
Wie viel wird in Zeiten von sozialen Medien, Computerspielen und jederzeit verfügbaren TV-Angeboten gelesen? Haben Bücher noch eine Chance? Passend zum Welttag des Buches am Donnerstag, 23. April, hat sich die Redaktion mit diesen Fragen beschäftigt.
In Weingarten werden Bücher offensichtlich noch sehr geschätzt. Von der Konkurrenz durch digitale Medien merkt Bibliotheksleiterin Ursula Russel nichts. „Es wird noch viel auf Papier gelesen“, sagt sie. Stephanie Wöstmann, Inhaberin der Buchhandlung „Leseglück“ pflichtet ihr bei: „Weingarten liest noch.“ Erst vorigen Herbst hat sie ihre Buchhandlung in der Bahnhofstraße eröffnet – eine Herzensangelegenheit, denn ihr ist es sehr wichtig, dass der Buchhandel in ihrem Heimatort Weingarten vor Ort ist. Sie betont: „Wenn Kinder keine Buchhandlung mehr kennen, dann wird es schwierig.“
Am Welttag des Buches, am 23. April, haben die Weingartener Hortkinder die Chance, sich zwischen den Büchern im Leseglück zu tummeln. Dann werden sie nachmittags zusammen die Buchhandlung besuchen.
Überhaupt sind Veranstaltungen wichtig, um Leute zum Lesen zu bewegen und lesende Menschen zusammenzubringen. Stephanie Wöstmann veranstaltet einmal pro Monat den „Silent Book Club“. Alle bringen das Buch mit, das sie gerade lesen. Es wird eine halbe Stunde in Stille gelesen und dann darüber gesprochen. „Viele sind neugierig, was die anderen lesen“, ist Stephanie Wöstmanns Erfahrung. Zusammen mit den Landkulturschaffenden bietet sie in der Buchhandlung auch die Lesereihe „Geschichten am Samowar“ an, in der die Aktiven der DLKS ihre Werke vorstellen.
Ansonsten sind bei den Erwachsenen Krimis immer hoch im Kurs – Länderkrimis und Regionalkrimis vor allem. Bei den Kindern und Jugendlichen gehen die Geschmäcker auseinander. Mädchen lesen mehr als Jungs, sagt Stephanie Wöstmann. Und wenn die Jungs lesen, dann sehr gerne Comics, ist ihre Erfahrung. Stephanie Wöstmann freut sich darüber: Es gibt tolle Comics wie die Bestseller-Reihe „Lightfall“, die das Lesen einfacher machen.
Die gleiche Erfahrung hat auch Ursula Russel gemacht. Die meisten Mädchen tauchen gerne in Geschichten ein, sie lassen sich eher für ein Buch begeistern. Und auch in der Bibliothek gilt: Die Jungs streben eher zum Regal mit den Comics. Gregs Tagebuch zum Beispiel ist einer der Klassiker, der gerade die nächste Leser-Generation begeistert.
Die Weingartener Bibliothek hat ihren Schwerpunkt auf Medien für Familien gelegt. Es beginnt mit den Bilderbüchern für die ganz Kleinen über die Bücher für Kinder, die schon selbst lesen können, bis zu Jugendliteratur, CDs, Tonies und TipToi-Büchern. Der Raum ist gemütlich eingerichtet, lädt zum Sitzen und Schmökern ein.
Und auch die Bibliothek bietet ihren großen und kleinen Lesern zahlreiche Veranstaltungen an: Wenn das Bilderbuch-Kino für Kinder ab vier Jahren ansteht, dann werden die Bücherregale zur Seite gerollt und Sitzkissen auf dem Boden verteilt. Die Bilder des jeweiligen Buches werden auf eine Leinwand projiziert und Mitarbeiter der Bibliothek lesen die Geschichten vor. Es gibt saisonale Geschichten, wie die der Henne, die bunte Eier legt und Klassiker wie „Die kleine Hexe“. Und ganz hoch im Kurs sind gerade die Olchis. Bis zu 30 Kinder finden in der Bibliothek Platz – meist ist die Veranstaltung voll.
Kindern werden auch Märchen erzählt; für Erwachsene gab es schon ein Pub Quiz, Orimoto-Buchfalten und am 25. April geht es weiter mit dem Buchcafé.
Das Lesen an sich sei immens wichtig, betonen Ursula Russel und Stephanie Wöstmann. Ganz gleich, ob es Sachbücher sind, Comics, Romane; ob auf Papier oder digital. Die Bibliothek setzt hier wieder ganz auf die Jüngsten: Wenn die Kinder in der zweiten Klasse sind, bekommen sie eine Führung durch die Gemeindebibliothek. „Spätestens dann machen die meisten einen Ausweis“, sagt Ursula Russel.
Manchmal finden aber auch Erwachsene wieder den Weg zum Buch, erzählt Stephanie Wöstmann. Als sie ihre Buchhandlung eröffnete, freute sich ihr Nachbar darüber und kommentierte: „Toll, aber ich les net.“ Inzwischen zählt er zu ihren Stammkunden. Nun wünscht sie sich für ihre Buchhandlung und die Leserschaft, dass sie es irgendwann schafft, einen der großen Autoren zu überzeugen, eine Lesung in Weingarten zu machen. (fri)
