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Blanca Knodel: Zu Besuch bei der Türmerin von Bad Wimpfen

Blanca Knodel ist die "Queen vom Blauen Turm". Wie gestaltet sich ihr Alltag als Türmerin über den Dächern von Bad Wimpfen?
Bad-Wimpfen-Blauer-Turm-Blanca-Knodel-AusblickFoto: Tobias Schwerdt

Der Blick schweift weit in die Hügel des Heilbronner Lands, während die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet. Es ist ruhig hier oben, über den Dächern von Bad Wimpfen. Blanca Knodel genießt die Aussicht über den Neckar. Ein Besuch bei der einzigen Türmerin Deutschlands, die auch dort wohnt, wo sie arbeitet.

„Ich trage meinen Geliebten sogar um den Hals“, lacht Blanca Knodel. Sie hat ihre große Liebe immer bei sich, seine Silhouette ist in das goldene Schmuckstück an der feinen Kette eingraviert. 27 Jahre hält diese Verbindung nun schon. Doch es ist nicht etwa das Gesicht eines Mannes, das auf dem Anhänger zu erkennen ist. Es ist der Blaue Turm in Bad Wimpfen.

Bad-Wimpfen-Blanca-Knodel-Ausblick.Foto: Tobias Schwedt
Bad-Wimpfen-Blanca-Knodel-Ausblick.
Foto: Tobias Schwedt

Oben zu Hause

Seit 1996 ist Blanca Knodel hier die Türmerin. Früher war es Aufgabe dieses Berufsstands, die Stadt vor Feinden oder Feuer zu warnen oder täglich per Glockenschlag die Uhrzeit zu verkünden. Der heutige Türmerinnen-Alltag hat damit wenig zu tun.

Stattdessen führt Knodel an manchen Tagen im Minutentakt Gäste zur Spitze des Blauen Turms, dem Wahrzeichen der Stadt. Türmerin zu sein bedeutet für sie jedoch weit mehr als nur Eintrittskarten für ein historisches Gebäude zu verkaufen. Mit Beginn ihrer Tätigkeit wurde die Türmerwohnung unterhalb der Turmspitze auch zu ihrem Zuhause. Wer möchte, kann beim Besuch auch in ihr privates Reich eintreten. Und das misst gerade einmal 53 Quadratmeter.

Keine Berührungsängste

„Bist du die Prinzessin?“, wurde sie einmal von einer kleinen Besucherin gefragt. „Ich bin eher die Old Queen“, hat sie geantwortet. Im Gespräch funkeln Knodels blaue Augen auch Fremde lebenslustig an. Sobald sie auf der Eckbank ihrer kleinen Wohnung sitzt und Gästen von ihrem Leben im Turm erzählt, ist die gebürtige Wimpfenerin voll in ihrem Element. Kaum eine Frage, auf die sie keine schlagfertige Antwort hat.

Blauer-Turm-Bad-Wimpfen-Aussenansicht.Foto: Tobias Schwerdt
Blauer-Turm-Bad-Wimpfen-Aussenansicht.
Foto: Tobias Schwerdt

Rückblickend scheint Blanca Knodel ihre Aufgabe in die Wiege gelegt worden zu sein. 1951 wurde sie in eine Wirtsfamilie hineingeboren, eine der ältesten in Bad Wimpfen. Ihren Eltern betrieben Wirtshaus „Zum Kräuterweible“. Dass Berufs- und Privatleben miteinander verschwimmen können, kannte sie daher von klein auf. Der Unterschied zum Wirtshaus: „Hier hoch kommen nur nette Menschen.“ Nur einmal in all den Jahren ist ihr mal der Kragen geplatzt, als ein Gast die Turmzeche prellen wollte.

Fernweh

Bis ins 17. Jahrhundert lassen sich die Einträge der Familie im Wimpfener Kirchenbuch verfolgen. Ein großer Familienstammbaum im Flur stellt die Ahnenreihe dar, über dem Klavier hat Blanca Knodel ihre Ahnengalerie aufgehängt. Inklusive der eigenen drei Kinder, die sie hier großgezogen hat. Und auch die Enkel warten darauf, ihren Platz zu finden.

Obwohl sie so tief mit der Stadt verwurzelt ist, wollte Knodel nach dem Schulabschluss erstmal neue Eindrücke sammeln. Auf Ibiza, im Hotelgewerbe. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, erinnert sie sich. Als der Vater krank wurde, kehrte sie zurück, unterstützte ihre Mutter in der Wirtschaft.

Foto: Tobias Schwerdt
Foto: Tobias Schwerdt

Multikulturell

Später zog es sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann erneut in die Ferne. Das Paar lebte unter anderem in Malaga, die beiden ältesten Kinder werden Anfang der 80er in Kanada geboren. Die Ehe hielt nicht lange und Knodel, schwanger mit der jüngsten Tochter, beschloss wieder in die Heimat zu ziehen. „Ich habe immer gewusst, dass ich wieder nach Bad Wimpfen zurückkommen werde“, sagt sie ohne Zögern.

In der Wohnung finden sich so viele Erinnerungen an ihr bewegtes Leben, wie es die begrenzte Fläche zulässt. „Alles Multikulti hier“, meint sie. An den Fenstern stehen alte Emporen aus Ibiza, auf den Regalen Elefantenfiguren, die noch aus der Wirtschaft ihrer Eltern stammen, und im Bad findet sich, in Flaschen und säuberlich beschriftet, Sand von Stränden in Malaga, Namibia oder Sri Lanka. An Urlaub denkt Knodel heute nur noch selten. Sie ist lieber hier in ihrem Turm.

Bad-Wimpfen-Türmerwohnung-Blanca-Knodel.Foto: Tobias Schwerdt
Bad-Wimpfen-Türmerwohnung-Blanca-Knodel.
Foto: Tobias Schwerdt

Turm mit Whirlpool

1994 bat man sie, den damaligen Türmer zu vertreten. Das machte sie wohl so gut, dass sie zwei Jahre später, als die Stelle neu zu besetzen war, ihre Bewerbung einreichte – mit Erfolg. Doch damit kam die nächste Herausforderung. Wie lebt man mit vier Personen auf 53 Quadratmetern in einem mittelalterlichen Turm? Mit viel Einfallsreichtum verwandelte Knodel die Einzimmerwohnung in ein Zuhause. Sie zog Wände ein, schaffte Nischen und Schlafzimmer für die Kinder. Die blieben, bis sie erwachsen waren und auszogen. Sogar einen Whirlpool hat sie ins Bad eingebaut, ein bisschen Luxus muss sein.

Und auch hinter dem Klavier, dem Herzstück der Wohnung, steckt eine abenteuerliche Geschichte: Eine Stuttgarter Spezialfirma brachte das schwere Stück pressewirksam nach oben. Sieben Minuten dauerte es, bis die starken Jungs das Instrument alle 134 Stufen hochgetragen hatten.

Alle willkommen

Für Knodel ist es wichtig, alles gemütlich und heimelig zu haben. „Egal wo ich bin, mach ich es mir schön“, sagt sie. Zahlreiche witzige Anekdoten hat sie in den 27 Jahren ihres Türmerinnendaseins gesammelt. Am Tisch in der Wohnung saßen unter anderem die ehemalige Familienministerin Annette Schavan, der (echte) Sheriff von Nottingham oder ein Vizeadmiral der US-Army. Doch hier sind alle willkommen. Eine besonders schöne Erinnerung hat Knodel an ihren ältesten Gast, einen 95-Jährigen, der sich nach dem mühevollen Aufstieg mit einem Gläschen Trollinger belohnte. Nach seinem Besuch meldete er sich bis zu seinem Tod drei Jahre später regelmäßig bei der Türmerin. „Ich kann Sie nicht vergessen“, meinte er.

Unvergessen wird der Aufenthalt nicht nur ihm bleiben. Ein ums andere Mal sorgt Knodels Wohnraum bei Gästen für Erstaunen. So sei dem Klavierlehrer ihrer Tochter, einem jungen Amerikaner, beim Tritt über die Türschwelle zunächst die Kinnlade nach unten gefallen. „That's reality, not Disneyland“ hatte Knodel daraufhin gewitzelt. Dass sie einmal keine Lust auf Besucher habe, käme eigentlich nie vor. Knodels Kinder bezeichneten die Begegnungen mit Menschen scherzhaft als „Doping“ für ihre Mutter.

Bad-Wimpfen-Blanca-Knodel-Wohnzimmer.Foto: Tobias Schwerdt
Bad-Wimpfen-Blanca-Knodel-Wohnzimmer.
Foto: Tobias Schwerdt

Ein unzertrennliches Duo

Wie sehr ihr Leben mit dem Blauen Turm verwachsen ist, sei ihr spätestens 2017 bewusst geworden. Nachdem die Stadt begonnen hatte, das Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert zu restaurieren, musste Knodel ihr Reich für fünf Jahre verlassen – eine Zeit, in der sie ihren Turm und den täglichen Kontakt zu Gästen schmerzlich vermisste. Auch für die Wimpfener gehören Türmerin und Turm unzertrennlich zusammen. Als Knodel 2022 ihr Zuhause endlich wieder beziehen konnte, meldete sich sofort eine Nachbarin bei ihr: Sie hatte das Licht im Turmzimmer bemerkt.

134 Treppenstufen können bereits junge Menschen zum Schnaufen bringen. Aber Blanca Knodel hat auch mit 72 nicht vor, ihren Turm zu verlassen. Sie hat ein klares Ziel vor Augen: Seit 27 Jahren ist sie nun Türmerin, mindestens drei Jahrzehnte lang möchte sie dieser Aufgabe nachgehen. Bis es 2026 so weit ist, werden also noch viele Gäste die Stadt von oben sehen, und – je nachdem – auch mal in den Genuss eines Gläschen Türmersekts kommen, den Knodel mit ihrem Namen darauf für besondere Anlässe bereit hält.

Zweisamkeit genießen

Obwohl sie den Trubel im Turm liebt, schätzt Knodel es, abends und an freien Tagen allein Zeit in ihren eigenen, ungewöhnlichen vier Wänden zu verbringen. Die Ahnengalerie mit Familienfotos, die bis ins Jahr 1850 reicht, gibt ihr dabei das Gefühl nie allein zu sein. Sie genießt die Zweisamkeit mit ihrem Blauen Turm. Wie in einer Liebesbeziehung eben.

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von jer
25.03.2024