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Vor 800 Jahren

Johanneskirche in Weinsberg Das westliche Portal und der unbekannte Conrad. Von Klaus Heiland und Manfred Wiedmann (Fortsetzung vom Nachrichtenblatt...
s. TextteilFoto: Wiedmann

Johanneskirche in Weinsberg

Das westliche Portal und der unbekannte Conrad.

Von Klaus Heiland und Manfred Wiedmann

(Fortsetzung vom Nachrichtenblatt Nr.19/26)

Die Kirchen wurden häufig nach Osten hin in Richtung der aufgehender Sonne ausgerichtet. Der Mensch im Kirchenraum der Laien sich befindend nach vorne und nach oben blickend befindet, ist beeindruckt von den mächtigen Säulen und Pfeilern zwischen Haupt- und Seitenschiff, 12 an der Zahl, stellvertretend für die 12 Apostel. Es ist eine der bedeutenden Zahlen, förmlich ein Leitmotiv der Bibel (12 Stämme Israels, 12 Edelsteine...).

Es ist ferner die Zahl der Stunden des Tages oder der Nacht, der Monate des Jahres und der Tierkreiszeichen.

Westportal

Er erblickt den vierfachen Triumphbogen, das Himmelstor, darüber die zehnfache Zwerggalerie, stellvertretend für die 10 Gebote Gottes, und daneben links, ein elftes leeres Feld! Was bedeutet dies? Die Elf-Zahl ist ein Zeichen der Sünde und der mangelnden Vollkommenheit, weil sie die Zehn-Zahl der Gebote Gottes überschreitet und die Zwölf-Zahl der Apostel nicht erreicht. Dort ist auch die Seite der Finsternis und der Kälte. Dort wurden die Heiden und Dämonen gesehen, die zurückgewiesen werden sollen. Dorthin wendete sich die Lesung des Evangeliums. Die Südseite gilt als die Seite, von der die Wärme und das Sonnenlicht herkommen. Es ist auch die Seite des Neuen Testaments und die Seite, wo die Episteln - Sendschreiben - gelesen werden. Daher wurde die Sakristei auf der Südseite eingerichtet, wo sie vor den Dämonen sicher ist. Und im Osten, im Chorraum, wird am Altar Gottes Wort verkündet. Der zelebrierende Priester, am Altar stehend, nach Osten dem Lichte entgegenblickend, in Richtung aufgehender Sonne.

Licht bedeutet Helligkeit und Verdrängung der Finsternis. So heißt es im Johannesevangelium 8/12:

„Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird

nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des

Lebens haben“.

Der Mensch des Mittelalters wurde durch die in dem Kirchenraum befindlichen Symbole in Gottes Nähe gebracht. Das Wesen der Kirche ist, die geistige Spannung zwischen den Gläubigen der Gemeinde und ihren geistigen König, der im Realen die Eucharistie, wenn unsichtbar, doch aber immer gegenwärtig ist.

So spricht der Prophet Jesaja:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine

Wege sind nicht eure Wege. So hoch der Himmel über der

Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege

und meine Gedanken über eure Gedanken“.

Kommen wir auf das eigentliche Thema: Das Portal der Kirche und das darüber befindliche Tympanon: Die Umschrift befindet sich im Bogenfeld über dem Eingang in die Kirche. Die Übersetzung des Textes im Bogenfeld hat sich in den Jahrhunderten vielfach in die gerade gepflegte Sprachkultur oder den vorherrschenden Sprachstil verändert. Es gibt mehrere Übersetzungen dieser Umschrift, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen.

1. So lautet die Übersetzung von Diakon Klemm von 1878 aus Geislingen:

„Mensch, umklammernd den Staub, wie bist du töricht geworden! Lasse der Erde den Kot! Empor die Seele zu Christus! +Konrad“.

2. Die Übersetzung von Dekan Dr. Dillenius aus Weinsberg:

„Sinnlos bist Du, o Mensch! Wenn das Irdische gierig Du haschest! Wie magst freu ´n Du des Unrats Dich? Nein, Wesen und Willen Christi such!“

3. Die Übersetzung von Konrad Haßler, 1. Denkmalpfleger in Württemberg ab 1858 und Architekt in Ulm. Er hat das Ulmer Münster fertiggestellt

Haßler kam zur ähnlichen Übersetzung wie Dillenius.

4. Die Übersetzung von Dr. Theobald Kerner (1817-1907), Sohn von Justinus Kerner, aus Weinsberg:

„Der du nach dem Irdischen trachtest – oh Mensch – wie töricht warst du“! Aus Kernerhaus und seine Gäste von 1894.

5. Die Übersetzung von Dekan Zeller (1883-1953) aus Weinsberg:

„Sinnlos bist Du, o Mensch, wenn Du hängst am irdischen Staube! Was begehrst du den Schmutz? Christus erfülle dein Herz!“

6. Die Übersetzung von Dekan Weismann (1885-1970) aus Weinsberg:

„O Mensch, der Du nach dem Irdischen gierst, was bist du so töricht! Was erfreust du dich an diesem Unflat? Ehre die Gebote Christi“

7.+ 8. Die Übersetzungen der Dekane Veith (1918-2007) und Planck aus Weinsberg sind identisch mit der Übersetzung von Dekan Weismann, wenn auch letzterer „Gebote“ durch „Willen“ ersetzt.

9. Die Übersetzung von Dekan Heinrich Meissner (1906- 1927, Amtszeiten), Dekan in Balingen, lautet:

„Der Du der Welt nachjagst, Du Mensch, wie bist Du ein Tor doch! Was erfreut Dich der Unflat? Verehre den Willen des Heilands“.

10. Die Übersetzung von Prof. Dr. Karl Weller (1866-1943). Schwäbisch-fränkischer Landeshistoriker. Ehrenbürger der Stadt Weinsberg, verliehen am 11. 6. 1903. Sie lautet:

„Der du der Welt nachjagst, o Mensch, wie bist du ein Tor doch! Was erfreut dich der Unflat? Verehre den Willen des Heilands“.

11. Übersetzung von Dr. Justus Maurer, Theologe aus Beilstein:

Die Inschrift im Tympanon ist etwas abgeändert zu lesen. In Klammern stehen die unrichtigen Worte der Inschrift:

„O, qui tererenis (statt terrensis) inhias homo,desipuisti(!) His quid in obsenis (statt obcensis) gaudes(?) Cole numina Christi(!)

Die Verse der Inschrift bilden jeweils einen Hexameter (mittelalterliches kleines Gedicht). Liest man sie in der Betonung eines Hexameters, so fällt stärker auf, dass sie sich reimen. Die Betonungen der Buchstaben sind unterstrichen und entsprechend markiert. Die nicht Markierten Silben sind unbetont.

Die in der modernen Zeit übliche Übersetzung lautet:

" O Mensch, der du nach irdischen Dingen gierst, bist töricht geworden. Was freust du dich über diesen Unflat? Verehre

die Gottheit Christ!"

Portal, Linker Säulenbereich

Was den unbekannten Conradus betrifft, so schweigt sich Dillenius in der Weinsberger Chronik von 1860 aus. In der von ihm mitverantworteten Oberamtsbeschreibung von Weinsberg geht er jedoch indirekt auf die Stifter ein. Er verweist auf Seite 166 darauf, dass das Patronatsrecht durch

Reichslehen bei den Herren von Weinsberg lag. Weismann spricht in Bezug auf den Text vom „franziskanischen Geist jener Zeit“. Auch weist er darauf hin, dass die Inschrift auf keinen Fall etwas mit König Konrad III. zu tun habe. Er vermutet als Bauherrn Konrad II. von Weinsberg - oder eher noch dessen Bruder Konrad, den Würzburger Archidiakon.

(Fortsetzung im Nachrichtenblatt Nr.:23/26

s. Textteil.Foto: Wiedmann
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08.05.2026
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