
Das Netzwerk Kommunikation der TechnologieRegion Karlsruhe diskutierte am Beispiel des Quartiers Neue Mitte in Graben-Neudorf mögliche Lösungsansätze.
Graben-Neudorf hat seit einigen Jahren das, was anderen Gemeinden fehlt: einen lebendigen Ortskern. Mit dem zentral gelegenen Quartier Neue Mitte wurden 173 Wohnungen geschaffen, Geschäfte, betreutes Wohnen, eine Tagespflege, Arztpraxen – CO₂-frei, autofrei und bei der Versorgung mit Strom und Wärme Selbstversorger.
Das Quartier hat ein ausgeklügeltes System, das Wohnungen, Geschäfte und auch die benachbarte Sparkasse mit Strom und Wärme versorgt, die vor Ort erzeugt werden. Möglich ist dies durch eine Kombination von Photovoltaik, oberflächennaher Geothermie und einem Energie-Managementsystem, das das gesamte Quartier miteinander verbindet.
Evohaus-Geschäftsführer Heinz Hanen stellte dem Netzwerk die Grundzüge der Anlage vor und erläuterte die Vorteile. So wird der eigenerzeugte Strom im 15-Minuten-Takt berechnet – eine Energieampel in den Wohnungen zeigt an, ob viel verbraucht wird oder ob der Strom gerade günstig ist. Lediglich im Winter muss Strom zugekauft werden. Grundsätzlich seien die Energiekosten bei vergleichbaren Gebäuden aus den 1970er oder 1980er Jahren mehr als doppelt so hoch, so Hanen.
Ein weiterer Vorteil des Energie-Managements: Das Quartier Neue Mitte kann mit weiteren Gebäuden oder Blöcken vernetzt werden. Und sollte es in naher Zukunft andere technische Möglichkeiten geben als die Wärmepumpen, könnten diese abgestellt und eine andere Technologie genutzt werden, so Architekt Heinz Hanen. Aktuell seien Insellösungen wie die Neue Mitte der richtige Weg, denn sie seien schnell realisierbar.
Graben-Neudorf brauchte solch eine schnelle Lösung. Die Gemeinde wächst stetig durch Zuzüge und braucht mehr Wohnungen, damit die örtlichen Unternehmen Leute einstellen können. „Wir kriegen das Wirtschaftswachstum anders nicht hin“, sagt Bürgermeister Christian Eheim. Zur gleichen Zeit sollte eines vermieden werden: der Donut-Effekt, also das Wachsen des Orts an den Rändern durch Einfamilienhäuser, während die Ortsmitte langsam ausblutet.
So entstand die Idee zur Neuen Mitte – ein Projekt, das auf Geschosswohnungsbau setzt. Doch genau der ist nicht bei allen beliebt. „Der Traum ist immer noch das Einfamilienhaus“, sagt Christan Eheim. Wichtig beim Projekt sei der Konsens im Gemeinderat, die Unterstützung durch Technologieregion und den Mittelstand.
Entstanden ist ein Quartier, das auch eine gute soziale Qualität bietet: Viele „Superager“ haben ihre zu großen Einfamilienhäuser verlassen und sind froh, dass sie vor Ort alles finden, was sie brauchen. Ärzte, Physiotherapeuten und Geschäfte – und hier in der Neuen Mitte treffen sie immer jemanden zum Reden, es ist Leben eingekehrt. Es gibt einen Wochenmarkt, Aufenthaltsflächen und sogar einen „mobilen Wald“.
Die Teilnehmer der Diskussionsrunde, zu der auch Marc Sesemann, Vorstand Sparkasse Karlsruhe, und Prof. Dr. Ute Karl vom Europäischen Institut für Energieforschung gehörten, suchten nach weiteren Lösungen für den stockenden Wohnungsbau. Staatlicher Wohnungsbau oder Geothermie-Bohrungen ohne existierende Netze seien nutzlos, so Bürgermeister Eheim. Er betonte, man müsse „auch mal Gegenwind riskieren“. TRK-Geschäftsführer Jochen Ehlgötz hob die funktionierende Zusammenarbeit von Privatwirtschaft und Kommune hervor. Diesen politischen Mut, so Ehlgötz, würde er sich für viele Kommunen wünschen.