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Geburtshelfer des Waldes: Zapfenpflücker steigen in die Höhe

Oben in den Wipfeln holen ausgebildete Zapfenpflücker Nachwuchs für den Forst von morgen. Auftraggeber: die Staatsklenge Nagold. Wir waren vor Ort.
Baum vor blauem Himmel.
Die Staatsklenge Nagold hat zahlreiche Aufgaben.Foto: Maren Moster

Manchmal dauert es über eine Stunde, bis die Wurfschnur sicher an einem passenden Ast hängt, und das Kletterseil in den Baum gezogen werden kann. Wenn alles an der richtige Stelle befestigt ist, kann die eigentliche Arbeit beginnen: Meter um Meter hangeln sich die Waldarbeiter an den Seilen die Weißtannen hinauf.

Keine Baumpfleger

Dieses Mal findet ihr Einsatz in der Nähe von Oppenau statt. „Wenn alles normal läuft, sind wir bis heute Abend beschäftigt“, berichtet Gerhard Strasser. Nein, keine Baumpflege. Der 54-Jährige ist offizieller Zapfenpflücker und holt am Tag bis zu 800 Zapfen vom Baum, mit einem Gesamtgewicht von etwa 200 Kilogramm. Solche Zahlen zaubern Tom Müller im knapp 60 Kilometer entfernten Nagold ein Lächeln ins Gesicht, denn die Zapfenpflücker im Oppenauer Staatswald sind in seinem Auftrag unterwegs. Tom Müller ist Leiter der Staatsklenge. Kaum einer kennt diesen Begriff: „Wir sind die Geburtsstation des Waldes“, erklärt er die Aufgabe dieser Einrichtung.

Der Wald von Morgen

Seit 1947 ist die Klenge im Eigentum des Landes. Saatgut wurde hier aber schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewonnen, als die Klenge noch in privaten Händen betrieben wurde.

Zentral zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb gelegen, versorgt die Staatsklenge heute Forstbetriebe und Baumschulen mit Saat- und Pflanzgut, um den Wald von Morgen nachpflanzen zu können.

Nahaufnahme von Samen, die aus dem Boden keimen.
Keimzeit: Aus den Zapfen wachsen die Keime für künftige Wälder.Foto: Staatsklenge Nagold

Es knistert

Das Problem bei Tannenzapfen: Sobald sie reif sind, zerfallen sie. Deshalb werden sie unreif geerntet und müssen in der Staatsklenge zunächst einige Wochen bei einer Temperatur von 20 Grad schonend nachgereift werden. Nach rund sechs Wochen geben sie ihre Samen frei. Der Name „Klenge“ ist übrigens laut dem deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1873 von dem knisternden Klang der aufspringenden Zapfen abgeleitet.

Samen aus dem Kühlschrank

„Da es nicht jedes Jahr Samen von jeder Baumart gibt, frieren wir die Samen im Kühlhaus ein“, erklärt der Forstspezialist. Zehn bis 20 Jahre können Nadelholzsamen auf diese Weise gelagert werden. Bei der Weißtanne, schränkt er jedoch ein, sind es lediglich vier Jahre. Aufbewahrt werden die Samen in großen Glasbehältern oder luftdicht abgeschlossenen Plastiksäcken des Kühlhauses – auch, um auf Naturkatastrophen wie schwere Stürmen vorbereitet zu sein. Dann muss der Wald schnell wieder aufgeforstet werden.

Hochkant-Schwarzweißfoto eines Zapfenpflückers auf einem Baum geklettert.
Traditionshandwerk: Die Zapfenpflücker blicken auf eine lange Tradition zurück.Foto: Staatsklenge Nagold

Sprung in die Vergangenheit

Tom Müller ist also so etwas wie ein Baumnachwuchsbeschaffer, denn unser Wald ist zwar „naturnah, aber alles andere als natürlich“, bringt es der Spezialist auf den Punkt. Dazu zeigt er ein Bild vom Wald in Nagold vor knapp 200 Jahren. Bäume sucht man hierauf fast vergebens. Die Eichen- und Buchenwälder früherer Tage wurden von Köhlern, Grubenbauern und Glasherstellern gnadenlos abgeholzt. Zur Herstellung von einem Kilogramm Glas verfeuerten die Glasbläsereien rund ein Kubikmeter Holz. Unendlich viele dicke Stämme aus dem Schwarzwald wurden außerdem nach Holland für den Schiffsbau geflößt. „Ganze Landschaftsstriche waren komplett entwaldet“, weiß Müller.

Deshalb startete damals ein groß angelegtes Aufforstungsprojekt, bei dem vor allem anspruchslose Baumarten wie Fichten und Kiefern gepflanzt wurden. Es dauerte etwa hundert Jahre, dann hatte sich der Wald wieder erholt und die Bedeutung und die Anzahl der Klengen ging zurück.

Kampf gegen den Klimawandel

Heute gibt es deutschlandweit noch zehn staatliche Klengen und fünf private – und auch wieder Einiges zu tun: Es ist vor allem der Klimawandel, der Tom Müller und seinen Forstkollegen Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Die einst gepflanzten Fichten und Kiefern kamen damals sehr gut mit dem mageren Boden der entwaldeten Republik zurecht. Die klimastabile Kiefer macht sich auch heute noch immer ganz gut, aber die Fichte ist so langsam am Ende ihrer Kräfte. Immer wärmer, immer trockener – irgendwann ist Schluss. Müllers Hoffnung liegt deshalb auf anderen, klimastabileren Baumarten wie der wärmetoleranteren Douglasie. In der Gegend rum um Freiburg gibt es das größte Douglasiengebiet in Deutschland, weiß der Experte. Denn Anfang des 20. Jahrhunderts wurden im Freiburger Stadtwald versuchsweise Baumarten aus Nordamerika gepflanzt. Und die Douglasie hat sich besonders gut integriert.

Mann klettert Baum hoch.
Schwindelfrei: Die Arbeit der Zapfenpflücker findet in großen Höhen statt.Foto: Maren Moster

Gute Gene sind wichtig

Mit bis zu 60 Meter wird die nordamerikanische Baumart zwar relativ groß, so dass die Zapfenpflücker für die Ernte hoch hinaus müssen. Aber ihre Zapfen sind mit 20 bis 30 Gramm verhältnismäßig leicht. Ein Zapfen enthält auch nur sechs bis zehn Samen. Zum Vergleich: Ein Weißtannenzapfen wiegt 250 Gramm und enthält rund 150 Samen. Ob die Douglasie tatsächlich die Ausfälle der Fichte kompensieren kann, muss sich erst noch zeigen.

Experimentierfeld Wald

In der klengeeigenen Baumschule experimentieren Tom Müller und seine zehn Kollegen und Kolleginnen sicherheitshalber auch mit der Anzucht von etlichen anderen Baumarten und Herkünften, wie zum Beispiel der türkischen Baumhaseln oder der nordafrikanischen Atlaszeder. Hochwertige Samen sind in der Arbeit der Staatsklenge das A und O. Die haben allerdings ihren Preis: Ein Kilogramm zertifiziertes Saatgut kostet um die 1000 Euro.

Elementar wichtig

Dafür weiß Tom Müller von jedem Samenkorn, woher es stammt: In den bewährten Baumbestand dürfen nur autorisierte Pflücker, die ihre Ernte unter den wachsamen Augen des Revierförsters abliefern. „Die Arbeit der Zapfenpflücker ist elementar“, betont Müller. Die Staatsklenge Nagold bildet deshalb seit über 40 Jahren auch selber Zapfenpflücker aus. Bäume lassen sich nur dann erfolgreich fortpflanzen, wenn sie einen guten Stammbaum haben. Ein Kriterium dafür: Die Baumvorfahren sollten sich als gestandene und gesunde Holzlieferanten bewährt und sich gut an ihre Heimat angepasst haben. Eine Weißtanne aus dem Schwarzwald zum Beispiel käme an der Nordsee sicher nicht gut zurecht. Weniger als zehn Prozent des elf Millionen Hektar umfassenden deutschen Waldes sind übrigens für die Zucht anerkannt.

Geschäftstüchtige private Waldbesitzer können sich zwar mit ihren Bäumen „bewerben“, müssen aber bestimmte Vorgaben erfüllen. Wo geerntet werden darf, legt die Forstdirektion fest. Erst wenn sie dieses grüne Licht von offizieller Seite bekommen haben, rücken Gerhard Strasser und seine Pflück-Kollegen mit ihren Seilen und Beuteln an. Doch für heute haben die drei Zapfenpflücker auch erst einmal Feierabend. 600 Kilogramm bringt ihre Ernte auf die Waage. Sieht nach einem perfekten Tag aus – auch für Tom Müller. 250.000 neue Weißtannen können daraus entstehen. Theoretisch zumindest …

Zapfen hängen an Bäumen.
Welche Zapfen gehören zu welchen Bäumen?Foto: Maren Moster

Zu welchem Baum gehören diese Zapfen?

1. Lärche

Die Zapfen hängen immer an Zweigen, wenn man sie auf dem Waldboden entdeckt. Warum? Die Samen der eiförmigen Zapfen fliegen mit ihren Flügeln fort. Zurück am Baum bleiben „entsamte“ Zapfen. Es kann bis zu zehn Jahre dauern, bis sie mit dem Ast abfallen.

2. Kiefer

Die Zapfen reifen zwei Jahre am Baum, dann werden sie abgeworfen. Die Samen kann man übrigens essen. Einfach aus den Zapfen herauspuhlen und in einer Pfanne rösten (das verstärkt den nussigen Geschmack). Super für Pesto oder als Topping im Salat.

3. Tanne

Beim Waldspaziergang sammeln wir „Tannenzapfen“ – doch was wir in den Händen halten, stammt tatsächlich von der Fichte. Echte Tannenzapfen fallen nämlich fast nie als Ganzes zur Erde: Sie wachsen aufrecht am Zweig und zerfallen dort in einzelne Schuppen.

4. Douglasie

Der aus Nordamerika eingeführte Nadelbaum hat verschiedene Namen (Douglastanne, Douglaskiefer oder Douglasfichte), es handelt sich aber um eine eigenständige Gattung. Die Zapfen mit den zipfeligen Schuppen wachsen aufrecht, hängen aber im reifen Zustand. Und wie bei der Fichte werden sie auch abgeworfen.

5. Erle

Hat hier die Natur verrückt gespielt? Scheint so! Die Erle ist nämlich der einzige hei- mische Laubbaum, der Zapfen trägt. Die bleiben bis zum nächsten Frühjahr am Baum, so dass die Erle im Winter leicht zu erkennen ist.

6. Fichte

sticht, Tanne nicht. Ein weiteres Erkennungsmerkmal: Ihre Zapfen hängen herab und verändern sogar ihr Aussehen: Bei Trockenheit, also guten Flugbedingungen für die Samen, öffnen sich die Zapfen, bei Regen und hoher Luftfeuchte schließen sie sich.

7. Mammutbaum

Ein Zapfen braucht erst einmal zwei Jahre für seine volle Entwicklung. Dann hat er 200 bis 300 Samen in der Größe von Haferflocken produziert. Bis er auf den Bo- den verfällt, vergehen nochmals 20 bis 30 Jahre.

8. Zypresse

Die Zypressenfamilie besteht aus etwa 20 Gattungen und 130 Arten – dazu gehören auch Wacholder und Thuja. Von daher sehen auch die Zapfen unterschiedlich aus. Gemeinsam ist ihnen: Noch grün geerntet, können sie als Heilmittel bei Erkältungskrankheiten verwendet werden, zum Beispiel als Tee.

von Maren Moster
27.11.2025
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