / Ketsch ihrer Bestimmung übergeben und die Plankstädter Abwässer brauchten nicht mehr in der Gänsweid gespeichert zu werden.
Schon immer war die Gänsweid auch ein beliebtes Spielgebiet der Plankstädter Jugend gewesen. Im Winter zog man auf dem zugefrorenen Teich mit den Schlittschuhen seine Bahnen und „glennte“ (= schlitterte) darauf herum, so man keine Schlittschuhe hatte oder die Böschungen wurden als Rodelbahnen genutzt; im Sommer eignete sich das Gelände mit seinen unterirdischen Kanälen ganz besonders für Wild-West-Spiele und Ähnliches. Sogar gebadet wurde in den Tümpeln, wobei man allerdings anschließend einen kräftigen Wasserstrahl aus dem Schlauch brauchte, um die stinkende Brühe wieder vom Körper zu spritzen.
Was also sollte aus dem Gelände der ehemaligen Kläranlage werden? Früh entstand die Idee vom Bau eines Regenrückhaltebeckens, denn schon immer litten die tiefer liegenden Ortsteile, besonders die Leopoldstraße (der „Viehweg“) bei Starkregen unter Keller-Überflutungen. Die Senke der Gänsweid bot sich für ein solches Becken besonders an.
Somit war eigentlich klar, dass es sich nur um mein Provisorium handeln konnte, wenn die Gemeinde es zuließ, dass das Gelände für Festivitäten genutzt wurde. Es war der damalige MGV Arbeitersängerbund, wie der heutige MGV Sängerbund – Liedertafel vor der Fusion 1994 mit dem MGV Liedertafel damals noch hieß, mit seinem Vorstand Karl Engelhardt, die sich 1977 zu einem Fest in der nunmehr mehr oder weniger trockenen und mit Gras bewachsenen Senke entschlossen. Die durchaus von der Gemeinde vorgetragenen stichhaltigen Bedenken wandelten sich schlagartig mit dem 1. Gänsweidfest am 13./14. August 1977, das zu einem vollen Erfolg wurde.
Der Platz erwies sich als wahres Idyll im Grünen mit richtig romantischer Atmosphäre, wohin die Plänkschter sich seit dem damaligen Zeitpunkt gerne auf den Weg machten. Vorstand Karl Engelhardt schwärmte in den höchsten Tönen und es sah ganz so aus, als würde sich in der Gänsweid für künftige Zeiten das ideale Festgelände entstehen – obwohl es sich nur um ein Provisorium handelte. So lesen wir es in einer Aktennotiz des Bürgermeisters aus dem Jahr 1978. Selbst der Bau einer Grillhütte wurde unter dem Gesichtspunkt des Provisoriums gesehen, vorausgesetzt, das Gelände würde für die Dauer von sechs bis acht Jahren nicht für seinen ursprünglich zugedachten Zweck als Regensammler genutzt.
Viele Ältere werden sich noch an diese ersten legendären Gänsweidfeste des Arbeitersängerbundes erinnern. Das Zelt unten in der Senke war noch von alter Art, die Holzstangen wurden noch mit Stricken zusammengehalten und viele Helfer waren erforderlich, um es aufzubauen. Alles, was für ein solches Fest benötigt wurde, musste herangeschafft werden und die logistischen Erfordernisse waren mit damaligen Mitteln noch sehr schwer zu handhaben. Alle freuten sich auf das große Lagerfeuer am Abend, das die Gänsweid hell erleuchtete – man genoss die Idylle.
Mit dem Bau des lange geplanten Regenrückhaltebeckens zu Beginn des Jahrtausends änderten sich die Voraussetzungen und waren viele zunächst skeptisch, so fanden sich immer wieder feierfreudige Plänkschder, die das Festgelände zu nutzen wussten. Allerdings endete die Ära der Gänsweidfeste des inzwischen fusionierten MGV Sängerbund – Liedertafel auf dem großen Grasplatz im Jahr 2012 – der Grund ist einfach: die Logistik erforderte einfach zu viele Helfer, die auf Grund der Altersstruktur des Vereins schlicht nicht mehr vorhanden waren.
Aber die Gänsweid blieb als ideales Festgelände erhalten, nicht nur für die Plankstädter Vereinswelt, auch viele private Feste wurden dorthin verlagert, seit auch die Bürgerinnen und Bürger das Gelände an den Sommerwochenenden mieten konnten. (Dazu in den kommenden Wochen mehr.)
Den absoluten Höhepunkt als Festgelände erlebte die Gänsweid im Jahr 2022 mit der Ausrichtung der 1250-Jahr-Feier der Gemeinde. Im eigentlichen Jubiläumsjahr 2021 hatte die Corona-Pandemie für die Verschiebung um 1 Jahr gesorgt. Das Großzelt für 1.500 Menschen fügte sich hervorragend in das Gelände ein und dank moderner Technik und Hilfen war es kürzester Zeit auf- und abgebaut. Diese Feier war die größte Bewährungsprobe der Gänsweid als Festgelände – und sie hat sie hervorragend bestanden! Und natürlich bleibt die Gänsweid der Bevölkerung und ihren Gästen auch künftig als Festgelände erhalten!
Ulrich Kobelke, Gemeindearchivar