„Er denkt noch lange nicht an den Ruhestand.“ So hieß es in dem RNZ-Bericht über seine 45 Jahre als Haus- und Landarzt in Schefflenz im Jahr 2021. Nun hat er den Ruhestand erst gar nicht erreicht. Dieser Tage ist Dr. Werner Michel seinem schweren Leiden erlegen. Als guter Diagnostiker war ihm sicher schon länger bekannt, woran er litt. Er ließ sich jedoch nach außen hin nichts davon merken, und nach seinem Befinden befragt, lautete stets seine Antwort: „Mir gehts glänzend.“
Nächstes Jahr hätte er zunächst im Januar sein 50-jähriges Jubiläum in Schefflenz feiern können, dann im Mai seinen 80. Geburtstag. Nun fällt leider beides aus. Seine Patienten werden ihn vermissen. Er war eine Institution. Er kannte teilweise schon die Großeltern der heutigen Schefflenzer und betreute sie. Als Arzt von Berufung war seine Praxis in der Seewiesenstraße in Oberschefflenz eine zuverlässige Anlaufstelle für alle, die ärztlichen Rat und Hilfe brauchten. Gar manchem hat er das Leben gerettet. Und das nicht nur in Schefflenz selbst, er hielt lange auch Außensprechstunden in Auerbach, Rittersbach, Großeicholzheim und im Roedderheim Luise von Baden ab. Deren Bewohner stattete er fast täglich einen Besuch ab, auch wenn ihm am Schluss das Gehen und Atmen schon schwerfiel. Selbst aus einem Urlaub zurückkommend, war sein erster Gang dorthin.
Als er vor 50 Jahren nach Schefflenz kam, war ihm bewusst, was auf ihn zukam: Dienst rund um die Uhr, kaum eine Nacht zum Durchschlafen, Bereitschaft am Wochenende. Überall, wo er in der Öffentlichkeit greifbar war, wurde er in Gesundheitsfragen angesprochen: beim Joggen, beim Rasenmähen, überhaupt in der Freizeit. Nichts war ihm zu viel. Tag und Nacht war er Arzt, und das konnte er nur sein, weil seine Frau Bärbel ihm von Anfang an alles andere abnahm. Noch in seinen letzten Stunden war er auffallend in Gedanken in seiner Praxis und im Roedderheim.
Eine Weile war er auch Vorsitzender des Schefflenzer Reit- und Fahrvereins und teilte so die Leidenschaft seiner Frau. Mit ihr hat er drei Söhne, zwei Informatiker, einen Arzt. Alle promoviert. In der Läufergemeinschaft Schefflenztal hielt er sich fit, spezialisierte sich auf Langstrecken bis zum Marathonlauf. Einen absolvierte er sogar in Australien.
Dr. Werner Michel hinterlässt im Schefflenztal eine große Lücke. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass seine Praxis nicht verwaist bleibt. Eine Nachfolge zeichnet sich schon ab.