Nussbaum-Logo
Bildung

Von den Abgründen am Wannsee in die Verantwortung des Jetzt

Mit dem Bus fährt es sich (und fuhr es sich schon vor 90 Jahren) sehr beschaulich durch ein Villenviertel in einem bekannten Berliner Vorort.
Eine alte Villa am Ende einer verschneiten Straße
Die Villa am WannseeFoto: Damir Planic

Prachtvolle Villen der Gründerzeit, Nebeldecke über dem größten Berliner See, welcher noch heute als Naherholungsgebiet für die getriebene Berliner Großstadtseele dient. Eigentlich ein beschaulicher Ort für die Wohlhabenden – damals wie heute. Und trotzdem sitzt dem Wannsee die Vergangenheit tief in den Knochen. Auch an diesem Nachmittag ist es ein Ort, dessen historische Bedeutung die Schüler der 10a der Theodor-Heuss-Realschule schon im Geschichtsunterricht erschlossen haben. „Es ist dann aber doch etwas anderes, davorzustehen und vor allem die Räumlichkeiten mit den vielen Info-Stellwänden zu bestaunen“, so der Tenor der Abschlussklasse. Am Ort der Wannseekonferenz wurde nichts weniger beschlossen, als die industrielle Vernichtung von Menschen, vor allem Juden, aber auch alle anderen, die dem nationalsozialistischen System nicht passten.

Geschichtliche Aura

Historiker sprechen von einer geschichtlichen „Aura“, welche eine hier umgibt. Eigentlich hätte die Villa nach dem Krieg zu einer Jugendherberge umfunktioniert werden sollen – man entschied sich für ein Dokumentationszentrum, welches aufklären soll. Was ist passiert am 20. Januar 1942? Warum waren die wichtigsten Personen des NS-Regimes, wie etwa Hitler, Goebbels und Göring nicht anwesend? Was kann man alles nachlesen im Protokoll der Wannseekonferenz? Warum war die Konferenz nicht in Berlin, sondern am idyllischen Wannsee, der schon damals als Naherholungsgebiet galt? – Fragen über Fragen, denen sich die Schüler sich an einem kalten und vernebelten Nachmittag stellen wollten. Neben einer Führung zur Vorgeschichte des Antisemitismus und der Rolle der Zivilbevölkerung im Dritten Reich, durften alle in einem Workshop die Protokolle der Wannseekonferenz betrachten. Die überlieferten Auszüge wurden nach „Euphemismen“ (also beschönigenden Begriffen des Terrors, Mordes und Todes) und Planungen des wohl einzigartigen Völkermords der europäischen Juden durchforstet. „Historiker arbeiten langsam, dafür aber umso präziser.“

Gewinnbringender Besuch

Es lohnt sich, rauszufahren, wenn man noch den ein oder anderen Tag in Berlin zur Verfügung hat. Etliche Workshops werden nicht nur für Schüler vor Ort angeboten, auch als privater Besucher steht einem Besuch nichts im Wege. Gewinnbringend ist der Besuch allemal – zumal an der einen oder anderen Stelle verdächtige Parallelen zum Hier und Jetzt entstehen: Auch heute werden Framing und Euphemismen für radikale Forderungen im politischen Raum genutzt, um das Schlimme, das dahintersteckt, auszublenden.

Kriminaltheater

Doch natürlich hielt die Abschlussfahrt nach Berlin noch weitere Highlights parat. So lud das Kriminaltheater im Berliner Osten ein, in die Rolle eines Schöffen bei hohem Gericht schlüpfen durften. An diesem Abend durften sie beim – frei nach Ferdinand von Schirachs auch bereits verfilmten – Meisterwerk „Terror“ entscheiden, ob ein Kampfpilot ein ziviles Flugzeug abschießen dürfe, welches von islamistischen Terroristen entführt wurde. Eine nicht leicht beantwortbare ethische Frage stand im Raum: „Darf man Menschenleben gegeneinander abwägen?“ „Wurden die Passiere im Flugzeug selbst zu einer terroristischen Waffe?“ „Gibt es ein übergeordnetes Recht, als das unserer Verfassung? Am Ende entschieden sich der größte Teil der Besucher für den Freispruch des Piloten – ähnlich übrigens wie die Fernsehzuschauer bei der Fernseherstausstrahlung. Ein mulmiges Gefühl ist dennoch zurückgeblieben.

Treffen mit Lars Castellucci

Neben den historischen, kulturellen und ethischen Bausteinen einer Abschlussfahrt sollten natürlich auch politische Aspekte eine Rolle spielen. Auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Lars Castellucci (SPD) und seinem Team, bekam die Klasse eine Führung durch den Bundestag. Darüber hinaus bestieg die Gruppe die Kuppel und kam mit dem Bundestagsabgeordneten ins Gespräch. Themen wie die „allgemeine Wehrpflicht“, den Stromblackout in Berlin zum neuen Jahr und die sich anbahnenden internationalen Konflikte weltweit mit der Rolle Europas wurden kontrovers diskutiert.

Mauerführung

Und was wäre Berlin ohne die Mauer? Eine Mauerführung an der bekannten Bernauer Straße zeigte vor Ort die Trennung einer Stadt, eines Landes und letztlich eines Kontinents. Auch die Folgen der sich daraus entstehenden Geisterbahnhöfe zeigten umso mehr, dass Grenzen und Mauern immer Folgen nach sich ziehen, denen man sich erst im Nachhinein bewusst wird.

Auch der Spaß sollte nicht zu kurz kommen; neben den obligatorischen Selfies am Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie, wurde es noch ein wenig gruselig im Dungeon, bevor es abends in den Berliner Club „Matrix“ ging und man als Gruppe nochmal das Tanzbein schwang!

Am letzten Tag machte man noch einen künstlerischen Spaziergang an der Berliner Mauer: Direkt vor dem Hotel am Ostbahnhof wartete noch die „East Side Gallery“ auf die Klasse, die noch die einen oder anderen tollen Motive aus Berlin bescherte. Während der Rekapitulation des Erlebten im FlixTrain nach Heidelberg wurde klar: Diese Klassenfahrt aus schwerer Geschichte, interessanter Politik, partizipativer Kultur, bunter Kunst, schnellem Großstadtleben und gemeinsam erlebter Zeit wird allen im Gedächtnis bleiben. (rp)

Jugendliche llaufen am Flussufer einer Stadt in den Sonnenuntergang
An der Spree ging es abends ins "Matrix".Foto: Damir Planic
Erscheinung
Hockenheimer Woche
Ausgabe 07/2026
von Theodor-Heuss-RealschuleRedaktion NUSSBAUM
09.02.2026
Orte
Hockenheim
Kategorien
Bildung
Panorama
Schulen