Johanneskirche in Weinsberg
Das westliche Portal und der unbekannte Conrad
von Klaus Heiland und Manfred Wiedmann
(Fortsetzung vom Nachrichtenblatt Nr. 23/26)
Die Beschreibung der einzelnen Bauteile des Portals der Johanneskirche in Weinsberg
Die Archivolte
Dieser Bauteil hat sowohl eine konstruktive (architektonische) als auch eine symbolische Bedeutung, die eng mit dem Tympanon und dem gesamten Portal als Übergangsort verbunden ist. Was wir als die zweifache Archivolte beschreiben, ist der gestaffelte oder gestufte Bogen über dem Tympanon und dem Türsturz. Die romanischen Baumeister gestalteten die Portale nicht als einfache Öffnung, sondern als eine Reihe von rückspringenden (gestuften) Gewänden in die dicke Kirchenmauer. Dadurch entsteht ein trichterförmiger Eingang, der sich zum Eintretenden hin weitet.
Jede Stufe in der Mauer wird mit einem eigenen Bogen überdeckt, und diese Bögen werden als Archivolten bezeichnet. Die zweifache Archivolte bedeutet, dass das Portal in mindestens zwei Ebenen gestuft ist, was dem Eingang Tiefe und Gewicht verleiht. Diese Staffelung lässt die Kirche von außen mächtiger erscheinen und betont den Eingang. Sie zieht den Blick des Betrachters wie eine Art Trichter zum zentralen Tympanon und der dahinter liegenden Türöffnung.
Die Archivolten sind in der mittelalterlichen Baukunst nicht bloße Träger, sondern oft Träger symbolischer Darstellungen. Der halbkreisförmige Querschnitt der Archivolten selbst und ihre Anordnung können Folgendes symbolisieren:
Der Rundbogen (halbrunder Querschnitt) ist das Kennzeichen der Romanik und symbolisiert Vollkommenheit, Beständigkeit und die göttliche Ewigkeit, außerdem Ruhe, Ordnung und das himmlische Jerusalem – im Gegensatz zum Spitzbogen der Gotik, der das Aufstrebende, die Dynamik, Sehnsucht und das göttliche Licht betont.
Kurz gesagt: Der Rundbogen der Romanik feiert die Ankunft Gottes in der Welt, während der Spitzbogen der Gotik den Aufstieg des Menschen zu Gott symbolisiert.
Die konzentrische Staffelung der Archivolten stellt oft die himmlischen Sphären oder die Stufen zur göttlichen Wahrheit dar. Jede Archivolte ist eine Grenze, die man durchschreitet, um dem Heiligen näherzukommen.
Die Bögen markieren in der romanischen Symbolik die Grenze zwischen dem profanen, sündigen Außen und dem heiligen, erlösten Innenraum der Kirche. Die Archivolten umschließen symbolisch den Ort der Erlösung (das Tympanon). Sie visualisieren den Übergang vom Diesseits zum Jenseits.
In reich verzierten Portalen (wie oft in der Romanik) sind die Archivolten mit Figuren wie Ältesten, Propheten, Engeln oder den himmlischen Chören geschmückt. Obwohl die Weinsberger Archivolten einen halbrunden Querschnitt und keine Figuren zeigen, erfüllen sie dennoch die Funktion, den himmlischen Rahmen, um die zentrale Heilsbotschaft des Tympanons zu bilden.
Die zweifache Archivolte in der Johanneskirche Weinsberg ist das mächtige und formelle Gewand des Portals. Sie umrahmt die theologische Botschaft (Tympanon) mit einer architektonischen Geste, die Ewigkeit und Erhabenheit ausstrahlt und den Übergang in den heiligen Bereich symbolisiert.
Die Kordel im Bogenfeld des Tympanons
Die Kordel oder das Seil, das den Bereich desTympanons im Portal der romanischen Kirche, wie der in Weinsberg, umgibt und in der Mitte den Bereich in zwei Hälften teilt, hat in der mittelalterlichen Bausymbolik eine tief verwurzelte Bedeutung, die meist die Verbindung, die Ewigkeit oder ein Gelübde betrifft. Eine Kordel oder ein Seil, das scheinbar ohne Anfang und Ende in sich verschlungen ist, symbolisiert die Ewigkeit Gottes und die Endlosigkeit des Heilsplans (biblischer Erlösungsplan Gottes). Es kann auch den Faden des menschlichen Lebens darstellen, der in Gottes Hand liegt und letztendlich in die Ewigkeit mündet, sobald man die Schwelle der Kirche überschreitet. Das Seil symbolisiert das Band, das die Gläubigen in der Gemeinschaft der Kirche verbindet. Es steht für die Einheit der Christen unter Christus. Im Kontext der Weinsberger Inschrift („Ehre den Willen, Christi!“) kann es die Verpflichtung des Eintretenden auf den Willen Christi betonen.
Da das Tympanon in Weinsberg bereits eine starke theologische Botschaft über die Vergänglichkeit (Spaten, Adam), die Reinheit (Lilien, Maria) und die Abkehr vom Irdischen (Spruch) vermittelt, passt die Kordel perfekt als Symbol für die Ewigkeit und das Band der Verpflichtung auf den göttlichen Willen. Sie rahmt die geistliche Botschaft ein, die den Eintretenden in den heiligen Raum geleitet.
Der durch eine Steinkordel geteilte Tympanon
Der zweigeteilte Tympanon (das Giebelfeld über dem Portal) des Westportals der Johanneskirche in Weinsberg ist ein wichtiges Zeugnis der romanischen Kunst und birgt eine faszinierende Symbolik.
Der Tympanon stellt tatsächlich einen in der romanischen Kunst häufig verwendeten, aber hier besonders symbolträchtigen Kontrast dar, der in der Tat oft mit dem Alten und dem Neuen Testament in Verbindung gebracht wird. Die mittlere Teilung des Tympanons trennt zwei Szenen, die in der Regel zwei unterschiedliche Aspekte des Glaubens und der Heilsgeschichte gegenüberstellen.
Links davon zeigt sich hier eine alttestamentliche oder vorchristliche Szene, die die Notwendigkeit der Erlösung oder die Gesetzesbindung symbolisiert. Rechts davon zeigt die Seite eine neutestamentliche Szene: Erlösung, Gnade oder Christus in seiner Herrlichkeit. Beide Seiten verkörpern die Erfüllung des Alten Bundes und das Neue Testament.
Der Seilfries ist nicht nur dekorativ, sondern hat in der christlichen Kunst oft auch eine tiefere Bedeutung. Zusammenfassend erzählt der zweigeteilte Tympanon in Weinsberg, eingefasst von der Kordel, eine visuelle Geschichte der Heilsgeschichte und des Übergangs vom Gesetz zur Gnade, was dem eintretenden Gläubigen sofort die zentrale Botschaft des Christentums vermittelt.
Obwohl die allgemeine Beschreibung der Kirche erwähnt, dass das Westportal reich gestaltet ist und nur der Tympanon original ist (entstanden nach 1210), sind die genauen Darstellungen im Detail nicht allgemein bekannt. Bei romanischen Tympana dieser Art könnte die Darstellung aber zum Beispiel die Verkündigung des Gesetzes (Mose mit den Tafeln) auf der einen und die Verkündigung der Gnade (Christus oder Maria) auf der anderen Seite sein. Sie stellt den Übergang vom Alten Bund (Gesetz) zum Neuen Bund (Gnade) dar, was für eine Kirche, die dem Täufer Johannes geweiht ist (der die Brücke zwischen beiden schlägt), sehr passend wäre.
Die einfassende Kordel aus Stein, die wir hiermit beschreiben, ist ein häufiges Element in der romanischen Architektur und wird als Seilfries (oder auch Tau-, Kordel- oder Flechtband-Ornament) bezeichnet.
(Fortsetzung im nächsten Nachrichtenblatt Nr. 25/26)


