
Gaby Strittmatter-Seitz
für das Aktionsbündnis für Demokratie und Menschenrechte
Die Türkei als Heimat der Herzen, aber leben in Deutschland. Was macht das mit einem?
Interviewreihe ‚Zwischen den Kulturen’ mit türkischstämmigen Ebersbachern, heute:
Recep Senol, Osteopath
Ich treffe mich mit ihm in seiner Praxis, er bietet mir Tee an und grinst. ‚Ich bin gespannt, was hierbei heraus kommt.‘ Ich auch. Was denken wir wirklich über einander? Spannende Frage.
Herr Senol, bitte erzählen Sie uns von Ihrer Familie, Ihren Wurzeln. Wer kam warum nach Deutschland?
Meine Großeltern emigrierten 1968 mit ihren fünf Kindern nach Deutschland, kehrten aber nach vier Jahren wieder zurück, weil es auch hier schwierig wurde, Arbeit zu finden.
Waren sie nicht aufgrund eines Jobangebots gekommen?
Nein. Sie stammen aus Kappadokien, einer Provinz, die zwar sehr schön ist, aber zu der Zeit wenig Möglichkeiten bot. Auch in den Großstädten sah es damals nicht viel besser aus, die Leute waren arm und fanden außer in der Landwirtschaft keine Beschäftigung. Meine Großeltern hörten von dem Bedarf an Arbeitskräften hier in Deutschland und machten sich mit wenig mehr als Hoffnung im Gepäck auf den Weg.
Es war die Zeit der großen Gastarbeiteranwerbung. Trotzdem war es schwierig?
Ja, denn nicht jeder bekam automatisch einen Job oder gar eine Wohnung. Meine Mutter bspw. war ausgebildete Schneiderin, trotzdem suchte sie sehr lange. Ungeachtet der Schwierigkeiten waren meine Eltern entschlossen, sich hier etwas aufzubauen und blieben. Ich, damals zwei Jahre alt, kehrte mit meinen Großeltern und Cousins zurück und wuchs bei ihnen in der Türkei auf. Vielen aus meiner Generation erging es so, sie kamen erst wieder nach Deutschland, nachdem ihre Eltern eine geordnete Routine in ihr Leben gebracht hatten. Wohnung, Arbeit, eine Existenz. Ich kam 1977 wieder hierher und blieb für die nächsten sieben Jahre. Zu diesem Zeitpunkt wollten meine Eltern ein Geschäft in der Türkei aufbauen, sie hatten ja beide gearbeitet und ein bisschen Geld gespart. Leider klappte das nicht, so dass mein Vater zusammen mit mir sehr bald wieder zurückkam. Drei Jahre lang waren wir nur zu zweit, dann folgte meine Mutter nach und seitdem leben wir hier. Ich bin die dritte und meine Kinder die vierte Generation.
Hatte die erste Generation von Anfang an vor, hier zu bleiben?
Nein. Wie das Wort schon sagt: Sie waren Gastarbeiter. Damals waren die Verhältnisse in der Türkei sehr schwierig, die Leute fanden keine Arbeit, hatten teilweise auch keine Ausbildung, sie mussten quasi hinaus, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Plan war, ein paar Jahre hier zu arbeiten, um sich später ein Stück Land, einen Traktor kaufen zu können oder ein Geschäft zu eröffnen, das sie ernährte. Doch dann kam ein Kind, man wollte warten, bis es die Schule fertig hatte, währenddessen kam das zweite, dann wollte man dessen Ausbildung abwarten, das erste heiratete, die Enkel kamen. Tja. Und dann…
…war es zu spät.
Nicht nur das. In der Zwischenzeit verstarb die ältere Generation in der Heimat, die Jüngeren zogen woanders hin, studierten, verteilten sich über die ganze Türkei. In der Provinz konnte man vielleicht noch ein paar Onkel besuchen, aber das war’s auch schon. Du hast das Bedürfnis, alle paar Jahre zurückzukehren, deine verbliebene Familie und deine Kindheit zu besuchen, du gehst in die Stadt, die sich sehr verändert hat, du hast deine Erinnerungen, aber langsam wird dir alles fremd, weil du niemanden kennst. Trotzdem besteht in deinem Herzen immer die Verbindung zu deiner alten Heimat.
Wie definiert man Heimat?
Man sagt ja, man fühlt sich dort wohl, wo man Gleichgesinnte findet, wo das soziale Umfeld stimmt. Ich kann nur für mich sprechen, weil ich der letzte meiner Geschwister bin, der in der Türkei geboren wurde, auch meine Kinder sehen das vermutlich wieder ganz anders. Aber wenn ich in die Türkei fahre, bin ich inmitten von Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, die meinen Glauben haben, meine Kultur, ich bin ein Teil des Ganzen, bin zuhause. Ich lebe sehr gerne hier in Deutschland, inzwischen schon 47 Jahre, aber freue mich immer auf einen Besuch.
Damit beantworten Sie schon meine Frage nach Ihrer gefühlten Identität, Ihrer Sicht von innen.
Unbedingt. Ich bin Türke.
Und von außen? Wie nimmt man Sie wahr?
In der Türkei bezeichnet man uns als Deutschländer, das offenbart sich schon in der Sprache, man redet anders als die Einheimischen, man wird als nicht richtig türkisch wahrgenommen. Leider verfügen dort nicht alle über die deutsche ehrliche kaufmännische Seele, wo Preise für alle gelten, man wird als Tourist behandelt, auch weil in den sozialen Medien ein wenig Neid grassiert und behauptet wird, wir hätten alle viel Geld. Natürlich bist du dort im Urlaub, leistet dir mehr als gewöhnlich, aber die Leute glauben, uns flögen in Deutschland die gebratenen Tauben in den Mund und Geld ausgeben sei unser Hobby. Klar, wenn ich hundert Euro wechsle, bekomme ich 4.500 Lira, das ist für dortige Verhältnisse eine Menge Geld, aber dass ich hier dafür auch genauso hart arbeiten muss wie sie für ihr Einkommen, ist nicht allen klar.
Fühlen Sie sich in Ebersbach angekommen?
Ja, seit ich 1998 nach Ebersbach gezogen bin, weil ich nach meiner Ausbildung zum Physiotherapeuten in einer Praxis angefangen habe, lebte ich bis vor kurzem dort und fühlte mich sehr wohl. Das kam natürlich auch daher, dass ich durch meine Arbeit sehr schnell viele Leute kennengelernt habe, sie auch mich. Von daher habe ich mich von Anfang an überhaupt nicht fremd gefühlt. Außerdem hat sich die Stadt sehr gemacht. Damals war das Stadtbild noch… (er lacht verlegen) sagen wir, nicht so schön, überall roch es nach Essig, aber heute hat sich das mit der Verlegung der B10, den vielen neuen Fassaden und dem Kauffmann-Areal doch sehr ins Positive gewandelt. Als mein Schwiegervater, der aus Lübeck kommt, uns das erste Mal besuchte, war er entsetzt. Hier sieht’s ja schlimmer aus als im Osten! Aber inzwischen hat sich das wirklich sehr verbessert. Außerdem ist die Lage sehr schön, man ist umgeben von Wiesen und Wäldern, die Verkehrsanbindung ist hervorragend.
Gibt’s auch einen negativen Aspekt?
Ja! Es liegt im Tal! Überall muss man zuerst einen Berg hinauf, ob du ein Fahrrad mitnimmst, überlegst du dir dreimal. (Wir lachen).
Gibt es tatsächlich eine Parallelgesellschaft?
Ich kann nur für mich sprechen. Durch meine Fortbildung zum Osteopathen hatte ich wenig Zeit, mich mit Freunden und Bekannten, ob deutsch oder türkisch, zu treffen. Seit ich mich 2006 selbständig gemacht habe, habe ich 12-14 Stunden gearbeitet, auch am Wochenende, und bin von daher nicht so mit der Entwicklung vertraut. Aber sagen wir mal so: Die Türken hatten eigentlich nicht vor, lange zu bleiben und die deutsche Seite war eher distanziert. Es war ja alles neu. Bis dahin waren viele Italiener da, Griechen, Spanier etc., die waren kulturell einfach näher, hatten denselben Glauben, sahen auch nicht so fremd aus. Die Leute grüßten sich vielleicht, aber wer lud die Türken an seinen Tisch?
(Nachdenklich starrt er eine Zeitlang vor sich hin.)
Man hat damals auch Ablehnung erfahren, so wie ich als Kind von den Eltern meiner Freunde. Als Erwachsener gehst du anders damit um, aber als Kind macht das was mit dir. Es verletzt dich und du distanzierst dich. Das führt dazu, dass dann doch jede Seite mehr für sich bleibt.
(Es ist offensichtlich, dass er versucht, vorsichtig zu formulieren und ich denke mir, wie heilsam für alle Seiten die Entschlossenheit, schlechte Erfahrungen zu überwinden, doch sein kann.)
Aber ich habe auch schöne Erfahrungen gemacht. Unsere Vermieterin in Donzdorf hat alle Kinder im und vor dem Haus zu Ostern oder Weihnachten immer mit hübsch verzierten Süßigkeitenpäckle beschenkt. Das war eine herzensgute ältere Dame. Oder ein Lehrer, der mir mehr beigebracht hat als alle anderen zusammen. Oder ein deutscher Freund, dessen Familie eine Autovermietung besaß, der mir, zwar mit Führerschein, aber ohne Geld, weil ich noch zur Schule ging, am Wochenende oft unentgeltlich ein nagelneues Auto überlassen hat. Such dir eins aus! Vielleicht hört oder liest er das hier: Herrmann, auch heute noch sage ich danke!
Oder auch der Direktor der Schule: Nachdem ich 1984 zurückgekehrt war, sollte ich wieder abgeschoben werden, obwohl mein Vater eine Aufenthaltserlaubnis hatte.
(Anmerkung: 1973 erfolgte ein Anwerbestopp und der Familiennachzug wurde in den Achtzigern als Hauptursache für den Anstieg der ausländischen Bevölkerung angesehen und entsprechend restriktiv behandelt.)
Der Direktor war Mitglied im Landtag und mit einem einzigen Anruf, keine Ahnung wohin, gelang es ihm, mich hier zu behalten. Ein Grund war sicher auch, dass ich, nachdem ich Deutsch gelernt hatte, ein sehr guter Schüler war.
Wurden Sie jemals diskriminiert?
Eigentlich nicht, das liegt aber vielleicht auch daran, dass mein äußeres Erscheinungsbild so gar nicht dem Stereotyp entspricht. In den letzten 20 Jahren hatte ich überhaupt keine Probleme. Früher war es allerdings schon so, dass sich nach einem freundlich verlaufenden Gespräch mit potentiellen Vermietern nach der Frage: „Wie war Ihr Name nochmal?“ der Ton plötzlich änderte und die Wohnung doch schon weg war. Stern TV hat das vor einigen Jahren in einem Experiment nachgewiesen: Gleicher Uniabschluss, gleiche Befähigungen – Menschen mit türkisch klingenden Namen bekamen 70 % weniger Angebote. Frauen mit Kopftuch hatten noch weniger Chancen. Ich denke, dass es diese versteckte Diskriminierung immer noch gibt und das ist es, das dich innerlich verletzt. Da sind die Leute seit sechzig Jahren da, haben gearbeitet, gekauft, wurden Arbeitgeber im großen Stil, haben in vielerlei Hinsicht geholfen, Deutschland groß zu machen und erwarten schon auch, endlich in der Gesellschaft angenommen zu werden. Und wenn man dann sowas mitbekommt, dann tut das weh. Nach so langer Zeit immer noch diese Ablehnung zu spüren, ist echt traurig. Liegt das nun an der Kultur oder am Glauben? Ich weiß es nicht.
(Wir diskutieren eine Weile über das Kopftuch. Er hat drei Töchter, keine trägt eins, sie haben aber kein Problem damit, wenn andere es tun. Überhaupt, meint er, seien es eher die Deutschen, die das kritisch sehen. In der Türkei gingen kopftuchtragende Mütter neben freizügig gekleideten Töchtern her und keiner nehme Anstoß daran. Ich bezweifle im Stillen, dass das für das ganze Land gilt, möchte diesem Thema aber lieber ein gesondertes Interview widmen.)
Sprechen wir über Erdogan?
Schwieriges Thema. Jeder hat seine Meinung dazu. Generell muss man die Lage der Türkei berücksichtigen, umgeben von lauter Brennpunkten. Bis vor zehn Jahren gab es ständig Anschläge durch Terroristen, Tatsache ist, dass sich das durch seine Politik geändert hat.
Warum wählen ihn die Leute, die hier leben? In dem Zusammenhang: Welchen Sinn macht generell eine doppelte Staatsbürgerschaft? Kann ich mich gleichermaßen für zwei, auch noch relativ unterschiedliche Gesellschaften engagieren?
Nicht jeder wählt ihn. Ich habe auch noch nie jemanden kennengelernt, der wegen seiner Nichtwahl Probleme bekommen hätte, da steckt meines Erachtens auch viel Propaganda dahinter. Ich selbst habe nur die deutsche Staatsbürgerschaft, besitze aber einen blauen Ausweis, der mir erlaubt, in der Türkei zu erben, zu kaufen oder verkaufen, nur wählen oder gewählt werden darf ich damit nicht. Ich denke schon, dass man sich in beiden Gesellschaften einbringen kann, denn man verliert ja seine Identität nicht und will sie durch die Familie, die dort noch lebt, auch gar nicht abgeben. Außerdem wurden wir recht patriotisch erzogen, die Bindung an unsere Gesellschaft war schon immer stark, das wird dir von Kindesbeinen an beigebracht. In der Türkei siehst du an jedem Feiertag aus jedem Haus die Flagge wehen. Auch wenn man um die Hand einer Frau anhält, ist sie immer dabei. Das ist etwas, das mich hier irritiert; man könnte meinen, die Deutschen schämten sich für ihr Land.
Das liegt an unserer Geschichte.
Das hat man den Leuten aber auch anerzogen. Wenn früher jemand die deutsche Fahne im Garten aufgestellt hat, dann war das gleich ein Nazi. Irgendwann muss man das zurücklassen. Wir können nichts für die Fehler unserer Großväter.
Aber man darf sie auch nicht vergessen. Fühlen Sie sich durch ausländerfeindliche Parolen verunsichert? Überhaupt betroffen?
Im Prinzip nicht, aber aus Gründen, die ich vorhin geschildert habe, ist man sensibilisiert, fühlt sich zurückgesetzt und verletzt. Es sind alles Menschen, die dasselbe durchgemacht haben wie ich, die ihr Land verlassen, teilweise aus noch viel schlimmeren Situationen fliehen mussten und sich einfach eine Verbesserung für ihr Leben erhoffen. Zu hören, wie sie beschimpft werden, ist traurig.
Warum engagieren sich muslimische Verbände nicht viel mehr in der Flüchtlingsszene, kümmern sich vor allem um die jungen Männer, z. B. um Gewalt zu verhindern, die durch Frust und Tatenlosigkeit entsteht? Um gegen Islamophobie vorzugehen?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich gehe freitags in die Moschee, kann mich aber schon allein aus beruflichen Gründen nicht weiter engagieren. Es ist übrigens sehr schön, dass man das heute in einer adäquaten Umgebung tun kann, früher musste man zum Beten in irgendeine Abstellkammer gehen, das ist jetzt viel angenehmer. Die Predigten werden aufgrund der vielen Besucher anderer Nationalitäten, Pakistaner, Syrer, Afghanen etc. seit Jahren auch in deutsch geführt. Zur Islamophobie: Seit dem elften September hat sich die Rhetorik verändert, man spricht nicht von Terroristen, von fehlgeleiteten Menschen, die die Religion für ihre Ziele missbrauchen, sondern von Islamisten, brachte also schon im Wort den Terror und die Religion zusammen. Seitdem hat sich die öffentliche Wahrnehmung darauf eingeschossen und der Islam an sich wird verteufelt. Wenn in Schweden oder sonstwo ein Attentat verübt wird, bringt man das ja auch nicht mit dem Christentum in Zusammenhang. Tatsache ist, dass die Menschen, die den Islam für ihre Zwecke instrumentalisieren, schlecht sind, nicht die Religion.
Ist in unserem laizistischen Staat also doch die Religion das trennende Argument? Obwohl Privatsache, wird sie zum Politikum. Was kann man denn nun tun, um die Kulturen einander näherzubringen?
In den Cook Barracks gab es regelmäßige Freundschaftstage, die könnte man zum Vorbild nehmen. Man muss zusammen kommen, miteinander essen, miteinander reden, vielleicht Vorträge organisieren, Einblicke schaffen. Bei solchen Gelegenheiten halten sich die Deutschen eher zurück, die Scheu ist immer noch da. Aber nur dadurch werden Barrieren abgebaut, man muss sich einfach besser kennenlernen.
Ist das überhaupt gewollt? Warum sprechen manche trotz jahrzehntelangen Aufenthalts immer noch kein Deutsch?
Es kommt darauf an, wie viel Kontakt man nach außen hatte. Oft haben sich die Frauen um Kinder und Haushalt gekümmert, kamen im Gegensatz zu ihren Männern mit Leuten außerhalb ihres Dunstkreises wenig in Berührung. Daraus entwickelte sich auch eine gewisse Scham, die sie davon abhielt, Kontakt zu suchen. So blieb man eben innerhalb der Gruppe, zu der man gehörte.
Daher meine Frage….
Ich glaube schon, dass der Kontakt gewollt ist. Sprache ist selbstverständlich das A und O, aber das Problem stirbt mit der älteren Generation langsam aus. Ich kenne niemanden, der kein sehr gutes Deutsch spricht. Wir haben übrigens im elterlichen Zuhause nie Deutsch gesprochen, das ging gar nicht. Ich fungierte überall als Übersetzer, bei Ärzten, Behörden etc. Heute ist es KI, damals war ich es, der Bioübersetzer (er grinst).
War es eine gute Idee, nach Deutschland zu kommen?
Da ich 99,5 Prozent meines Lebens hier verbracht und sehr gut verbracht habe, eindeutig ja.
Wie würde Ihre Mutter die Frage beantworten?
Deren Generation träumte davon, in der Rente in der Heimat ein Haus zu bauen und dahin zurückzukehren. Auch meine Eltern haben dies geplant; leider war ihnen diese Zeit nicht vergönnt, weil mein Vater bereits im Jahr der Rückkehr krank wurde. Es war sein letzter Wunsch gewesen, in der Heimat zu sterben. Meine Mutter wollte nicht alleine in der Türkei bleiben, obwohl ihr Bruder noch dort lebt. Aber hier hat sie ihre Kinder, ihre Enkel, ihr gewohntes Umfeld.
Damals gab es keine Alternative, sie mussten ihren Lebensunterhalt irgendwie verdienen. Sie suchten Arbeit und Deutschland Arbeiter. Eine Win-win-Situation. Natürlich mit Abstrichen, aber doch, insgesamt würde sie die Frage sicher auch mit ‚Ja‘ beantworten.
Sehen Sie sich in erster Linie als (Ex-)Ebersbacher Bürger oder als Türke, der seiner Kultur verpflichtet ist? Wie wichtig ist Ihnen der Erhalt Ihrer Traditionen, Ihrer Sprache, auch im Hinblick auf Ihre Kinder?
Wenn Sie mal schauen, wie sich die Deutschen in den USA benehmen, mit Oktoberfest und Trachten und Weißwurst etc., dann sehen Sie, wie wichtig den Menschen ihre Traditionen für den Erhalt der eigenen Identität sind. Die Wurzeln sind da, die Erziehung tut ein Übriges, man ist, wer man ist, auch wenn Neues dazu kommt. Deshalb sind manche meiner Landsleute hier sogar noch viel mehr erpicht auf bestimmte Feste oder Rituale als die Türken zuhause.
Also ist ‚verpflichtet‘ das falsche Wort? Ist es einfach normal, um sich nicht aufzulösen?
Absolut.
Ein Schlusswort: Was wollten Sie den Deutschen schon immer sagen?
Wir haben hier alles. In den letzten vierzig Jahren ging es immer nur nach oben, gut, in letzter Zeit etwas weniger, aber immer wird nur gejammert und gemeckert. Vielleicht liegt es auch am Wetter (er grinst). Man hat trotzdem viel geschaffen, Errungenschaften für die Welt erfunden, man ist kein Nazi, nur weil man darauf stolz ist. Insgesamt wäre es schön, wenn man mehr auf die Leute, die einem fremd erscheinen, zugehen und es ihnen ein bisschen leichter machen würde.
Was das betrifft, muss ich feststellen, dass es speziell bei den Schwaben sehr lange dauert, bis sie mit einem warm werden, aber wenn es mal so weit ist, dann für immer.
Ein Kompliment zum Schluss?
Ja. Doch. Unbedingt. (Er lacht).
Herr Senol, haben Sie herzlichen Dank für das offene und sehr informative Gespräch.