
„Das Wetter ist noch ausbaufähig, aber ich kann prognostizieren, zum Hoffest kommt die Sonne irgendwann immer durch“, sagte Thomas Weber, Leiter der JVA Bruchsal am Sonntag vorvergangener Woche - und sollte auch diesmal Recht behalten. Obwohl die große Wiese vor den Mauern des einstigen fürstbischöfliches Jagd- und Lustschlosses aufgeweicht war und so nicht als Parkplatz dienen konnte, strömten die Besucher auch diesmal in Scharen herbei. So war auch der ökumenische Gottesdienst am Morgen gut besucht.
„An einem Tag wie heute könnte ich mir das Predigen eigentlich sparen“, sagte Pfarrerin Dr. Monika Zeilfelder-Löffler, evangelische Seelsorgerin an der JVA Kislau und Karlsruhe, „denn spätestens beim Blick auf den herrlich mit Agrarprodukten geschmückten Altar wird jedem klar, worum es hier geht - Erntedank und Hoffest in Kislau.“ Sie gab Einblick, was hier fleißige Hände auf 80 Hektar Acker- und Grünfläche produzieren, wo 30 Mastrinder und ebenso viele Mastschweine stehen und 800 Leghennen täglich für 650 Eier sorgen. Das Gemüse, das im Hofladen verkauft wird, ist biozertifiziert.
Thomas Weber sprach seinen Dank für ein außerordentliches Ehrenamt aus, denn seit 1999 spielt das Akkordeonorchester Walldorf unter der Leitung von Rudolf Sailer zum feierlichen Gottesdienst um 8.30 Uhr an Heiligabend. „Eine Zeit, die für die Häftlinge keine leichte ist“, sagte er. Auch für alle Helfer der JVA sei die Ausrichtung des Hoffestes ein Engagement, das über die normale Tätigkeit hinausgehe.
Stark frequentiert waren dann die Führungen in der JVA. „Wir mussten alles etwas verkürzen“, sagte Frank Gassner, der seit seiner Ausbildung im Strafvollzug tätig ist. „Denn im letzten Jahr wurden wir nach einer 5-jährigen Pause mit rund 1000 Besuchern regelrecht überrannt.“ Er gab mit seinen Kollegen interessante Einblicke und erklärte, wer hier im offene Vollzug einsitzt, in eine Wohngruppe darf oder in der Landwirtschaft eingesetzt wird.
Im Bischofsbad bot Volker Stark eine Reise in die Vergangenheit und präsentierte auch die damals erste Toilette mit Spülung.
Interessant waren auch die Führungen, bei denen das Team des Lernort Kislau das Bauprojekt vorstellten. Bis zum Frühjahr hofft der Verein, die rechtlichen und planerischen Voraussetzungen geschaffen zu haben, damit der Lernort dann im 2027 eröffnet werden kann. Dr. Andrea Hoffend, wissenschaftliche Leiterin des Projekts und die pädagogische-wissenschaftliche Mitarbeiterin Fabienne Bitz stellten bei ebenfalls gut besuchten Führungen um das Gebäude dar, warum der Lernort gerade hier in einem frühen Lager als „Vorhof zur Hölle“ so wichtig ist. Gerade weil es kein Vernichtungslager war, sondern das Ende der Demokratie bedeutete. „Ich finde es extrem wichtig, mehr darüber zu erfahren, welches Unrecht hier vor unserer Tür passiert ist“, sagt etwa Doris Machauer aus Oberhausen, dazu müsse man nicht nach Dachau fahren. Angehörige von Erwin Sammet, der zu den sieben prominenten Karlsruhern gehörte, die einst in einer Schaufahrt nach Kislau gebracht wurden, waren ebenfalls aus Ludwigsburg gekommen, darunter eine Urenkelin.
Beim Hoffest wurden die Gäste natürlich bestens versorgt. Den Feuertopf gab es übrigens auch für die Insassen der JVA, denn der Samstagseintopf wurde mit dem Sonntagsessen getauscht. Kinder hatten Spaß an Kälbern und Kaninchen, konnten aber auch einen Gefängnisbus bestaunen. Mit einer Rauschbrille wurden 1,3 Promille simuliert und viele wollten wissen, ob man unter „Alkoholeinfluss“ noch eine gerade Linie entlang laufen kann und noch fahrtüchtig wäre. Im Hofladen konnte man sich mit Kürbis, sogar Artischockenblüten und Zwiebelkuchen versorgen, Wein und Wurst kaufen und sich durch Apfelsorten kosten. Und tatsächlich kam am Nachmittag noch die Sonne raus. (cm)



