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Neues Forschungsprojekt des Stadtarchivs

Zwangsarbeiterlager in Böblingen zwischen 1939 und 1945

Vielen in der Stadt ist bewusst, dass das Thema „Nationalsozialismus in Böblingen“ dringend eine Aufarbeitung braucht. Das Stadtarchiv geht dies an.
Nationalsozialismus in Böblingen
Hoffentlich nie wieder: im Frühjahr 1938 rollen Panzer über den Böblinger Postplatz. Sie sind Teil einer groß angelegten Parade zur Einweihung der nationalsozialistischen Panzerkasernen.Foto: Stadtarchiv Böblingen

Ein neues stadtgeschichtliches Forschungsprojekt fand im Gemeinderat große Unterstützung. Zwei freischaffende Historiker*innen bearbeiten nun in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Böblingen das gewiss unbequeme, aber umso wichtigere Thema „Zwangsarbeiterlager in Böblingen im Nationalsozialismus“. Oberbürgermeister Dr. Stefan Belz betont: „Die Zwangsarbeit in Böblingen während der NS-Zeit ist ein bisher unerforschtes Kapitel unserer Stadtgeschichte. Die Gräueltaten, die damals geschahen, dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Die Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit ist zentral für unsere Gegenwart und Zukunft. Indem wir uns erinnern, übernehmen wir Verantwortung und stärken die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft.“

Sven Reisch, Leiter des Amts für Kultur: „Wir haben die Arbeit am Thema Erinnerungskultur in den letzten Jahren bewusst auf die Agenda gesetzt. Dieses Projekt verstehen wir als Auftakt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus hier vor Ort.“ Um das Projekt für alle Interessierten transparent zu gestalten und Beteiligung zu ermöglichen, wird das Stadtarchiv es über mehrere Einblicke in die Stadtgeschichte begleiten. Diese ersten Einblicke stehen also noch relativ am Anfang: Das Forschungsteam „Fachwerk“ soll hier selbst zu Wort kommen und stellt sich und sein Projekt zu einer dunklen Zeit der deutschen Geschichte vor.

Vorstellung des Projekts durch das Forschungsteam „Fachwerk“

„Im letzten Sommer suchte die Stadtverwaltung Böblingen eine Historikerin/einen Historiker, deren Aufgabe es sein sollte, die bislang wenig beleuchtete „Geschichte Böblingens im Nationalsozialismus“ zu untersuchen. Die Autoren dieses Beitrags, zwei ausgebildete Historiker, haben den Zuschlag hierfür erhalten. Mit der Zeit des Nationalsozialismus haben wir uns u.a. in Zusammenhang mit dem sogenannten Unternehmen „Wüste“, dem frühen Konzentrationslager Heuberg am kalten Markt und mit dem Thema „Zwangsarbeit“ beschäftigt.

Der Nationalsozialismus gleicht einem weißen Fleck innerhalb der Geschichte Böblingens. Es gibt bislang kaum Informationen, die sich auf Quellenmaterial aus den Archiven stützen. Deshalb war es notwendig, sowohl inhaltlich wie auch zeitlich Grenzen zu ziehen. Zu diesem Zweck fanden im Vorfeld der eigentlichen Recherche Gespräche mit dem Leiter des Kulturamtes, Sven Reisch und Stadtarchivarin Tabea Scheible statt. Ein Thema wäre gewesen, wie sich der Nationalsozialismus in Böblingen etabliert hat. Wir überlegten, dass ein visualisierbares Thema für einen ersten Aufschlag geeigneter wäre. Die Entscheidung fiel auf die Erforschung der ‚Zwangsarbeiterlager in Böblingen zwischen 1939 und 1945‘, so lautet der Arbeitstitel des Projektes, das wir im November 2024 im Rahmen einer Sitzung der AG Kultur vorstellten.

Derzeit sind wird dabei, das Quellenmaterial zu heben, das zur Bearbeitung dieses Thema zur Verfügung steht. Unsere Suche beschränkt sich dabei nicht allein auf das städtische Archiv - wenngleich dort fraglos mit den meisten Fundstellen sowohl in den Akten - wie auch in den Bildbeständen zu rechnen ist. Eine erste Durchsicht der Akten hat uns diese Vermutung bestätigt. Nach Durchsicht der Findbücher im Stadtarchiv scheinen sich viele Quellen im Bestand A15 – Bürgermeisteramt I (ca.1943 bis 1965) zu befinden. In anderen öffentlichen Archiven, zum Beispiel dem örtlichen Kreisarchiv oder dem Staatsarchiv in Ludwigsburg, dürfte sich ebenso Material finden lassen. Im Kreisarchiv könnten sich Akten der amerikanischen Militäradministration nach 1945 mit Listen von Zwangsarbeitern und deren Unterbringung befinden. In Ludwigsburg werden Unterlagen zu den Entnazifizierungsverfahren aufbewahrt, in denen sich oftmals wichtige Hinweise befinden.

Wir sind uns aber bereits jetzt darüber bewusst, dass selbst ein anschauliches, definiertes Thema wie das der Lager, in welchen Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges untergebracht waren, weiter eingeschränkt werden muss. Insbesondere muss die Frage, was man unter einem Zwangsarbeiterlager vorzustellen und wie ein solches ‚Lager‘ ausgesehen hat, erst einmal näher beschrieben werden. Damit in Verbindung steht der Begriff des Zwangsarbeiters. Auch hier gilt es zu differenzieren. Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende dieses Jahres und soll mit der Vorlage einer Forschungsarbeit abgeschlossen werden. Es ist zudem geplant, im Laufe des Jahres an dieser Stelle Einblicke in den Sachstand zu geben.

Anspruch: sauber recherchiert und gut verständlich

Stadtarchivarin Tabea Scheible: „Unser Anspruch an das Forscher*innen-Team von Fachwerk ist, dass eine sauber recherchierte und gut verständliche Arbeit entsteht. Da erfahrungsgemäß nicht für alle Böblinger Arbeitslager, die während des Nationalsozialismus existierten, tiefergehendes Quellenmaterial aufzufinden sein wird, muss hier mit Schwerpunkten gearbeitet werden. Wir wenden uns daher auch an die Stadtbevölkerung mit der Bitte: Wenn Sie selbst über private Dokumente und Quellenmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus verfügen, freuen wir uns sehr, wenn Sie mit uns in Kontakt treten: per E-Mail an stadtarchiv@boeblingen.de oder telefonisch unter (07031) 669 1688 (Stadtarchiv Böblingen).“

Erscheinung
exklusiv online
von Redaktion NUSSBAUM
04.03.2025
Dieser Inhalt wurde von Nussbaum Medien weder erfasst noch geprüft. Bei Beschwerden oder Anmerkungen wenden Sie sich bitte an den zuvor genannten Erfasser.
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