Nachfahren bringen die Erlebnisse ans Bildungszentrum Gosheim-Wehingen.
Jahrzehntelang hielten Überlebende die Erinnerung an den Holocaust und die schrecklichen Verbrechen der Nazis am Leben. Jacek Zieliniewicz reiste dafür als Zeitzeuge bis 2018 noch mit 92 Jahren aus Polen auf den Heuberg und schilderte Generationen von Schülern in persönlichen und bewegenden Worten, was kaum zu beschreiben ist. Da er mittlerweile verstorben ist, haben seine Tochter Melwinska Wieslewa und seine Urenkelin Iga Kozlakowska diese Aufgabe als sogenannte Zweitzeugen übernommen. Am 8. Mai, dem Jubiläum des Kriegsendes, haben sie den Neuntklässlern des Gymnasiums und der Realschule die Erfahrungen ihres Familienmitglieds übermittelt.
Jacek Zieliniewicz war erst 13 Jahre alt, als der Krieg über seine Heimat Polen hereinbrach. Doch bald schloss er sich dem Widerstand an und wurde dafür im August 1943 von der GESTAPO verhaftet. In einem Viehwaggon wurde er nach Auschwitz gebracht. Als junger Mann wurde er zu seinem Glück für arbeitsfähig befunden und konnte daher überleben. Unter unmenschlichen Bedingungen musste er in Hitze und Kälte, bei Hunger und Durst inmitten von Krankheit, Misshandlung und Not Zwangsarbeit leisten. Jeder Menschlichkeit beraubt war er seinen Peinigern nurmehr die Nummer, die in seinen Arm eintätowiert war. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass Menschen schlecht sind, wie er später sagte.
Nach einem Jahr wurde er wieder in einen Viehwaggon verladen und diesmal nach Dautmergen verfrachtet. Dort sollte er im KZ Dautmergen zusammen mit anderen Gefangenen Öl aus Schiefer herstellen. So unfassbar es klingt. Hier waren die Bedingungen noch schlimmer als in Auschwitz. Während er in Auschwitz noch 70 Kilo gewogen hatte, magerte er hier in wenigen Monaten auf lebensgefährliche 38 Kilo ab. Doch der Glaube an sein Überleben und auch Glück hielten ihn am Leben. Kurz vor der Befreiung zwangen die Wachen die Gefangenen auf einen sogenannten Todesmarsch, um sie noch vor Ankunft der Alliierten zu beseitigen. Doch die Wachen flohen vor den heranrückenden Franzosen. Im Wald trafen die Gefangenen dann auf ihre Befreier, die sie sofort versorgten.
Jacek Zieliniewicz hätte nie gedacht, dass er eines Tages noch einmal mit Deutschen in Kontakt kommen würde. Doch als er vor einigen Jahrzehnten das KZ in Deutschland besuchte, traf er auf junge Deutsche, die ganz anders waren als seine Peiniger von früher. Mit einigen von ihnen schloss er sogar Freundschaften. Da gab er sich ein neues Lebensmotto, das er bis an sein Lebensende haben sollte: Es gibt keine schlechten Nationen, nur gute und schlechte Menschen. Er kann diese wichtige Botschaft nicht mehr persönlich übermitteln, doch seine Tochter und seine Urenkelin tragen diese Worte und seine eindrückliche Geschichte weiter und bringen sie für ihn auf den Heuberg.

