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Interview mit Experten vor Ort

Zur Fußball WM 2026: Nachgefragt beim FV-Stammtisch

Die Fußball-WM bringt wieder viele Experten auf den Plan. Die Redaktion erkundigte sich bei den Fachleuten vom Stammtisch der FVgg Weingarten.
Beim Stammtisch des FV steht natürlich der Fußball im Vordergrund - es darf aber auch über andere Themen gesprochen werden.Foto: Matthias Görner

Zur Fußball-Weltmeisterschaft gibt es in Deutschland wieder 80 Millionen Bundestrainer und viele Experten. Alle haben ihre Meinung. Auch die FVgg Weingarten veranstaltet regelmäßig einen Fußball-Stammtisch, der sich jetzt natürlich auch vor allem mit der WM auseinandersetzt. Doch der Reihe nach.

Der Stammtisch an sich hat hierzulande keinen besonders guten Ruf. Viele Zeitgenossen assoziieren mit den regelmäßigen informellen Treffen hohen Alkoholkonsum, verkürzte Argumentationsketten und möglicherweise auch heftigen Schlagabtausch. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall: Nicht immer steht die große Politik im Vordergrund, oft geht es in den miteinander vertrauten Runden sehr humorvoll zu, und die Bandbreite der Themen ist schier unendlich. Es geht um Menschen und ihre Schicksale, um Ortsgeschichte oder um das gemeinsame Hobby, und natürlich wird auch über das Weltgeschehen sinniert und es werden ganz praktische Erfahrungen ausgetauscht.

Stammtische in Weingarten

Stammtische gab es in Weingarten bis vor wenigen Jahren in großer Zahl, primär natürlich in den alten Gastwirtschaften, in der Kärcherhalle, im Graf, im Löwen, im Kaiser oder im Sallenbusch in der Goldenen Garbe, meistens am Sonntag Vormittag, gerne aber auch unter der Woche, und nicht immer erst zu abendlicher Stunde.

Diskutiert wurde beim Hundeverein und bei den Reitern, das Vereinsheim im „oberen Vogelpark“ öffnete jeden Mittwochnachmittag seine Tür für eine gesellige Runde, und nicht nur die Motorsportler, und die Angler, sondern auch die Fußballer halten ihre Traditionen aufrecht und treffen sich regelmäßig zum kultivierten Austausch.

Eine Expertenrunde

Natürlich wird bei der FVgg 1906 e.V. Weingarten in erster Linie über Fußball geredet, hier kommen langjährige Praxiserfahrung und Leidenschaft für den gemeinsamen Sport zusammen, so dass man eigentlich gar nicht von einem Stammtisch, sondern eher von einer Expertenrunde sprechen muss. So richtet der FV-Stammtisch derzeit seinen Blick nach vorne - in wenigen Tagen beginnt die Fußballweltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada - Grund für einen Besuch der Weingartener Woche im Vereinsheim des FV. Auf der sonnenbeschienenen Terrasse des Clubhauses trafen sich Albert Benz, Bernd Lang, Manfred Weinand, Karlheinz Segewitz, Peter Hartmann, Georgi Jerkovic, Helmar Stieb und der gerade wiedergewählte Vorsitzende Gerhard Fritscher zu einem angeregten Austausch.

NUSSBAUM.de: Seit wann trifft man sich hier in der Waldbrücke am Sonntagvormittag?

Gerhard Fritscher: Der Stammtisch des FV existiert nicht erst seit Fertigstellung des Clubhauses im Lärchenweg, sondern fand bereits regelmäßig im früheren Vereinsheim im Buchenweg statt. Er war nicht nur Gesprächsrunde, sondern auch ein Ort der vereinsinternen Kommunikation - hier wurde vom Vorstand Lothar Gröbel die wöchentliche Post geöffnet und unter den Funktionsträgern verteilt, es wurden organisatorische Fragen geklärt und mitunter auch eine Feinabstimmung für die am Nachmittag anstehenden Spiele durchgeführt.

Bernd Lang: Später in den achtziger Jahren trafen sich regelmäßig bis zu dreißig Fußballfreunde hier im Clubhaus, das ging natürlich über die Dimension eines Stammtischs klar hinaus, sondern war eher ein geselliges Treffen am Sonntagvormittag.

> Am 11. Juni beginnt ja die diesjährige Fußballweltmeisterschaft jenseits des Atlantiks. In diesem Zusammenhang erinnern sich viele von uns an das „Sommermärchen“ vor zwanzig Jahren. Kann sich etwas Derartiges wiederholen?

Bernd Lang: Bei der WM im Jahr 2006 kamen wohl einige ganz besondere Faktoren zusammen. Schon das Wetter meinte es besonders gut und lud förmlich zu den „public viewings“ ein, die nicht zuletzt durch die Weiterentwicklung der Veranstaltungstechnik möglich waren. Natürlich spielte es auch eine Rolle, dass die WM im eigenen Land stattfand. Da sprang ein Funke über. Fußball war auch plötzlich keine Männerdomäne mehr, sondern wurde zu einem Familien- und ganz besonders auch zu einem Frauenthema. Auch das zunehmende Interesse am Frauenfußball lässt sich an diesem Datum festmachen.

Fritscher: Hinzu kamen natürlich eine professionelle Organisation der Spiele sowie eine Merchandisingindustrie, die das Thema aufgriff und regelrecht als Katalysator wirkte.

> Und wie sah es in der damaligen Nationalmannschaft aus?

Manfred Weinand: Es war damals ein sehr homogenes Team. Generell konnten wir über die Jahre häufig beobachten, dass besonders die deutsche Mannschaft im Laufe eines Turniers zusammenfindet und dadurch ein zusätzliches Potenzial entfalten kann.

> Beim Weinbau gibt es die ewige Streitfrage: Entsteht ein gutes Resultat im Weinberg oder im Keller? Wie sieht es im Fußball aus - ist es der Trainer, oder sind es die Spieler?

Weinand: Fußball ist ganz klar in erster Linie ein Mannschaftssport, bei dem Selbstdarsteller fehl am Platz sind. Natürlich können auch Ausnahmetalente wie ein Pelé oder ein Maradona ein Team förmlich mitreißen und motivieren. Es hat alles seine zwei Seiten. Was die Trainerfrage angeht, so beobachtet man eine zunehmende Spezialisierung. Dem Cheftrainer kommt mehr und mehr auch eine Managerfunktion zu, hinzu kommt eine ganze Riege von spezialisierten Trainern für einzelne Mannschaftsteile und Aufgaben.

> Werden Spiele gegnerischer Mannschaften auch schon mit Hilfe von künstlicher Intelligenz analysiert?

Helmar Stieb: Das können wir uns sehr gut vorstellen.

> Erstmals treten bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika und Mexiko 48 Mannschaften gegeneinander an. Welche Besonderheiten ergeben sich dadurch?

Fritscher: Es wird sicher keine leichte Aufgabe sein, einen ganzen Kader hoffentlich über sechs Wochen bei Laune zu halten. Vom ersten Anpfiff am 11. Juni bis zum Endspiel am 19.Juli ist es eine lange Zeit. Hinzu kommen die klimatischen Besonderheiten. Wer die Luftfeuchtigkeit und die Temperaturen besonders in den Südstaaten kennt, der weiß, was den Spielern bevorsteht.

Lang: Deshalb hat man ja auch die zwei zusätzlichen fünfminütigen Trinkpausen in der Mitte der beiden Halbzeiten eingeführt. Das war vielleicht auch, um zusätzliche Werbeeinnahmen generieren zu können.

> Eine Weltmeisterschaft liefert sicher auch Eurem Verein neue Impulse. Könnt Ihr nach einem solchen Turnier einen Anstieg der Mitgliederzahl registrieren?

Lang: Generell haben wir im FV kein Nachwuchsproblem, da sich Fußball zunehmend zu einem Familiensport entwickelt. Wir hatten kürzlich eine Kindergarten-WM, da waren acht Gruppen mit dabei. Es war eine wirkliche Freude, den Kindern zuzuschauen. Unschön ist es jedoch für uns, wenn eigene leistungsstarke Jugendspieler heimlich von konkurrierenden Vereinen abgeworben werden. Eigentlich eine verbotene Praxis, aber es ist leider immer wieder zu beobachten.

Fritscher: Hinzu kommt, dass Fußball im Vergleich zu vielen anderen Sportarten nach wie vor sehr kostengünstig ist.

Segewitz: Als ich anfing zu spielen reichte das Geld nicht einmal für ein ordentliches Paar Kickschuhe.

Stieb: Man muss auch sehen, wie sich die Infrastruktur über die Jahre weiterentwickelt hat. Früher wurden Spiele mit hohem Verletzungsrisiko auf holprigen Wiesenflächen ausgetragen, Umkleidekabinen waren oftmals nicht vorhanden, von Duschen konnte man nur träumen…

> Und gibt es körperliche Voraussetzungen für diesen Ballsport?

Segewitz: Natürlich sind klassischerweise die etwas robusten Spieler in der Abwehr und die eher wendigen im Mittelfeld platziert, doch auch dabei sind die Grenzen fließend.

> Werfen wir zum Abschluss noch einen vorsichtigen Blick in die Zukunft. Welche Mannschaften sind Eure Favoriten in dieser WM?

Lang: Da das Turnier sehr breit angelegt ist, sind Überraschungen geradezu vorprogrammiert. Natürlich sind bei den Favoriten die klassischen Fußballnationen Spanien, England, Frankreich, aber auch die Südamerikaner ganz vorne mit dabei.

> Deutschland habt Ihr nicht erwähnt?

Stieb: Ich persönlich nehme wahr, dass die Mannschaft nicht so gut wie viele Wettbewerber zueinander gefunden hat. Das kann sich natürlich noch ändern, wie bereits erwähnt ist im Verlauf eines Turniers eine enorme Steigerung möglich. Im Fußball ist - genau wie im ganzen Leben - vieles eine Frage der Moral und des Siegenwollens.

> Was kann ich also als Fazit für das Finale am 19. Juli festhalten?

Fritscher: Dass das Runde ins Eckige muss, das Spiel mindestens neunzig Minuten dauert, und dass das nächste Spiel immer das schwerste sein wird….

Das Gespräch am Stammtisch des FV führte unser freier Mitarbeiter Matthias Görner.

Seit 120 Jahren rollt der Ball bei der Weingartener Fußballvereinigung.Foto: Matthias Görner
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exklusiv online
von Redaktion NUSSBAUMRedaktion NUSSBAUM
28.05.2026
Orte
Weingarten (Baden)
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