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Soziales

Zum Muttertag: Die MAZ besucht das Jugend- und Familienzentrum Villa Federbach

Mütter wünschen sich mehr Anerkennung Der Muttertag ist ein Tag, um Danke zu sagen, die Leistung von Müttern anzuerkennen. Die MAZ sprach mit Mitarbeiterinnen...
Mütter brauchen Solidarität und Wertschätzung: MAZ-Gespräch im Familienzentrum Villa Federbach. Von links: Daniela Neubert, Lena Merz, Nurgül Vural Konter, Elke Maushard.Foto: fri

Mütter wünschen sich mehr Anerkennung

Der Muttertag ist ein Tag, um Danke zu sagen, die Leistung von Müttern anzuerkennen. Die MAZ sprach mit Mitarbeiterinnen des Jugend- und Familienzentrums Villa Federbach über die Wünsche von Müttern heute, gesellschaftlichen Veränderungen und die Bedeutung von Gemeinschaft.

Mit dabei waren Daniela Neubert vom Familienzentrum, Lena Merz vom Jugendhaus sowie Elke Maushart und Nurgül Vural Konter von Projekt ACT, das Familien in herausfordernden Lebenssituationen begleitet.

MAZ: Der Muttertag war in seiner Anfangszeit ein Tag mit politischen Forderungen für die Rechte von Frauen. Heute werden Blumen und Schokolade verschenkt. Ist so ein Muttertag noch zeitgemäß?

Maushard: Oft wirkt er heute wie ein Anlass zum Feiern oder Beschenktwerden. Gleichzeitig höre ich gerade von Alleinerziehenden und Menschen mit hoher Sorgeverantwortung immer wieder Frust: Ein einzelner Tag reicht nicht. Viele wünschen sich vor allem mehr echte Anerkennung im Alltag - gesehen werden für das, was sie jeden Tag leisten.

Neubert: Muttertag bedeutet für Kinder vor allem Danke zu sagen. Deshalb finde ich Geschenke zum Muttertag grundsätzlich nicht schlecht - wichtig ist nur, dass Dankbarkeit und Aufmerksamkeit nicht ausschließlich an diesen Tag geknüpft sind, sondern im Alltag gelebt werden.

Merz: Heute im Spielenachmittag werden bei uns im Jugendhaus Muttertags-Karten mit den Grundschulkindern gebastelt. Damit der Grund für die Geste greifbarer wird, thematisieren wir den Anlass. Wir sprechen zum Beispiel darüber, was eine Mama alles für uns tut, was andere allgemein für uns tun und was wir für andere tun können. Wir sensibilisieren dafür, auf welche vielfältigen Arten wir unsere Dankbarkeit ausdrücken können und dass es eben nicht das physische Geschenk sein muss.

MAZ: Was ist sinnvoll, um sich bei einer Mutter zu bedanken?

Neubert: Ein schönes Geschenk für Mamas ist Wertschätzung. Ein ehrliches Wort, eine Umarmung oder ein selbstgemaltes Bild können mehr bedeuten als der größte Blumenstrauß und Pralinen.

Maushard: Ich habe am Weltfrauentag bei einem Treffen mit Alleinerziehenden über unbezahlte Care-Arbeit gesprochen. Viele waren unzufrieden mit den Zahlen, die öffentlich kursieren, weil sie ihre Realität nicht widerspiegeln. Der eigentliche Punkt ist: Care-Arbeit bleibt oft unsichtbar. Sie wird weder politisch ausreichend berücksichtigt noch im Alltag wirklich wahrgenommen - auch nicht von den Menschen, die davon profitieren, also Kindern oder Angehörigen. Deshalb sind Tage wie der Muttertag oder der 8. März wichtig - nicht als Pflichttermin für Blumen, sondern als Anlass, genau diese unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen. Nur so entsteht Bewusstsein.

Merz: Ich glaube, das ist der Kern des Ganzen: Sichtbarkeit schaffen. In der Arbeit mit jungen Menschen beinhaltet das beispielsweise die kritische Auseinandersetzung mit dem, was in meinem Alltag um mich herum passiert. Fragen zu stellen wie: „Wer macht die Wäsche? Wer denkt an Zahnarzttermine? Wer hat die Vorräte im Blick, geht einkaufen und kocht?“ Um dann im nächsten Schritt vielleicht ein Gedankenexperiment zu machen: „Was wäre, wenn diese Person mal freihätte …?“

Vural Konter: Ich finde, jede und jeder kann die Liebe und Wertschätzung gegenüber der eigenen Mutter so zeigen, wie es für die Person am besten passt. Wichtig ist jedoch, dass diese Wertschätzung nicht nur an besonderen Tagen gezeigt wird, sondern auch im Alltag und in der Gesellschaft spürbar ist. Ebenso wichtig ist das Verständnis dafür, dass Muttersein nicht bedeutet, dass eine Person alles alleine tragen muss.

MAZ: Mütter in Deutschland erhalten bis zum 45. Lebensjahr ungefähr 40 Prozent weniger Lohn als Frauen, die keine Kinder haben. Welche Folgen hat das für die Frauen?

Neubert, Maushard, Merz: Ein hohes Risiko für Altersarmut. Abhängigkeit und ungleiche Machtverhältnisse in Beziehungen. Mütter sind davon viel eher betroffen als kinderlose Frauen.

Vural Konter: Die Lebensqualität vieler Frauen sinkt, wenn sie dadurch weniger verdienen als andere. Das ist ein gesellschaftliches Dilemma. Einerseits sind Kinder für viele Menschen eine große Bereicherung, weil sich damit ein Herzenswunsch erfüllt. Andererseits kämpfen viele Mütter mit einem System, das es ihnen schwer macht, das Leben zu führen, das sie eigentlich verdienen. Fehlende Unterstützung, finanzielle Nachteile und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf führen oft dazu, dass Mütter zurückstecken müssen - obwohl sie täglich einen enorm wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Merz: Unsere Aufgabe in der Kinder- und Jugendarbeit besteht unter anderem darin, Mädchen und junge Frauen zu empowern, in ihre Träume und ihre Ausbildung zu investieren. Sie auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu begleiten. Dazu gehört auch, über gesellschaftliche (Geschlechter-)Normen aufzuklären und Klischees auszuräumen. Diese Präventionsarbeit ist wichtig, damit Mädchen und Frauen lernen, für sich, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen einzustehen. Damit sinkt auch das Risiko, dass diese in einer gewaltvollen oder missbräuchlichen Beziehung landen und sich Abhängigkeiten zuspitzen.

MAZ: In den Kitas, später im Schülerhort, herrscht allerorten Personalmangel.

Maushard: Die Betreuungszeiten müssen dadurch leider gekürzt werden, häufig auch, da das Personal - oft Frauen - nicht über den Nachmittag hinaus verfügbar ist, wenn sie Kinder haben. Es ist unter anderem für Alleinerziehende oft schwer, eine Alternative zu finden, wenn sie schon um 15 oder 15.30 Uhr mit der Arbeit aufhören. Obwohl die Versorgungsquote hier vor Ort gut ist, gibt es viele Berufe, in denen auch abends oder am späten Nachmittag gearbeitet werden muss. In diesen Fällen fehlt dann eine verlässliche Betreuungsmöglichkeit.

Merz: Personalmangel ist eine große Herausforderung für den gesamten Sozialen Bereich, nicht nur für die Betreuung. Das Thema ist ein politisches: Soziale Arbeit braucht Anerkennung und gerechte Entlohnung. Ansonsten wird beispielsweise der Mangel in der Betreuung zum Großteil auf die Mütter zurückfallen.

MAZ: Früher sind Oma und Opa eingesprungen, aber heute leben viele weit entfernt. Gibt es vielleicht doch einen Ersatz für die Großeltern, die jetzt fehlen?

Neubert: Ja, neue Formen von Gemeinschaft und Begegnung sind wichtig! Familienzentren können hier ein zentraler Anlaufpunkt sein - sie schaffen Räume für Austausch, gegenseitige Unterstützung und neue Kontakte. Ein Netzwerk kann entstehen, das im Alltag entlastet und stärkt.

So ist unser „Generationen-Wohnzimmer“ entstanden: Dieser offene Begegnungsort für Seniorinnen und Senioren und Familien wurde von zwei Müttern gegründet, die keine Großeltern hier in Malsch haben. Hier kann man unverbindlich ins Gespräch kommen und schauen, ob man sich sympathisch ist und vielleicht mehr entstehen lassen möchte.

Unser Treffpunkt für Alleinerziehende im Familienzentrum ist etwas Ähnliches. Auch hier wird sich nicht nur ausgetauscht, sondern auch ganz praktisch unterstützt, wenn jemand Hilfe braucht.

Maushard: Ich glaube, wir alle müssen wieder stärker als Gemeinschaft denken. Weniger alles an Institutionen abgeben, mehr gegenseitige Unterstützung im Alltag. Solidarität ist kein nettes Extra, sondern notwendig.

MAZ: Wenn Sie einer anderen Mutter eine Freude machen wollten: Was würden Sie anbieten oder tun?

Merz: Unterstützung im Alltag. Im Familienzentrum hat eine Mutter einer anderen die Wohnung aufgeräumt, weil diese es alleine nicht geschafft hat. So eine solidarische Geste, die klein anmutet und doch groß wirkt.

Neubert: Ich glaube, Zeit für sich selbst ist das, was Müttern oft fehlt. Ein paar Stunden für sich selbst, ohne Verpflichtung und ohne dass dabei etwas liegen bleibt.

Vural Konter: Ich würde auf jeden Fall nachfragen, was der Mutter guttut und dementsprechend reagieren.

Maushard: Ich würde gerne einen Tag anbieten, an dem diejenigen, die sonst die Hauptverantwortung tragen, entlastet werden. Egal, ob Mutter, Vater oder andere Bezugsperson - wer im Alltag die Hauptverantwortung trägt, bekommt Raum für sich.
Regional organisiert von allen, außer „Müttern“ gibt es Angebote für alle. An denen können auch die Kinder teilnehmen. Und die Mütter bzw. diejenigen mit Sorgeverantwortung entscheiden selbst, was ihnen guttut: ausruhen, Zeit für sich, oder einfach mal nichts organisieren müssen. Das wäre für mich ein zeitgemäßer Umgang mit Wertschätzung.

Die Fragen stellte Martina Frietsch.

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von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
08.05.2026
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