
Wer im Südwesten unterwegs ist, erlebt zur Fasnet oder Fas(t)nacht wie die 5. Jahreszeit hierzulande heißt, ein Schauspiel wie aus einer anderen Zeit: Da ziehen Gestalten im kunstvollen Häs (wie die traditionellen Kostüme genannt werden) durch enge Gassen, ihre Holzmasken blinzeln freundlich oder wild, und irgendwo zwischen Schellen, Trommeln und Zurufen schimmert immer derselbe Archetyp hindurch – der Narr. Eine Figur, die gleichzeitig possierlich, geheimnisvoll und erstaunlich ernsthaft sein kann.
Denn während im Rheinland Prinzenpaare winken und Bonbons regnen, wird in Baden-Württemberg die Jahrhunderte alte Rolle des Narren gefeiert – ein Stück lebendes Kulturerbe mit viel Lokalkolorit. Skurrile und furchterregende „Hästräger“ bevölkern die Straßen. Während der tollen Tage steht die Welt Kopf und als zentrale Figuren dieses Kosmos führen die Narren hier ihr Regiment. Diese Symbolfigur in Schellentracht mit Eselsohrenkappe und Marotte, dem typischen Narrenzepter (wer kennt nicht Till Eulenspiegel?) hatte schon im Mittelalter eine didaktische Funktion.
Der Narr entstand eigentlich nicht aus dem Wunsch nach Spaß, sondern aus der moralischen Didaktik des Mittelalters. Ursprünglich stand er für Verirrung und Gottesferne – der Mensch, der nichts begreift und sich dennoch sicher fühlt. Doch das Geniale: Genau daraus gewinnt er seine Lizenz zur Kritik. Als einziger durfte der Narr Obrigkeit und Gesellschaft durch den Kakao ziehen. Nur er konnte sagen, was andere dachten.
Vor dem Hintergrund der Fastnacht als einem christlichen Fest am Vorabend der österlichen Fastenzeit verkörpert der Narr die Vergänglichkeit. Allen weltlichen Genüssen hemmungslos zugewandt, verleugnet er die gottgegebene Ordnung. Anstatt Nächstenliebe zu üben, frönt er ganz und gar der Eigenliebe, ja leugnet gar die Existenz Gottes (Psalm 53,1: „Der Narr spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“). Mehr Irrglaube, ja Sünde geht nach christlicher Vorstellung nicht, solche Verrücktheit im Glauben ist Teufelswerk und kann nur ins Unheil führen.
Mit der Zeit verschob sich jedoch die Bedeutung. Aus dem moralischen Spiegelbild wurde eine Art sozialer Blitzableiter: Der Narr entlastet, er überzeichnet, er erlaubt die Verkehrung der Ordnung – und genau das ist der Kern der Fastnacht vor Beginn der Fastenzeit.
Gekennzeichnet durch sein bunt „beflecktes“ Kostüm (im Gegensatz zum makellosen liturgischen Weiß) steht der Narr nicht nur durch sein Verhalten, sondern auch sichtbar außerhalb der Norm und wird zum Gegenentwurf des gottgefälligen Menschen. Die katholische Kirche tolerierte die Fastnachtsfeiern, auch aus der Überlegung heraus, dass man das Übel kennen müsse, um sich umso überzeugter dem Heil zuzuwenden und dass dem reuigen Sünder am Aschermittwoch vergeben werde.
Baden-Württemberg spielt hier in einer eigenen Liga. Die schwäbisch-alemannische Fasnet ist kein Karneval nach dem Motto „alles kann, nichts muss“, sondern ein hochkultiviertes Brauchtum, das bis heute auf lokaler Identität basiert. Seit 2014 ist sie auch offiziell Teil des immateriellen Kulturerbes. Wer einmal beim Rottweiler Narrensprung dabei war, versteht sofort, warum. Die Narren strömen – oft im Gleichschritt, begleitet von Trommeln, Schellen und Fanfaren – in großen Gruppen durch die Altstadt. Zuschauer werden angesprochen, mit Bonbons bedacht, mal wilder, mal freundlich geneckt. Hinter den Kostümen stehen oftmals Jahrhunderte alte Narrenzünfte – Gemeinschaften, die Regeln, Figuren und Rituale verwalten. Sie bestimmen, wie ein Häs aussehen darf, wer es tragen darf und welche Gesten und Rufe erlaubt sind.
Der Narr überlebt, weil er mehr kann als nur blödeln. Er gibt Gesellschaften die Gelegenheit zur Inversion: Ordnung wird verkehrt, Autoritäten verlieren kurz ihre Macht, und die Gemeinschaft darf sich einmal im Jahr selbst testen – spielerisch, humorvoll, manchmal derb, aber immer mit einer klaren Rückkehr zur Normalität. In Baden-Württemberg ist das nicht Folklore für Tourismusbroschüren, sondern Heimat. Und vielleicht erklärt genau das, warum die Figur des Narren hier bis heute so lebendig ist.
Jeder Narrentyp erzählt eine eigene Geschichte. Einige der wichtigsten Figuren:
Weißnarren
Mit kunstvoll bemalten Leinenkostümen und schweren Rollen (Glocken) ziehen sie durch Städte wie Villingen und Bräunlingen. Sie wirken fast höfisch, bis sie mit einem schelmischen Handstreich Konfekt aus dem Karren verteilen.
Blätzle- und Fleckennarren
Aus tausenden Stoffflicken zusammengenäht – ursprünglich Symbol für menschliche Fehler und Sünden. Heute gehören sie zu den ikonischsten Bildmotiven der Fasnet.
Teufel und wilde Gestalten
Nicht wenige Narrentypen tragen Hörner, Fratzen oder Flammen-Elemente in den Masken. Das verweist auf die alte Verwandtschaft von Narr und Teufel: Beide führen den Menschen vor, beide irritieren die Ordnung.
Hexen
Von der „Moosmulle“ bis zur „Lagain-Hex“ – die Hexen gehören heute zu den Hauptfiguren der Umzüge. Ihre Larven sind oft Meisterwerke der Holzschnitzkunst, viele stammen aus traditionsreichen Schnitzerfamilien.


