
37 Dramen hat William Shakespeare geschrieben – sieben Schülerinnen und Schüler packen sie in einen Abend. Am 13. und 14. Februar zeigte das Wahlfach Literatur und Theater der Jahrgangsstufe 2 unter der Leitung von Wibke Moog das turbulente Stück von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield in der deutschen Übersetzung von Dorothea Renckhoff.
Natürlich muss der Versuch, das Gesamtwerk des Großmeisters – Romeo und Julia, Othello, King Lear, diverse andere Könige und natürlich der schädelansprechende Hamlet - in eineinhalb Stunden auf die Bühne zu bringen, scheitern. Das Ausdiskutieren dieses Versuchs, das Kürzen, Mixen, Mogeln, in seine Einzelteile Zerlegen und neu Montieren war jedoch in höchstem Maße amüsant für die zahlreich erschienenen Zuschauer, ganz im Sinne Shakespeares: „Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode.“ Vorab sei bereits erwähnt, dass das Stück den jungen Schauspielerinnen und Schauspielern eine Bandbreite von Möglichkeiten des Darstellens auf der Bühne ermöglichte – aber auch einforderte: Scheinbar mühelos und sehr souverän wechselten die Sieben zwischen der Metaebene mit Diskussionen oder kurzweiligen Zusammenfassungen in quasi eigener natürlicher Sprache, literaturwissenschaftlichen Ausführungen und „echtem“ Schauspiel mit „echtem“ Shakespeare-Deutsch. Daneben aber noch mehr: Da wurden die Historien um die Könige von Lear bis Henry V launig als Fußballspiel mit Kampf um die Krone kommentiert – inklusive echtem Stadiongefühl durch das Voiceover; bei Othello hieß es „Drop the Beat“ und die Bühne wurde zur Rap-Stage: „Ein Taschentuch fällt, Drama Level 10“, das Publikum wippte synchron mit. Macbeth, der „schoddische Kuddelkopf“, wurde zum Mundart-Kasperletheater – unglaublich, wie schnell und pointiert Schwäbisch gesprochen werden kann und wie gerecht es der altehrwürdigen Tragödie wird: „Scheiß ouf den Seggl!“ Apropos Tempo: Wohl mit am beeindruckendsten war die exakt vierminütige Zusammenfassung bzw. Collage aus allen 16 Komödien, denen die „Essenz rausgemolken“ worden war. Veranschaulicht am Whiteboard, lösten sich die Verstrickungen um schöne Töchter, Sadisten, Esel und Feen bzw. Pfeile, Querverweise und Strichmännchen nach dem energiegeladenen Vortrag in Wohlgefallen auf. Bei Romeo und Julia wurde es sentimental: Alte Aufnahmen derselben Darsteller begleiteten die Szene – und „richtig heartbroken“ war man nicht nur wegen der Handlung, sondern auch, weil dieses Ensemble so nicht wieder zusammenkommen wird. Ein sehr persönlicher und authentischer Moment. Grundsätzlich setzt die Inszenierung weniger auf Ehrfurcht als auf respektlose Brechung – selbst dort, wo man sie am wenigsten erwartet: Othello oder Fiesco? Spielt doch keine Rolle. Anmutig vorgetragene Originalzitate? Versteht das Publikum doch sowieso nicht. Eben noch klingt die obligatorische Biografie des Meisters nach Oberstufenreferat, nach Jahreszahlen und Bildungspathos, dann rutscht die Stimme unvermittelt in den fanatischen Duktus aus Mein Kampf. Dieser schamlose Absturz von Literaturwissenschaft zu Führerpose ist gleichermaßen verstörend wie komisch – und genau deshalb so treffsicher. Wichtig: Weder die Inszenierung noch die fantastischen Darstellerinnen und Darsteller verspotteten Shakespeare, sondern vor allem die Ehrfurcht, mit der man ihn oft behandelt. Gerade in der respektlosen Lust am Klamauk zeigt sich jedoch die größte Wertschätzung – wer sich so treffsicher über den Kanon lustig macht, hat ihn ziemlich genau verstanden.
Wenn man alles andere abgefrühstückt hat, bleibt am Ende nur noch Hamlet – der „heilige Gral“ der Literatur. Nach der Pause wurde „Shakespeares Schlappschwanz“ dann auch entsprechend behandelt: nicht ehrfürchtig, sondern hemmungslos ausgeschlachtet. Kaum geht es los, weigert sich eine Schauspielerin renitent, überhaupt mitzuspielen – ein herrlich komischer Einfall, der die restliche Truppe sofort ins improvisatorische Chaos stürzt. Währenddessen trägt eine andere ganz nebenher ein sorgfältig ausgewähltes Sonett (Nr. 18) in atemberaubender Schönheit vor und erinnert daran, dass Shakespeare nicht nur für Lacher taugt. Der Geist ist mehr als pathetisch, Hamlet redet sich in Rage – muss aber „wegen der Sache mit Jeremia“ abbrechen –und die langen Monologe kann man ja getrost überspringen. Die Klosterszene darf selbstverständlich nicht fehlen, wobei eine Zuschauerin kurzerhand gezwungen wird, die Rolle der Ophelia zu spielen. Dabei wird sie gnadenlos „Bob“ genannt, und ihr Schrei wird als zu „eindimensional“ kritisiert. In diesem Moment verwandelt sich das Stück endgültig in ein interaktives Happening: Improvisation, spontane Einfälle und Publikumsbeteiligung übernehmen die Kontrolle, es plustert sich auf und führt Freudsche Interpretationsansätze mit Animus und Co. gleichzeitig ins absurd Lächerliche: „…Und ich will ein Baby jetzt sofort!“ Diese gewaltige Eskalation zu managen, war eine beeindruckende Leistung des Ensembles – und sie waren noch nicht fertig. Schädelszene, Laertesduell, theatralisches Sterben überall – „Der Rest ist Schweigen“. Und dann noch einmal Hamlet – schneller. Und dann noch einmal Hamlet – noch schneller. Und noch einmal – noch viel schneller und zudem rückwärts (eine außerordentliche Leistung nach eineinhalb Stunden Schauspielen). Shakespeare wird gnadenlos durch den Kakao gezogen – und damit gleichzeitig geliebt und verehrt.
Am Ende war ein „Kraftakt“ auf die Bühne gebracht worden, Kursleiterin Wibke Moog fasste ihr Lob zusammen: „Ich bin stolz auf euch“ und dankte wie immer auch der Technik, den vier Jungs, die in den letzten Tagen eigentlich genau so viel Zeit neben der Bühne verbracht hatten wie der Rest. Schulleiter Bernd Geiser schloss sich dem Lob an und betonte, er könne platzen vor Stolz, (noch) der Schulleiter dieser Truppe zu sein. Die „großen Abschiedsworte“ fielen noch nicht am Abend der Premiere, aber klar wurde: Dieser besondere Kurs hatte über viele Jahre hinweg mit Wibke Moog die Liebe zum Theater geteilt, sich gegenseitig inspiriert und so manchen „wilden Ritt“ gemeinsam gemeistert. Ob Shakespeare-Kenner oder Laie – genau dieser wilde Ritt offenbarte das schauspielerische Können der Gruppe und die ungezähmte Schönheit des Werks des Großmeisters.


