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Touren-Tipps

Das Diesel-Dating von Sonnenbühl

Wer auf der Schwäbischen Alb das Abenteuer sucht, braucht keinen PS-Protzen. Es reichen 18 Kilometer pro Stunde auf einem Oldtimertraktor.
Frau sitzt auf Traktor
Nadine Kirsch mag alte Traktoren und vermietet sie für Fahrten auf der Schwäbischen Alb. Der Hela D14, Baujahr 1952, bringt es auf 18 Stundenkilometer.Foto: Maren Moster

Nadine Kirsch vermietet in Sonnenbühl echte Oldtimer-Traktoren. Unsere Autorin Maren Moster hat den Selbstversuch gewagt – zwischen Getriebekrachen und dem großen Glück der Langsamkeit. Der Sommer auf der Alb meint es heute gut. Die Hitze flimmert über dem Asphalt in Sonnenbühl, als wir vor der Scheune von Nadine Kirsch halten. Es riecht nach trockenem Gras, warmem Metall und einer Note Diesel. Hier drinnen warten die „alten Lieblinge“, wie die 35-Jährige ihre Flotte nennt. Unser Date für heute: Ein Hela D14, Baujahr 1952. Ein kleiner, grüner Kerl mit runden Scheinwerfern, die mich fast ein bisschen treuherzig anschauen.

Traktorfahren
Vor der Fahrt gibt es eine Einweisung in die Technik des Oldtimers.Foto: Maren Moster

Handarbeit statt Hightech

Bevor die Reise losgeht, bittet Nadine zur Audienz. Die Einweisung ist kein lockeres Bla-bla, sondern überlebenswichtig für das historische Getriebe. Der Hela hat keinen Zündschlüssel, den man einfach umdreht. Er hat eine Seele, die verstanden werden will. „Fahrt im dritten Gang an“, rät die Expertin. „Den ersten und zweiten braucht ihr nur am Hang. Und bloß nicht während der Fahrt zurückschalten!“

Chirurgischer Eingriff

Dann kommt der Moment der Wahrheit: das Ausschalten. Was bei modernen Autos ein Knopfdruck ist, wird hier zum chirurgischen Eingriff bei offenem Herzen. Um den Motor zu stoppen, muss ich die Kraftstoffzufuhr unterbrechen – und zwar manuell, während die Maschine unter mir bebt. Ein Griff zu weit links? Der Auspuff ist glühend heiß. Ein Stück zu weit rechts? Dort rotiert der Ventilatorflügel und wartet auf unvorsichtige Finger. Ich atme tief durch, greife zu, und: Stille. Der Hela schweigt. Die Finger sind noch dran. Erster Test bestanden.

Traktorfahrt
Vom hohen Traktorensitz aus sieht die Welt ganz anders aus. Der Fahrer erlebt die pure Entschleunigung.Foto: Maren Moster

Erbe mit Herzblut

Dass Nadine Kirsch heute hier steht und Laien erklärt, wie man einen Einzylinder bändigt, war so nicht geplant. Die 35-Jährige ist eigentlich Rechtsanwältin. Doch das Leben schrieb ein anderes Drehbuch, als ihr Vater Robert plötzlich verstarb und drei Oldtimer-Traktoren hinterließ. „In seinen E-Mails fand ich Anfragen von Zeitungen, die über seine Vermietung berichten wollten“, erzählt sie. Für sie und ihre Mutter war sofort klar: Das Erbe wird nicht verkauft, es wird weitergefahren.

Sound und Öl

Nadine fuchste sich ein. Learning by doing auf die harte Tour. Sie lernte, wie man schraubt, wie man den Sound des Motors liest und wann das Getriebe nach Öl verlangt. Heute wartet sie die Maschinen weitgehend selbst, unterstützt von Profis aus dem Bekanntenkreis. „Mein Vater wäre mächtig stolz“, sagt sie, und ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Traktorenfahrt
Hoch auf dem grünen Traktor sitz' ich beim Fahrer vorn.Foto: Maren Moster

Die Eroberung der Alb

Dann bin ich dran. Ich schwinge mich auf den Fahrersitz – „leichtfüßig“ wäre gelogen, es hat eher etwas von einer Kletterpartie. Zündung an. Die Glühkerze im Sichtfenster beginnt rötlich zu leuchten, ein mechanisches Lebenszeichen. Kupplung kommen lassen, und mit einem wohligen Rucken setzt sich die grüne Maschine in Bewegung.

Wir tuckern vom Hof. Mein Mann hat auf dem Beifahrerbänkchen Platz genommen und hält die Routenvorschläge fest – unser analoges Navi. Ein Strohhut ist heute Pflichtausstattung, denn Klimaanlage oder Dach sucht man hier vergeblich. Dafür gibt es 360-Grad-Panorama und den Fahrtwind bei exakt 18 Stundenkilometern.

"Es ist berauschend"

Was soll ich sagen? Es ist berauschend. Während uns moderne SUVs mit 100 Sachen überholen, thronen wir über der Fahrbahn. Man sieht die Welt anders, wenn man nicht an ihr vorbeirast. Man sieht den Habicht über dem Feld, riecht das frisch gemähte Gras und spürt jede Unebenheit der Alb. Der Hela vibriert, er lebt, er arbeitet. Es ist eine ehrliche Art der Fortbewegung.

Als wir nach zwei Stunden wieder an der Scheune einrollen, staubig und mit einem breiten Grinsen im Gesicht, nimmt Nadine uns in Empfang. Sie sieht uns an, dass der Funke übergesprungen ist. Auch der kleine Hela darf jetzt in den Schatten. Er ist schließlich nicht mehr der Jüngste – aber definitiv einer der Charakterstärksten auf der ganzen Alb.

Lust auf eine Tucker-Tour?

Wer selbst einmal den Alltag im Rückspiegel (sofern vorhanden) verschwinden lassen möchte, kann sich bei Nadine Kirsch ein Stück Zeitgeschichte mieten.

  • Kontakt: Nadine Kirsch, Kreuzweg 10, 72820 Sonnenbühl
  • Telefon: 07128 / 304161
  • Web: www.traktor-oldtimer-fahren.de
  • Tipp: Unbedingt festes Schuhwerk anziehen

Drei goldene Regeln für Traktor-Einsteiger

Wer zum ersten Mal auf einem Oldtimer-Traktor Platz nimmt, sollte einige grundlegende Dinge beachten, damit der Ausflug auf der Alb zum entspannten Erfolg wird:

1. Mut zur Langsamkeit

Ein Oldtimer-Bulldog ist ein Fahrzeug für Genießer, nicht für Eilige. Das gewohnte Tempo moderner Pkw gilt hier nicht. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 18 Stundenkilometern steht das Erlebnis der Landschaft im Vordergrund. Wer den Stress im Rückspiegel lässt und das gemütliche Tempo akzeptiert, entdeckt die Schwäbische Alb aus einer völlig neuen Perspektive.

2. Respekt vor der Technik

Jede historische Landmaschine besitzt eine eigene Akustik und individuelle Eigenheiten. Die detaillierten Anweisungen zur Bedienung – insbesondere zum Schalten und zum manuellen Abstellen des Motors – sollten konsequent befolgt werden. Die Getriebe aus den 1950er-Jahren sind sensibel; ein umsichtiger Umgang garantiert eine zuverlässige Fahrt und schont das technische Kulturgut.

3. Die passende Ausrüstung

Da Oldtimer-Traktoren weder über ein geschlossenes Fahrerhaus noch über eine Klimaanlage verfügen, ist die Kleidung entscheidend. Ein Strohhut oder eine Kappe, Sonnencreme und eine Sonnenbrille schützen vor der direkten Witterung. Für kühlere Abschnitte sollte eine windfeste Jacke bereitliegen. Besonders wichtig: Festes Schuhwerk ist für die sichere Bedienung der Pedale und einen stabilen Stand beim Auf- und Absteigen unerlässlich.

von Maren Moster
09.04.2026
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