
Zum ersten Mal lud Irmgard Schott zu einer Autorenlesung in ihre Buchhandlung ein – und für Autorin Betty Boras war es die erste Lesung mit ihrem ersten Buch „Das schönste aller Leben“. Der Roman bescherte den Gästen einen emotionalen und tiefgründigen Abend mit vielen Denkanstößen.
Sie habe nichts von der Existenz dieser weiteren Autorin in Eislingen gewusst, räumte Tina Stroheker ein, die die Lesung moderierte. Aber der Debütroman von Betty Boras, beim renommierten Verlag hanserblau erschienen, hat schon etliche positive Presserezensionen erhalten und wird sicher weiter von sich reden machen. Die Autorin ist ansonsten Lehrerin, Bloggerin und nicht zuletzt zweifache Mutter. Ein Buch zu schreiben, „das war immer ein Traum von mir“, verriet sie.
Die ersten beiden Anläufe – einer im Alter von acht oder neun Jahren, ein zweiter nach einem anstrengenden Referendariat, das sie aufarbeiten wollte – führten zu keinem Ergebnis. Beim dritten Mal ist ihr ein Werk gelungen, das zwar nicht autobiografisch ist, aber dennoch viel eigene Erfahrung enthält.
Protagonistin Vio passt sich an die Gesellschaft an
Betty Boras Hauptperson Vio hat mit der Autorin gemeinsam, dass sie als Sechsjährige mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland flieht und erlebt, was es heißt, sich in eine Gesellschaft zu integrieren: gefällig, fleißig, am besten besser als die anderen sein – es ist schon fast Überanpassung, was Vio da leistet.
Sie will nicht auffallen, will nicht anders sein. Als sie erwachsen ist und ihre kleine Tochter bei einem Unfall Narben im Gesicht davonträgt, wird sie von schlimmen Selbstvorwürfen zerrissen. Die zweite Ebene des Buches schildert das Schicksal von Theresia, die im 18. Jahrhundert lebt – eine auffallend schöne Frau, die von der Wiener Keuschheitskommission ins Banat verbannt wird.
Diese Kommission, eingesetzt von Maria Theresia, gab es tatsächlich und auch die Abschiebung von verurteilten Personen in abgelegene Gebiete ist nicht erfunden. Die Banater Erde, ein verbindendes Glied zwischen beiden Frauen, spricht ebenfalls einige Male im Buch: Sie wendet sich an all jene, die sie bewohnen, die von ihr ernährt werden und sie am Ende doch wieder verlassen.
Aber nicht nur geografisch sind Vio und Theresia miteinander verbunden: Es geht auch um die äußeren Zwänge, die ihr Leben bestimmen, um das Ringen um Eigenständigkeit und um das Thema Schönheit, das für Frauen, egal in welcher Zeit, eine große Rolle spielt. „Das Thema ist immer da, und es ist auch mit gesellschaftlichem Akzeptiert-Werden verbunden“, stellte Tina Stroheker fest. Das gilt heute wie eh und je: Man mag beteuern, dass die inneren Werte zählen – Körperkult und Körperbilder, die beispielsweise in Social Media vermittelt werden, sprechen eine andere Sprache. Betty Boras bezieht dazu nicht Stellung, sondern zeigt auf, wie die Thematik ins Leben der Frauen hineinwirkt.
Aktuelles Thema im historischen Mantel
Sie möge es, ins Innere ihrer Figuren zu schauen, sie psychologisch zu begleiten, sagte die Autorin. Dass sie auch eine Kulisse schaffen und die Welt darstellen müsse, in der die Geschichte spielt, vergesse sie manchmal fast. Doch auch dieser Teil gelingt ihr ausnehmend gut: Bei vielen Szenen des Buchs fühlt man sich direkt in eine andere Welt und Zeit katapultiert.
Die Lesung berührte und bewegte das Publikum in der Buchhandlung, deren hinterer Teil leergeräumt und urgemütlich gestaltet war. Sie finde sich in der Schilderung der kleinen Vio selbst wieder, sagte eine Zuhörerin, die sichtlich ergriffen war. Gut, dass der Roman zwar nicht mit einem Happy-end, aber zumindest halbwegs versöhnlich endet. „Ich wollte die Leserinnen und Leser nicht ganz hoffnungslos verlassen - deshalb finden beide Frauen eine Möglichkeit, weiterzuleben“, verriet die Autorin.
Auch die Frage nach dem nächsten Projekt blieb nicht aus. Tatsächlich habe sie eine Idee, sagte Betty Boras, momentan sei ihr Kopf aber noch mit der ersten Geschichte voll. Aber sie wolle „auf jeden Fall weiterschreiben“ – darüber werden sich in Eislingen, und nicht nur hier, viele Leserinnen und Leser freuen. kaa
