Dr. Steffen Seischab, einer der Autoren des Jubiläumsbandes zur Köngener Geschichte, gab bei seinem Vortrag am vergangenen Mittwoch einen Überblick zu dieser bislang wenig bekannten Thematik. Im Sitzungssaal der Zehntscheuer fanden sich rund 45 Interessierte zusammen.
Neben dem christlichen Widerstand um Pfarrer Eugen Stöffler war Köngen auch ein Zentrum des kommunistischen Untergrundkampfes gegen die Nazi-Diktatur. Doch wie kam es dazu?
Durch die Industrialisierung im Neckartal veränderte sich auch das gesellschaftliche Leben in Köngen. Aus Kleinbauern wurden Arbeiter, die in den großen Fabriken von Daimler bis zur Maschinenfabrik Esslingen ihr Geld verdienten und nur noch im Nebenerwerb landwirtschaftlich tätig waren. Es entstand eine Blockbildung zwischen dem bürgerlichen Lager und der Arbeiterschaft, die im Köngen der 1920er und 1930er Jahre ohne große Berührung miteinander lebten.
Zwei Musikvereine und zwei Sportvereine entsprechend unterschiedlicher Prägung dokumentieren diese Entwicklung. In den großen Firmen agitierten die Kommunisten sehr erfolgreich. 170 kommunistische Parteigänger zählte man allein im kleinen Köngen. Hinzu kamen rund 100 Paramilitärs. Die kommunistischen Gruppen waren auch stark im Widerstand, da sie sehr gut organisiert waren. Man rüstete sich letztlich für einen erwarteten Bürgerkrieg, an dessen Ende die Weltrevolution stehen sollte.
In den Jahren 1934 und 1935 verteilte die "Widerstandsgruppe Köngen" unter hohem persönlichem Risiko verdeckt regimekritische Literatur im mittleren Neckartal. Bereits im März 1933 wurden erste Mitglieder direkt aus einer Gesangsprobe heraus verhaftet. Obwohl die Kommunisten ein großes Schreckgespenst für die bürgerlichen Parteigänger waren, gab es große Empörung am Ort angesichts der Verhaftungen, die ab 1935 in langen Haftstrafen in Zuchthaus und zumeist anschließendem KZ endeten.
Nach der Nazi-Barbarei hofften viele kommunistische Parteigänger auf eine radikale Wende. Doch 1947/48 beginnt der Kalte Krieg, die DDR formierte sich und kommunistisches Gedankengut geriet in Verruf. Daher wurde auch über diesen Widerstand wenig berichtet.
Eine Wiedergutmachung für die Inhaftierung war ab 1956 möglich. Die Häftlinge klagten über diverse Traumata, psychische Folter bis hinzu Erfrierungen, und Folgen wie Vergesslichkeit oder Albträume. Dr. Steffen Seischab regte an, hier in Köngen weiter zu recherchieren. Es gäbe noch viel Material und Lebensgeschichten zu entdecken, sagte er: „Ich habe nur an der Oberfläche gekratzt.“ Der Historiker bot an, im Rahmen seiner Möglichkeiten Hilfestellung zu leisten. Bei der Diskussionsrunde war Interesse spürbar. Wir werden in der kommenden Woche weiter dazu berichten.